Hildesheim - Er ist überpünktlich. Schon einige Minuten vor der Verhandlung, die um 9.15 Uhr beginnen soll, erscheint der Mann vor dem Eingang des Saals 125 im Hildesheimer Amtsgericht. Der 44-Jährige muss sich wegen Raubes und Körperverletzung verantworten – Tatort war laut Staatsanwaltschaft im Januar 2024 ein Hildesheimer Netto-Markt. Der Angeklagte trägt eine braune Kappe, ein grüngraues T-Shirt und eine hellblaue Jeansweste. Auch sein Verteidiger Sebastian Ballauf ist da. Die beiden verschwinden im Gerichtssaal.
Bald ist klar: Mit dem Hildesheimer ist an diesem Tag keine ordentliche Verhandlung möglich. Der Mann hat reichlich Alkohol im Blut. Daher beordert der Vorsitzende Richter Jürgen Pompe die Polizei in den Saal. Ein Alkohol-Test mit einem Messgerät ergibt wenig später einen Wert von 1,88 Promille.
Ein psychiatrisches Gutachten soll her
Was jetzt? Die Staatsanwaltschaft beantragt, das Verfahren auszusetzen, zudem soll ein Sachverständiger den Hildesheimer psychiatrisch begutachten. Geklärt werden soll, inwieweit der Hildesheimer überhaupt schuldfähig ist und ob er möglicherweise in einer Entziehungsanstalt oder psychiatrischen Klinik untergebracht werden muss.
Das Ameos-Klinikum hatte dem 44-Jährigen, der in der Hildesheimer Altstadt wohnt und von einer rechtlichen Betreuerin unterstützt wird, bereits eine paranoide Schizophrenie bescheinigt. Zudem sei er zu einer freien Willensbildung nicht in der Lage.
Dann bricht es aus der Zeugin heraus
Kaum hat die Anklage den Antrag für die Prozessunterbrechung gestellt, bricht es aus einer Zeugin in der ersten Sitzreihe heraus. Wie lange das ganze Verfahren noch dauern soll, fragt die Frau. Es ist die Supermarkt-Kassiererin, die der 44-Jährige laut Anklage in dem Netto-Markt in der Innenstadt mehrfach ins Gesicht geschlagen und gegen ein Knie getreten hat, sodass diese zu Boden ging. Danach habe er sich mit einer Bierflasche davon gemacht.
Die Attacke plagt die Zeugin bis heute. „Ich muss am Monatsende zum zweiten Mal operiert werden“, beklagt sich die Frau im Gerichtssaal, der das Gehen sichtlich schwerfällt. „Ich habe mich nur verteidigt. Du wurdest auch handgreiflich zu mir. Ich habe auch meine Leiden“, entgegnet der Angeklagte.
Richter ordnet Polizeigewahrsam an
Jetzt wird es dem Vorsitzenden Richter Jürgen Pompe zu bunt. „Sie kommen beim nächsten Mal vor der Verhandlung abends in Polizeigewahrsam, um ihre Verhandlungsfähigkeit für den nächsten Tag zu sichern“, maßregelt Pompe den Hildesheimer.
Der will wissen, ob es bei der Polizei etwas zu essen gibt. Was Pompe bejaht. Zudem warnt er den Angeklagten eindringlich davor, vor dem nächsten Prozesstag einfach „abzutauchen.“ Wenn dieser nicht ordnungsgemäß vor Gericht erscheine, drohe Untersuchungshaft. „War das klar und deutlich?“ legt Pompe nach. Und: Wie der Angeklagte sich gegenüber der Zeugin verhalte und diese im Gerichtssaal „anblöke“, sei einfach „unschön“. Diese Ansprache scheint bei dem 44-Jährigen anzukommen.
Nach einer guten Stunde ist der Prozesstag schon wieder vorbei. Das Ganze nimmt die Frau, die immer noch in dem Netto-Markt in der Innenstadt arbeitet, augenscheinlich mit. An der Seite einer Begleiterin verlässt sie den Saal. Im Laufe der kommenden Monate werden sich die Beteiligten vor Gericht wiedersehen.
