Auch heiße Eisen werden angefasst

Titel:  Beschreibung: Amerikanisch-deutscher Dialog mit John Jeep (links) aus Ohio und Stephan Schlickau von der Uni Hildesheim.
Amerikanisch-deutscher Dialog mit John Jeep (links) aus Ohio und Stephan Schlickau von der Uni Hildesheim.

Von Norbert Mierzowsky

Hildesheim/Ohio. Wenn man ein friedliches Weihnachten in der Familie möchte, sollte man nicht über Trump reden. Eine einfache Regel, die der amerikanische Germanistikprofessor John Jeep aus Ohio aufstellt. Doch wie soll man dann noch miteinander sprechen, wenn man unterschiedlicher Meinung ist?

Mit dieser Frage beschäftigen sich Jeep und Stephan Schlickau vom Studiengang interkulturelle Kommunikationen seit Jahren regelmäßig – per wöchentlicher Videokonferenz gemeinsam mit ihren Studenten in Ohio und Hildesheim. Was allein schon wegen der Zeitverschiebung zu Kompromissen zwingt: mittags in Ohio und abends in Hildesheim. „Die jungen Leute sollen analysieren, warum bestimmte Gespräche scheitern und welche Strategien man dagegen entwickeln kann“, sagt Schlickau. Was klug klingt, aber schwer genug ist. „Wenn es um heikle Dinge geht, wie Trump oder die Waffengesetze, versanden die Gespräche schnell“, sagt Jeep. Konflikte werden eben vermieden. Wobei er selbst keinen Hehl über seine Meinung zum gegenwärtigen US-Präsidenten macht: „Der Mann ist ein Albtraum.“

Ein weiteres kompliziertes Thema zwischen den deutschen und amerikanischen Studenten ist das Geld. Bis zu 60 000 Euro Gebühren müssen Amerikaner pro Jahr für ihr Studium bezahlen in Deutschland sind es rund 1000 Euro. Eine Frage der Gerechtigkeit für die Deutschen. Für die Amerikaner überhaupt keine Frage, sagt Jeep: „That is the way it is.“ Wer das Geld nicht auftreiben kann, studiert eben nicht.

„Unsere Studenten sprechen nicht darüber, wie sie ihr Studium bezahlen können. Das ist tabu“, erklärt Jeep. Privatsache. Anders bei den Professorengehältern an den staatlichen Hochschulen in den USA. „Ich kann eure Gehaltslisten einsehen“, sagt Schlickau. Jeep nickt gelassen: „Ja, aber was da nicht steht, ist, dass Eishockeytrainer mehr verdienen als ein Hochschul-Präsident.“ Sport wird an amerikanischen Unis eben hoch gehandelt mit eigenen Football- oder Eishockey-Mannschaften.

Jeep und Schlickau packen in ihrem gemeinsamen, transatlantischen Seminar trotzdem heiße Eisen an. Schließlich sollen die Studenten lernen, damit umzugehen. Dazu gehört auch die Klimadebatte. „Viele Amerikaner sind nicht der Meinung Trumps, dass es kein Problem gebe. Sie registrieren sehr wohl eine Zunahme an Klimakatastrophen“, sagt Jeep. Die Reaktion darauf hat er in der eigenen Familie erst kürzlich erlebt: „Unser Schwiegersohn hat uns einen Tesla geschenkt.“ Umweltbewusst. Und: Geld spielt keine Rolle – wenn man es hat, lacht Jeep.

Seit 2011 arbeiten die beiden Wissenschaftler zusammen. Zehn Jahre zuvor war die internationale Gemeinschaft durch die Anschläge im September auf eine harte Probe gestellt worden. Und die viel beschworene deutsch-amerikanische Freundschaft wieder ins Spiel kam. „Als Schröder damals als Bundeskanzler den Irak-Einsatz verweigerte, waren die Amis sauer. Freunde ziehen zusammen in den Krieg“, erklärt Jeep die Einstellung seiner Landsleute.

Trotz der Globalisierung und der Vorstellung, dass man ja gemeinsam im „Westen“ lebt, gibt es zwischen Deutschen und Amerikanern viele Differenzen, sind sich Jeep und Schlickau einig. Für sie ist der ständige Dialog in ihrem gemeinsamen Seminar daher weiterhin wichtig. „Man darf Themen nicht einfach ausblenden, nur weil man heiße Eisen nicht anfassen will. Man muss lernen, wie man es am besten lösen kann.“ Jede Videokonferenz wird von den Studenten in Ohio und Hildesheim intensiv ausgewertet, um besser in die nächste Gesprächsrunde zu gehen, die zur Hälfte jeweils in Deutsch und Englisch abgehalten werden.

Wobei die Deutschkenntnisse der Amerikaner im Vergleich zum Englisch der Hildesheimer nicht ganz so gut sind, räumt Jeep ein: „Wir lernen hier als Zweitsprache, wenn überhaupt, eher Spanisch.“ Doch die deutschen Wurzeln sind in den Staaten immer noch leicht erkennbar. Zum Beispiel in Telefonbüchern: „Die Hälfte der Namen verraten eine deutsche Herkunft.“

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