Landgericht Hildesheim

Angeklagter im Hildesheimer Prozess um Investment-Kollaps: „Habe versucht, alle Feuer zu löschen“

Hildesheim - Der für die Anlagen verantwortliche Ex-Geschäftsführer der Hildesheimer Investmentfirma Bertram & Meyer beteuert vor Gericht, bis zum Schluss versucht zu haben, das Geld der Kunden zu retten.

Der Angeklagte Thomas Bertram (links) hat am Dienstag ausführlich ausgesagt. Foto: Chris Gossmann (Archiv)

Hildesheim - Sitzt da ein Betrüger auf der Anklagebank, der es als Geschäftsführer und verantwortlicher Händler der Investmentfirma Bertram & Meyer auf das Geld gutgläubiger Anleger abgesehen hatte? Aus Sicht der Staatsanwaltschaft sieht bisher alles danach aus: Die Strafverfolger haben in ihren Akten versucht nachzuzeichnen, dass das Geschäftsmodell des Unternehmens über Jahre nur als Schneeballsystem funktioniert hat. Nur, solange neue Anleger Geld nachschossen, während die Firmenchefs sich immer wieder Geld für eigene Zwecke überwiesen hätten – bis dann alles kollabierte. Thomas Bertram und sein Verteidiger Gerold Papsch setzen am Dienstag, dem vierten Verhandlungstag dieses bereits bis zum Sommer 2026 terminierten Mammutprozesses um die Multimillionen-Pleite, alles daran, den Ablauf und die Hintergründe anders darzustellen. Nicht als einen Plan zur Abzocke, sondern als fatales und finales Trading-Desaster im Dezember 2024. Einem „Unfall“ wie Bertram es rückblickend nennt. „Ich habe versucht, die Feuer zu löschen“, sagt der Beschuldigte, der seit April in Untersuchungshaft sitzt. Er sei dabei gescheitert.

Wo ist das Geld? „Es ist alles weg“

Ob noch irgendwo Geld, ein Rest des einstigen Gesamtanlagekapitals der rund 200 Kunden der Firma von knapp 20 Millionen Euro vorhanden sei, will der Vorsitzende Richter Thorsten Eikenberg wissen. „Nein“, sagt Bertram. „Es ist alles weg.“ Es gibt einige frühere Anleger, die nach wie vor davon ausgehen, dass das Geld beiseite geschafft worden sein muss und sie irgendwann noch etwas davon zurückbekommen können. Ihre Theorie: Die Angeklagten könnten sich das Geld irgendwann holen, sollten sie eine mögliche Haftstrafe abgesessen haben. Thomas Bertram sagt am Dienstag vor Gericht: „Kein Geld der Welt könnte auch nur einen Tag in Haft wettmachen.“

Der gelernte Tischler und Holztechniker ist am Dienstag bemüht, sich als kenntnisreichen Experten für Wertpapierhandel und Kryptowährungen zu präsentieren. Er sei schon immer der Typ Tüftler gewesen, seine Mutter habe ihn früher „Daniel Düsentrieb“ genannt. Bereits mit 18 Jahren habe er sich für Geldanlagen interessiert. Aus diesem Interesse sei immer mehr geworden, bis er etwa ab 2015 „vieles querbeet gehandelt“ habe, „auch Krypto“. Er habe dabei „eine Standardrendite von 100 bis 150 Prozent“ erreicht. In dieser Phase habe er Frank Meyer kennengelernt, sie seien Freunde geworden. Und schließlich Geschäftspartner. Zunächst, so Bertram, habe er nur für ein paar Freunde und Bekannte Meyers Geld angelegt. Weil das erfolgreich gelaufen sei, folgte die Gründung einer gemeinsamen GmbH. Die rechtliche Grundlage für eine saubere Investmenttätigkeit habe ein Fachanwalt geliefert, Details habe Frank Meyer mit dem Experten geklärt.

Was riet der Fachanwalt?

Und Bertram? Er sei davon ausgegangen, dass das ausreiche. Auf diesen Fachanwalt hat auch Meyer sich in seiner Aussage schon berufen. Tenor: Der habe zum Beispiel bestätigt, dass sie für ihre Firma in der Form mit dem Kundenstamm keine Erlaubnis der Bankenaufsicht bräuchten. Das ist offenkundig nicht richtig und auch Bestandteil der Anklage. Vorwurf: unerlaubte Bankgeschäfte. Was der Fachanwalt selbst dazu sagt, der den Angeklagten ihrer Darstellung nach praktisch einen Freifahrtschein ausgestellt hatte? Wird man bei einem der nächsten Prozesstermine erfahren – er wird als Zeuge aussagen.

Er habe zu keinem Zeitpunkt vorgehabt, sich persönlich zu bereichern, betont Thomas Bertram mehrfach. Ungereimtheiten in den Bilanzen, die die Strafverfolger als bewusste Fälschung werten, erklärt er mit angeblichen Versuchen, eine offenkundig chaotische interne Buchführung nachträglich zu korrigieren. Ihm sei klar, dass später korrigierte Zahlen nach Fälschung aussehen könnten, die Summe sei aber korrekt gewesen. Nach seiner Darstellung habe die Buchführung einem unaufgeräumten Schreibtisch geglichen.

Die Verantwortung schreibt er Frank Meyer zu – das habe in dessen Zuständigkeit gelegen, und er habe ihn mehrfach auf die Probleme hingewiesen. Im Verlauf des Verhandlungstags wird immer deutlicher: In der Firma lief offenkundig viel durcheinander, sodass kaum noch nachvollziehbar war, auf welchen Konten und in welchen Börsen welches Geld lag; Firmengewinne, privates Vermögen der Geschäftsführer und Kundenanlagen – es ist wohl vieles durcheinandergeraten. So sehr, dass nach Angaben des Vorsitzenden Richters selbst erfahrene Ermittler des Landes- und des Bundeskriminalamts nicht alles komplett durchdringen konnten. Er könne ja helfen, bietet Bertram dann an – er brauche nur Zugang zu den beschlagnahmten Rechnern und Zugänge zu Daten.

Bertram: „Es war ein Unfall“

Den endgültigen Crash, den Untergang der Firma Bertram & Meyer und damit den Verlust aller Kundeneinlagen, habe er bis zuletzt nicht vorhergesehen, sagt Bertram. Rückblickend ergibt sich aus seiner Darstellung folgendes Szenario: Ab Mitte 2024 beginnen mehrere Kunden, sich ihre Einlagen auszahlen zu lassen, womöglich, weil sie sich gegenseitig wegen niedrigerer Renditen als in den Jahren zuvor aufgestachelt und Sorge haben, sie könnten Verluste machen. Die Lage sei zunächst weiter beherrschbar gewesen, im Laufe des zweiten Halbjahrs habe die Kombination aus schwierigeren Bedingungen an den Märkten und fehlendem frei einsetzbarem Kapital die Situation aber zugespitzt. Er habe, so schildert es Bertram, Kunden eindringlich gebeten, Geduld zu haben, weil er die Sache wieder in den Griff kriegen würde. Doch das habe nicht gefruchtet. Schließlich sei am 20. Dezember 2024 alles kollabiert, als er wegen Kundenforderungen weitere 2 Millionen aus dem Handelsvolumen abziehen wollte. Er sei davon ausgegangen, dass er weiter genug Sicherheiten im Bestand habe, um im Handel zu bleiben. Doch es sei auf der Plattform stattdessen ein automatisierter „Margin Call“ ausgelöst worden – er habe keine Chance gehabt, Geld nachzuschießen, das komplette Guthaben sei verloren gewesen.

„Vielleicht habe ich mich verrechnet“, sagt Bertram. Der Totalverlust sei „durch eine beschissene Aktion“ eingetreten. Nein, als Betrüger sieht sich Bertram nicht. Als Verlierer, das schon.

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