Hildesheim - „Ordnung kann ich nicht“, gesteht Andrea Reetz mit einem eher gelassenen Blick durch das Chaos in ihrem nur wenige Quadratmeter großen Atelier in einem 350 Jahre alten, wieder aufgebauten Fachwerk-Hauses im schönsten Teil Hildesheims. In dem bei gutem Wetter die Fenster offen stehen und Passanten neugierige Blicke in die Stube mit ihren vielen Stoffen, Fellen und Taschen werfen – und auch mal Fragen stellen.
Besonderer Blickfang: der Hund auf dem Nähtisch. Milo darf das. Seit einem Jahr bestimmt der Puggle, eine Mops-Beagle-Mischung, den Alltag der Taschendesignerin. „Er kam und blieb“, strahlt die 56-Jährige das pelzige Wesen mit den riesengroßen Augen an. Dabei ist das freche Kerlchen eine Herausforderung: „Noch nicht perfekt sozialisiert und mit großem Jagdtrieb“, stellt Reetz bei ihren zwei bis vier Stunden Spaziergang täglich fest. Ruhepool in dem Gewusel ist Luna, die sie vor neun Jahren aus Spanien „importiert“ hat. „Sie ist wie ein Kind und mag nicht allein sein“, zeigt sich Reetz immer noch total verliebt in den Hund.
Vorschlaghammer zum Klopfen
Aber die beiden sind nicht das einzige tierische Produkt, das die Designerin gern mit den Händen bearbeitet. Die Hunde werden gestreichelt, die Felle dagegen zerschnitten. Wichtigste Utensilien sind der Cutter, um das Model zuzuschneiden, der Vorschlaghammer, um Leder und Nieten platt zu klopfen. Und natürlich die Ledermaschine mit Dreifach-Transport, wie Reetz stolz erzählt.
Herzensprojekt ist seit einiger Zeit der Rucksack. Aber nicht „plump, öko und sportlich“, sondern „die Tasche auf dem Rücken“. Reetz hat sie selber entwickelt, am Anfang stand die Idee, das Laptop tragefreundlich unterzubringen. Nun ist sie stolz auf Extras wie die versteckte Tasche, in die man auch greifen kann, wenn das Teil auf dem Rücken hängt.
Taschen zum Schleppen
Weiter sind da der klassische Tornister und der riesige Shopper zum Umhängen, „wo man nichts findet. Aber die Frauen lieben es“, schmunzelt die Vegetarierin, die schon zu Schulzeiten ihr Leberwurstbrot gegen Schokokussbrötchen eingetauscht hat. Für die Variationen der Taschen ist das Leder zuständig: geprägt, geschliffen, gelackt und in unterschiedlichen Farben kommt es von ihrem geliebten Lederdealer aus Süddeutschland. „Solange Menschen nicht aufhören, Fleisch zu essen, brauch ich mir keine Gedanken über mein Material zu machen", ist sie froh über diese „sinnvolle Weiterverwertung“.
„Ich habs mit Stoff versucht und bin kläglich gescheitert“, erzählt die Rothaarige. „Leder muss man nicht bügeln und heften. Da komme ich mit Klebstoff und Tacker zum Ziel“, grient sie. Ziel sind klassische Taschen, „ohne Klimbim, fast archaisch und robust“, beschreibt Reetz ihre Handschrift. Lediglich Reißverschlüsse und Beschläge dürfen ans Leder, „aber die müssen schon etwas Besonderes sein“.
Am liebsten Kuhfell
Ihr Augenstern ist das Kuhfell: „Aber für die Hildesheimer zu gewagt“, zuckt sie die Schultern angesichts des haarigen Braun-Weiß‘. Ganz neu im Sortiment ist portugiesische Korkeiche: „Leicht, strapazierfähig, wasserabweisend, nachhaltig und in tollen Farben“, schwärmt die Designerin.
Resteverwertung
Gern arbeitet sie dafür auch die Bag in Bag, sozusagen eine Art Kulturtasche, in der die wichtigsten Dinge schnell zur Hand sind. Spaß machen ihr auch die Handytaschen, für die sie Reste verwertet. Die bunten Taschen sind mit Filz sicher gepolstert und haben ein Rückholbändchen, wie Reetz stolz vorführt.
Am Anfang nähte sie – durch Sylvia Pook vom „Hokus Pokus“ in der Wollenweberstraße inspiriert und angeleitet - Lederhosen: für sich und Freunde. Und das im Schlafzimmer in ihrer Wohnung im Hinteren Brühl. 1992 besorgte sie sich einen Gewerbeschein. Heute sind ihre Taschen, Portemonnaies und Schlamper (Behältnis für Stifte) in der Galerie ZEHN zu erwerben. „Für mich ein wichtiger Raum, um meine Produkte ausstellen und verkaufen zu können.“ Trotzdem stellt sie ihr Angebot auch noch auf Messen aus. Und ist froh über die Online-Shops.
Taschen als Lebenskonstante
Taschen sind eine Konstante im Leben der gebürtigen Bad Gandersheimerin. „Ich brauche immer was zum Fummeln, früher war es Stricken. Ständig. Im Plenarsaal und selbst im Büro unterm Tisch.“ Dann kam das Leder zu ihr, „und ich hab es gepackt“. In diesen wilden Jahren ließ sich die junge Reetz von Menschen und Musik in Kneipen inspirieren. „Ich war eine verrückte Nudel, überall das Küken, neugierig und unkompliziert.“ Inzwischen ist sie häuslicher geworden.
Die Kneipe als Familie ist der Wohnung samt Hunden gewichen. Mit 17 Jahren verließ Reetz ihr Heimatdorf Holle, wo sie alle Bäume erobert, Volleyball gespielt und in der Kneipe Krökeln-Spezialistin war. Ihre Ausbildung zur Rechtsanwalt- und Notargehilfin in Hildesheim war für sie mit Freiheit verbunden.
Selbstbestimmt sein
Mit 26 Jahren dann schmiss sie den Job und wagte sich ins freie Leben: „Ich wollte selbstbestimmt sein.“ Zu dem Zeitpunkt wohnte sie schon im Hinteren Brühl, die Miete finanzierte sie mithilfe einer Untermieterin. Eine Zeitlang jobbte der Twen im Chapeau, seit 35 arbeitet sie beim Mieterverein, anfangs als Rechtsberaterin, heute halbtags als Büroleiterin.
Reetz ist zufrieden mit ihrem Leben. Und neugierig auf das, was noch kommt. „Ich muss nicht bis an mein Lebensende Taschen machen. Wenn mich was mehr triggert, bin ich weg.“ Seit einiger Zeit in ihrer Gartenlaube auf dem Land. 15 Quadratmeter mit fließend Wasser, Strom und sogar einem Ofen auf einem 2000 Quadratmeter Grundstück mit „einfach Wiese, Büschen, wild“. So habe sie auch Corona gut überstanden, gesteht Reetz. Inzwischen sei sie gern allein, vor allem in der Natur. Wobei man von allein angesichts von Milo und Luna wahrlich nicht reden kann.
Bei Fragen ist Andrea Reetz per Mail zu erreichen. Weitere Infos gibt’s zudem auf der Website der Designerin.
Zehn Jahre Galerie ZEHN
2010 haben sich zehn Frauen in der „Galerie Zehn. Kunst Handwerk Design“ zusammengeschlossen, um ihre Künste gemeinsam zu vermarkten. Der Start war in der Goschenstraße, seit 2012 residieren die Designerinnen in der Scheelenstraße 10.
Inzwischen hat sich die Gruppe auf acht Frauen gesundgeschrumpft. Vertreten sind in dem kleinen Geschäft Brigitta Müller, Annette Reiter, Vera Schellhorn und Basilea Welzel mit Schmuck, Susanne Papendorf mit Sitzkissen, Luliana Rodica Circa mit Grafik und Modedesign, Andrea Reetz mit Taschen und Michal Rensing mit Glasmagnettaffeln und Holzaccessoires. Außerdem stellen Gäste Kunsthandwerk aus.
Die Galerie ist geöffnet: Dienstag bis Freitag von 10 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 14 Uhr.

