Hildesheim - Immer, wenn das Spotlight im Publikum nach Freiwilligen sucht, bekommt meine Kollegin Katharina Brecht einen Schweißausbruch. „Kilian“, insistiert sie, „wenn die mich holen wollen, halt mich fest!“ Derweil wackeln auf der Bühne fünf nackte Hintern im Rhythmus zu „Alors on danse“ von Stromae. Katharinas Gesichtsausdruck changiert von entgeistert bis fasziniert. In einer eigens auf die Bühne geschobene Badewanne sieht man dann zwei blanke Pobacken über dem Gesicht einer Besucherin auf und nieder pumpen – und ich frage mich, wie zum Teufel ich hier, inmitten kreischender Frauen und neun Männern in weinroten Mini-Slips, gelandet bin.
Es sind die Sixx Paxx, europaweit tourende Stripper, die mit ihrer Show in die annähernd volle Halle 39 gekommen sind. Warum sich das aktuelle Programm „Colors“ nennt, bleibt an diesem Abend allerdings sowohl Katharina als auch mir unklar. Vielleicht wegen des gleichnamigen Lieds von Jason Derulo, das am Anfang gespielt wird. Oder weil das Programm bunt durchgemischt, ohne roten Faden, daherkommt. Das Publikum jedenfalls ist nicht besonders bunt: Wir sitzen hauptsächlich zwischen Frauen zwischen 20 und 40, hier und da hat sich aber tatsächlich auch ein einzelner Mann eingefunden. Aber es ist eindeutig: Dieser Abend ist den weiblichen Besucherinnen gewidmet. „Ihr habt heute Abend nur eine Aufgabe“, haucht der Moderator gleich zu Beginn um kurz nach 20 Uhr ins Mikrofon. „Schaltet euren Kopf aus, vergesst eure Männer und eure guten Manieren.“ Und: „Anfassen ausdrücklich erwünscht.“ Katharina und ich, Reihe 9, Platz 18 und 19, schauen uns verdutzt an. Hier geht’s direkt zur Sache.
Anlass zum Fremdschämen?
Dabei hatten wir vor der Show schon viel Schmieriges befürchtet, mit viel Anlass zur Fremdscham. Aber dass direkt in die vollen gegangen wird? Wohlgemerkt sind wir beide heute zum ersten Mal bei einer Männer-Stripshow. Erotik und Veranstaltungshalle, Sinnlichkeit und Massenspektakel – wie passt das zusammen? Im Foyer spricht uns ein Vertreter des Hauptsponsors Orion an. „Bock auf Ficken?“ Eine Flasche der Spirituose gleichen Namens bekommt man, wenn man bei einem Gewinnspiel mitmacht. Wir lehnen dankend ab.
Um 20.45 Uhr – die Show dauert insgesamt drei Stunden – folgt der erste obszöne Gag. „Mach mal die Augen zu und den Mund auf“, sagt Taylor Smith (laut Website „100 Prozent höflich“) zu einer Freiwilligen. Das Publikum flippt sogleich aus. Insgesamt bleibt es bei den Frauen, die von den Sixx Paxx auf die Bühne geholt werden, halbwegs respektvoll. Selbst dann, wenn eine von ihnen an ein Andreaskreuz geschnallt und von drei nackten Pobacken kräftig bewackelt wird.
Von pinken Mini-Slips
Trotz aller Pikanterie ist die Bühnenshow in großen Teilen geschmackvoll. Tolle Körper, logo. Ich finde vor allem die Choreographien schön. Wie kriegen die ihre Hosen eigentlich immer mit nur einem Ruck ausgezogen? Nur bei den pinken Mini-Slips sind Katharina und ich uns einig: Die gehen gar nicht.
Wir beide müssen uns aber erst mal eingrooven. Bei den ersten drei Liedern hält sich Katharina noch erschrocken die Hände vor den Mund. „Erotisch finde ich das bislang nicht“, so ihr Zwischenfazit. Drei Frauen blasen währenddessen in Schoßhöhe der Stripper Luftballons auf, bis sie platzen. Die Gewinnerin bekommt einen Vibrator geschenkt, Modell Womanizer mit 14 Intensitätsstufen.
Zweiter Teil kommt besser an
Vor allem im zweiten Akt nach der Pause legen die Männer dann aber eine gewaltige Schippe drauf, es wird deutlich verruchter. Und es gibt mehr Handlung: In Anlehnung an Fernsehserien wie „Sons of Anarchy“ oder „Peaky Blinders“ lassen die Männer ihr Bad Boy-Image raushängen – ihr bestes Stück jedoch bleibt stets handbedeckt. Ein Tänzer schwingt einen Baseballschläger – Sigmund Freud, ick hör dir trapsen. Dann gibt es noch eine Reise in die BDSM-Welt mit Fifty-Shades-Of-Grey-Songs, ein Käfig inklusive. Für mich war aber ein anderer Moment der zweitschönste und sinnlichste des Abends: Breno Alonso tanzt oberkörperfrei Ballett. Ästhetik pur. Überhaupt müssten die Tänzer meiner Meinung nach gar nicht immer ganz blank ziehen. Das wird auf die Dauer ja auch irgendwie fad. Dann mein absolutes Highlight: Moderator David Farrel, plötzlich ganz sittsam in Anzug gekleidet, bittet Meike auf die Bühne. Die von ihrem Partner frisch getrennte Frau bekommt das Liebeslied „All of me“ von John Legend vorgesungen. „Du bist gut so, wie du bist“, versichert ihr Farrel, der ganze fünf Minuten lang angezogen bleibt. Jeder und jede Anwesende kennt das Gefühl des Verlassenwerdens – offensichtlich. Das Publikum applaudiert und es gibt Standing Ovations für Meike. Ich habe Gänsehaut. Mein Meike-Moment klingt, ganz unironisch, lange nach. Auch bei Katharina: „Da zeigt sich wieder, wie toll Frauen sind“, freut sie sich, als dann noch eine andere Besucherin in der ersten Reihe aufsteht und die ihr fremde Meike umarmt. Schwierig wird es aber, nach diesem emotionalen Moment wieder die Kurve zu kriegen zu nackten Hintern. Der Übergang ist holprig. Stört die Besucherinnen aber nicht: Sie antworten „Ausziehen!“, auf die Frage, was sie jetzt sehen wollen.
Beim großen Finale reißt es das Publikum dann noch mal völlig von den Sitzen. Alle Stars geben sich noch einmal die Ehre, tanzen zu einem Boyband-Medley mit „Larger than life“ von den Backstreet Boys als Höhepunkt. In den Augen der Frauen im Publikum glitzert es vor Begeisterung. Auch Katharina und ich stehen jetzt, tanzen und kreischen ein bisschen. Was für ein Abend.
Anschließend kann man sich im Foyer für zehn Euro noch mit den Strippern fotografieren lassen. Am Merchandise-Stand kostet die Tasse mit den nackten Männern drauf 20 Euro, ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Girls just wanna have fun“ 30 Euro. Katharina und ich überlegen kurz, gehen dann aber ohne Souvenir nach Hause. Erinnerungen haben wir ja nun genug im Kopf.
von Kilian Schwartz und Katharina Brecht



