Notunterkunft in Schliekum

Anspannung in Ruthe: Wie Helfer und Bewohner mit der Hochwasser-Lage und der Ungewissheit umgehen

Sarstedt/Ruthe - Muss wegen des Hochwasser im Kreis Hildesheim ein Teil von Ruthe evakuiert werden? Das könnte sich in der Nacht zu Mittwoch entscheiden – Helfer und Einwohner bereiten sich auf den Ernstfall vor, der so noch nie eingetreten ist.

DRK-Einsatzkräfte beim Aufbau von Feldbetten im Dorfgemeinschaftshaus Schliekum für Menschen aus Ruthe, die ihre Häuser bei einer Evakuierung verlassen müssten. Foto: Heiko Stumpe

Sarstedt/Ruthe - Es wird für viele Menschen in Sarstedt und vor allem in Ruthe wohl eine schlaflose Nacht werden – nicht nur für die Helferinnen und Helfer, die wegen des Hochwassers in Schichten im Einsatz sind, sondern auch für Anwohnerinnen und Anwohner, deren Hab und Gut bedroht sind. Vor allem in Ruthe, dessen nordöstlicher Ortsteil wie eingezwängt zwischen Innerste und Leine liegt – denn nach Einschätzung des Landkreises und der Einsatzleitung in Sarstedt entscheidet sich wohl in der Nacht zu Mittwoch, ob dieser stark betroffene Teil tatsächlich erstmals evakuiert werden muss. Dass dieser Schritt womöglich notwendig werden könnte, darüber haben die Mitglieder der Ruther Ortswehr alle Bewohnerinnen und Bewohner bereits am Dienstagnachmittag informiert, wie Ehrenortsbrandmeister Wolfgang Lühmann berichtet. „Wir sind von Haus zu Haus gegangen, damit die Menschen Bescheid wissen, was vielleicht passieren könnte. Wir hoffen alle noch, dass es nicht so schlimm wird, aber wir müssen auf alles vorbereitet sein.“ Er appelliert an die Vernunft der Menschen, schließlich habe das Unternehmen Avacon angekündigt, im Fall von einer weiten Überflutung den Strom abzustellen. Die meisten, so Lühmann, zeigen sich verständnisvoll. „Wir kennen uns hier ja alle, das funktioniert, man vertraut sich.“

Ruther Ortsfeuerwehr im Dauereinsatz

In drei Schichten mit je acht Mitgliedern organisiert sich die Wehr in diesen Hochwasser-Weihnachtstagen, die Einsatzkräfte behalten nicht nur die vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) gelieferten Daten zu Pegel- und Füllständen von Innerste, Leine, Talsperre und Rückhaltebecken im Blick, sondern behelfen sich ganz pragmatisch. Am Ende des Wegs Amtshof, in dem auch das Feuerwehrhaus ist, wo das Leinewasser bereits die Wiese überflutet hat und an das erste Grundstück reicht, haben die Helfer einen eigenen Pegel installiert – mit Hilfe eines großen Lineals, das sonst für Schultafeln verwendet wird. Ganz simpel, aber es hilft, die Lage direkt vor Ort einschätzen zu können. Einmal pro Stunde kontrollieren Lühmann und seine Kameradinnen und Kameraden den Stand und tragen ihn auf eine Tafel im Feuerwehrhaus ein.

Das Problem in Ruthe, einfach gesagt: Die Innerste kann nicht mehr in die Leine fließen, weil die auch übervoll ist – und so staut sich das Wasser und verteilt sich. Zusätzliche Flutwellen werden erwartet, weil die ausgelasteten Innerstetalsperre und das große Rückhaltebecken Salzderhelden am Dienstag deutlich mehr Wasser in Innerste und Leine ablassen als noch in den vergangenen Tagen: An Heiligabend waren es aus Salzderhelden rund 200 Kubikmeter pro Sekunde, am Abend des zweiten Weihnachtstags gut 250. Aus der übervollen Innerstetalsperre flossen am Dienstagmorgen noch 31 Kubikmeter pro Sekunde in den Fluss ab, am Abend waren es 46. Diese Massen rollen zusätzlich Richtung Landkreis Hildesheim und damit auch nach Ruthe. Und gegen 5, 6 Uhr am Mittwochmorgen, da könnten diese Massen dort ankommen.

Viele der betroffenen Ruther haben vorsorglich ihre Häuser verlassen

Rund die Hälfte der etwa 150 Bewohnerinneren und Bewohner, die von einer etwaigen Evakuierung betroffen wären, haben ihre Häuser am Dienstagabend bereits verlassen, schätzt Lühmann. Die seien vorsorglich zu Freunden, Bekannten oder Familien umgezogen, viele an den höher gelegenen Hopfenberg, andere in Dörfer in der Umgebung, eine Familie hat Zuflucht in Hannover gefunden. Lühmann und andere Ehrenamtliche der Feuerwehr müssen in diesen Stunden die Doppelbelastung tragen: Zum einen als Helfer im Einsatz sein, auf Schlaf und gemütliche Weihnachten verzichten, zum anderen um die eigenen vier Wände bangen. Wolfgang Lühmann selbst wird sich bei seinem Bruder Christian einquartieren, der auch bei der Feuerwehr ist und in Ruthe im als sicher geltenden Teil wohnt.

Gertrud Strübe, die nördlich der Ruther Straße wohnt und dort die sich ausbreitende Innerste im Rücken hat, harrt am Dienstagabend noch aus, hat aber ihre Sachen gepackt und ist abfahrbereit, wie sie sagt. Seit Ende der 1960er Jahre wohnt die Seniorin hier, und sie weiß, was Hochwasser für Auswirkungen haben können. Aber dass es tatsächlich mal zu einer Evakuierung kommen könnte – das hätte sie nicht gedacht. Strübe und ihr Sohn Dirk, der im selben Haus im anderen Stockwerk wohnt, bereiten sich darauf vor, zu Familienangehörigen nach Sarstedt umzuziehen, so lange es nötig werden sollte.

Ministerpräsident dankt den Helfern in Sarstedt

Wer keine Anlaufstelle bei Freunden oder Familie hat, der kann im Dorfgemeinschaftshaus Schliekum unterkommen, dort hat das DRK Hildesheim-Marienburg am Dienstagabend 40 Feldbetten aufgebaut. Der Sarstedter Stadtbrandmeister und Einsatzleiter Jens Klug und sein Team machen sich aber nicht nur um Ruthe Sorgen, sondern auch um Bereiche im Westen der Stadt Sarstedt. Zur Unterstützung sind am Dienstag Einsatzkräfte der Feuerwehren aus dem Kreis Hameln-Pyrmont angerückt, sie helfen unter anderem dabei, Bereiche der Innenstadt entlang der Innerste mit Sandsäcken zu sichern. Ministerpräsident Stephan Weil hat sich am Nachmittag selbst ein Bild von der Lage gemacht und den Helfern für ihren Einsatz gedankt.

In Ruthe haben sie im Feuerwehrhaus nichts vom Weil-Besuch mitbekommen. Aber Danke, das sagen hier auch viele: Anwohnerinnen und Anwohner bringen seit Einsatzbeginn Kuchen, Brötchen und Getränke, um die Helferinnen und Helfer zu versorgen. Am Abend kommt dann Hartmut Mohwinkel mit zwei Paletten frischer Eier vorbei: Mohwinkel ist stellvertretender Leiter des vor Hochwasser sicher gelegenen Lehr- und Forschungsguts Ruthe, selbst auch in der Feuerwehr aktiv. Und Spiegeleier, die dürften doch sicher schmecken, in dieser langen Nacht der Ungewissheit. Trotz der Anspannung, trotz der Sorgen. Vielleicht, das hoffen sie hier alle, geht ja alles auch noch mal gut.

Update: Aufatmen in Sarstedt und Ruthe: Hochwasserlage am Mittwoch stabil – Straße eventuell bald wieder frei


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