Jobcenter hilft

Flucht aus der Ukraine, jetzt Arbeiten im Kreis Hildesheim: Eine Erfolgsgeschichte aus Harsum

Harsum/Kreis Hildesheim - In vielen Branchen könnten geflüchtete Menschen aus der Ukraine den Fachkräftemangel mildern: Wie viele im Kreis Hildesheim schon arbeiten, wie sie unterstützt werden, was die Probleme sind – und eine Erfolgsgeschichte aus Harsum.

Stefan Weiss beim Schweißen an seinem Arbeitsplatz in Harsum. Er möchte in der Zeitung nicht so gern erkannt werden. Foto: Thomas Wedig

Harsum/Kreis Hildesheim - Der Ukrainer Stefan Weiss hat „Bock“ zu arbeiten, wie ihm sein Chef Kai Körber, einer der Gesellschafter der Firma Edelstahl Nord in Harsum, bescheinigt. Das sei grundsätzlich mehr als die halbe Miete, um auch Arbeit zu finden, ergänzt Jobcenter-Sprecher Walter Prigge.

Doch bei Weiss, der im März mit seiner Familie vor den Bomben flüchtete, mussten noch einige positive Umstände zusammenkommen, um wie in seiner Heimat als Schweißer arbeiten zu können: „Er bringt alles mit, was er für die Tätigkeit hier braucht“, sagt Körber, dessen Firma sich auf die Herstellung hochwertiger Behälter für Lebensmittel spezialisiert hat. Und: Kollegen des Ukrainers an seinem neuen Arbeitsplatz sprechen seine Sprache oder Russisch, das er auch versteht. Das erleichtert die Einarbeitung.

Deutschkenntnisse sind meist die wichtigste Voraussetzung

In der Regel sind aber Deutschkenntnisse die wichtigste Voraussetzung, um nach der Flucht bald arbeiten zu können. Außerdem sind viele Berufsausbildungen und -abschlüsse aus der Ukraine nicht mit denen in Deutschland vergleichbar, was den Weg auf den Arbeitsmarkt zusätzlich bremst. So haben von 1800 erwachsenen Ukrainerinnen und Ukrainern, die vom Jobcenter in Hildesheim betreut werden, bisher nur 85 eine beitragspflichtige Arbeit aufgenommen. Betreut werden außerdem 870 noch nicht oder nicht mehr Erwerbsfähige im Kindes- oder Seniorenalter. Stefan Weiss und seine Frau sind mit drei Kindern und einer Großmutter hier.

Die meisten der Geflüchteten wollen in ihre Heimat zurückkehren, wenn der Krieg einmal vorbei ist. Viele werden aber auch bleiben. Für das Jobcenter dürfe die Frage keine Rolle spielen, erklärt Prigge. „Wir behandeln erst einmal alle so, als würden sie langfristig hier bleiben. Um keine Zeit zu verlieren.“ So bietet das Jobcenter neben Sprachkursen auch Unterstützung für die berufliche Qualifizierung an. Wenn Stefan Weiss zum Beispiel später den Abschluss zum Metallbauer anstrebt, könnten 100 Prozent der Lehrgangskosten und 50 bis 75 Prozent des Gehalts vom Jobcenter übernommen werden.

70 Prozent sind Frauen

Zunächst müssen die Geflüchteten aber erst einmal mit dem Nötigsten versorgt werden, das ist die erste Aufgabe des Jobcenters. Lebensunterhalt, Unterkunft, medizinische Versorgung. „Solange das nicht geklärt ist, ist der Kopf nicht frei für eine Arbeit“, weiß der Jobcenter-Sprecher. Dazu kommt die Betreuung der Kinder, besonders für die zahlreichen Frauen, die ohne ihre Männer kommen, weil diese wegen des Krieges meist nicht ausreisen dürfen. Von erwachsenen Geflüchteten aus der Ukraine, die im Kreis Hildesheim Zuflucht gefunden haben, sind 70 Prozent Frauen. Stefan Weiss durfte nur mitkommen, weil die Familie drei Kinder hat. Die sind noch klein: ein Jahr, vier und sieben Jahre. Die Mutter kümmert sich hauptsächlich um sie und absolviert einen Sprachkurs, für den ihrem Mann neben der Arbeit keine Zeit bleibt. Dass sein Name deutsch klingt, liegt an entsprechenden Wurzeln seiner Großeltern. Bisher spricht und versteht er die Sprache aber kaum.

Derzeit laufen 20 Deutschkurse mit rund 410 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus der Ukraine, organisiert von der Volkshochschule und anderen Anbietern. Mehr Kurse sind derzeit nicht drin. „Das liegt einfach daran, dass es zu wenig Lehrkräfte gibt“, erläutert Prigge. Der Fachkräftemangel: Gegen ihn könnten die Ukrainerinnen und Ukrainer in anderen Branchen eine große Hilfe sein, wenn sie ausreichende Deutschkenntnisse erworben und ihre berufliche Qualifizierung angepasst haben. „Ich würde sofort vier weitere Leute einstellen“, sagt zum Beispiel Firmenchef Körber, der 28 Mitarbeiter beschäftigt, „aber es ist sehr schwer, Personal zu finden.“ Es sei eine Win-Win-Situation, dass der 39-Jährige aus der Ukraine nun mit Unterstützung des Jobcenters als Schweißer anfangen konnte.

Bomben und Stromausfall in der Heimat

Auch Weiss hat das Gefühl, gut angekommen und angenommen zu sein. In Lühnde, wo er wohnt. In Harsum, wo er arbeitet. Traurig wird er nur, wenn er mit Verwandten oder Freunden in seinem Heimatort in der Nähe von Odessa telefoniert. Wenn sie von Bomben erzählen und tagelangen Stromausfällen, sogar in Krankenhäusern. Ob die Familie irgendwann in die Ukraine zurückkehrt? Das ist offen. Nun konzentriert sie sich erst einmal darauf, hier ihr Leben zu organisieren. Und das Jobcenter unterstützt sie dabei so, als würden sie langfristig hier bleiben.

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