Bad Salzdetfurth - Wenn die Sirenen losgehen, weiß jeder Feuerwehrmann und jede Feuerwehrfrau: Jetzt wird es ernst. Denn üblicherweise bekommen ihre Mitmenschen eine Alarmierung gar nicht mit, denn sie funktioniert leise, digital über Meldeempfänger und Handy. Am 26. Februar schallt das Sirenengeheul um 1 Uhr durch die Nacht. Die Retter springen aus den Betten, machen sich auf den Weg. Es wird ein Einsatz, der sie über Gebühr fordern und noch lange beschäftigen wird.
Alles griffbereit
Paul Schwiderrek (27) lässt seine Socken immer am Bett liegen, wenn er schlafen geht. Sollte ein nächtlicher Einsatz kommen, kann er sie schnell greifen. Gleiches gilt für Jogginghose und Sweatshirt. Seine Kameraden halten es ebenso. Sie sind voll berufstätig, als Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Bad Salzdetfurth jedoch immer in Alarmbereitschaft. Auch in dieser Nacht. Paul Schwiderrek und Justin Gancarz (28) sind Atemschutzgeräteträger. Sie bilden bei diesem Einsatz den Angriffstrupp. Das heißt, sie gehen in das brennende Gebäude. Sören Hoffmann (46) ist stellvertretender Ortsbrandmeister und Einsatzleiter in dieser Nacht. Die drei Männer sind bereit, etwa einen Monat nach dem Einsatz mit der Redaktion über diesen besonderen Einsatz zu sprechen – bei Cola Zero im Gruppenraum der Feuerwehr Bad Salzdetfurth.
Als sie im Feuerwehrhaus hinter dem Rathaus ankommen, wissen die Feuerwehrleute, dass ein Hausrauchmelder losgegangen ist. Das geschieht öfter, auch nachts, und dann sitzen die Retter im Feuerwehrfahrzeug und fragen sich: Warum passiert das immer nachts? Denn oft handelt es sich um einen Fehlalarm. Doch diesmal ist es anders. Hoffmann hat die Adresse gesehen, zu der sie müssen. Er weiß, dort stehen Mehrfamilienhäuser. „Ach du Scheiße“, sagt er. Und seine Kollegen im Fahrzeug wissen: Wenn der 46-Jährige das sagt, ist es ernst.
Unzählige Male geübt
Bei der Feuerwehr ist alles geregelt, damit es im Ernstfall reibungslos läuft. Sie haben es unzählige Male geübt, sind hochqualifizierte Fachleute. Und so sitzen die Atemschutzgeräteträger immer hinter dem Fahrer, nicht in Fahrtrichtung. Sie sehen daher nicht, was Hoffmann sieht, als das Fahrzeug in die Lärchenstraße biegt: Flammen schlagen aus dem Haus. Auf dem Balkon steht ein Mensch – ebenfalls in Flammen. Ihnen kommen die Bewohner des Hauses entgegen. Teilweise haben sie schwere Verbrennungen an den Händen. Justin Gancarz und Paul Schwiderrek steigen aus, wie alle neun Insassen des Einsatzfahrzeuges. Sie funktionieren, rufen das Gelernte ab, ein Rädchen greift in das andere.
Sogar Kochtöpfe geschmolzen
„Wir sind dann hochfokussiert“, sagt Justin Gancarz. Er kam durch einen Freund vor etwa acht Jahren zu den Rettern in der Stadt. Mit Paul Schwiderrek an der Seite steigt er die Stufen zu dem Hauseingang hoch. Vierzig Meter liegen zwischen dem Einsatzort und der Straße, an der die Einsatzfahrzeuge stehen. Die Atemschutzgeräteträger gehen in das brennende Haus. Es ist extrem heiß. Das auszuhalten, üben sie ebenfalls. „Im Heißbrandausbildungscontainer in Bernburg werden solche Einsätze trainiert“, erklärt Hoffmann. Im Container herrschen Temperaturen bis 500 Grad Celsius. Im Haus ist die Temperatur mehr als doppelt so hoch. Kochtöpfe und sogar Gläser schmelzen am Brandort. Nachdem die Atemschutzgeräteträger aus der Brandwohnung kommen, überlegen sie, auch noch in die Wohnung darüber zu gehen. Doch die Hitze im Treppenhaus ist derart massiv, dass sie umdrehen. Paul Schwiderrek hadert mit sich, denkt zunächst, dass er persönlich versagt habe. Hat er aber nicht. „Da hat mir die Nachbereitung sehr geholfen“, sagt der junge Mann.
Das Wichtigste ist, so Einsatzleiter Hoffmann, dass die Feuerwehrleute in voller Mannstärke vom Einsatz zurückkommen. Insgesamt sind an diesem Einsatz 126 Rettungskräfte beteiligt. Am Ende sind 21 Menschen in Sicherheit. Nur den Mann vom Balkon, den konnten sie nicht retten. „Wir haben die gerettet, die zu retten waren“, sagt Hoffmann. Als die Flammen gelöscht, die Geretteten in Sicherheit sind, beginnen die Einsatzkräfte noch vor Ort, die Schläuche und die Einsatzkleidung zu tauschen, damit die benutzte gereinigt werden kann und die Fahrzeuge gleich wieder einsatzbereit sind. Erst dann geht es zurück zum Feuerwehrhaus. „Bei uns ist ja alles geregelt, und so dürfen die Kollegen erst aussteigen, wenn ich ‚absitzen‘ sage“, erklärt Hoffmann. Bevor er das Wort an diesem Morgen ausspricht, dreht er sich zu seinen Leuten um. Er skizziert kurz, was passiert ist, und fragt, wie es ihnen damit geht. Vor Ort ist ein Vertreter der Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte, der mit den Einsatzkräften über das Erlebte spricht.
Nachbesprechung mit Notfallseelsorgern
„Reden hilft, das ist immer gut“, sagt Justin Gancarz. Einige gehen nach so einem Einsatz schnell nach Hause, andere bleiben noch und tauschen sich aus. Zwei Wochen nach dem Einsatz gibt es eine größere Nachbesprechung, dazu sind ebenfalls Notfallseelsorger eingeladen. „Es ist sehr wichtig für jeden, mögliches persönliches Versagen auszuschließen“, sagt Hoffmann. So wie für Paul Schwiderrek etwa.
Aus Feuerwehrsicht sei der Einsatz sehr gut gelaufen. Die damit verbundene Dramatik ist etwas anderes. Die Feuerwehrleute sind stolz auf das, was sie geleistet haben. „Ich würde mich jederzeit wieder auf den Platz des Atemschutzgeräteträgers setzen. Denn es ist mein Traum, Hilfe zu leisten“, sagt Justin Gancarz. Er, Hoffmann und Schwiderrek würden sich wünschen, dass viel mehr Menschen sich bei der Feuerwehr engagieren. Aktuell zählt die Bad Salzdetfurther Wehr 70 Aktive. „Mehr ist immer gut“, sagt Paul Schwiderrek. Bis zum 67. Lebensjahr kann jeder aktiv mitmachen. Dabei muss man nicht unbedingt an vorderster Front dabei sein. In den Bereichen Logistik, Hygiene und auch Fahrer mit Lastwagenführerschein werden gebraucht. „Wir arbeiten alle und haben alle Familie“, sagt Paul Schwiderrek, der als Elektromeister sein Geld verdient. Gancarz arbeitet in der Gastronomie, und Hoffmann ist Pflegedienstleiter. Wie ihre Kollegen in der Wehr ist ihr Ziel, in Situationen wie der am 26. Februar, da zu sein, zu helfen und zu retten.
Einfach dazukommen
Interessierte können einfach zu den Übungsabenden am 1. und 3. Dienstag im Monat, 19 Uhr, ins Bad Salzdetfurther Feuerhaus kommen.

