Musik zur Todesstunde Jesu

Auf Ostern einstimmen: Warum es an Karfreitag immer um 15 Uhr ein Konzert gibt – und was in Hildesheim dieses Mal geboten wurde

Hildesheim - Immer um 15 Uhr am Karfreitag läuten die Kirchenglocken in Hildesheim – und es gibt eine Andacht zur Sterbestunde Jesu. Woher weiß man, wann er gestorben ist – und welche Werke wurden in diesem Jahr gespielt?

Wie immer zur Sterbestunde am Karfreitag um 15 Uhr gab es in der Andreaskirche ein Konzert. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Es läutete 15 Uhr. Zur Todesstunde von Jesus Christus versammelten sich an Karfreitag zweihundert Menschen in der Andreaskirche, um dem Kammerchor Hildesheim zu lauschen. Schon seit über fünfunddreißig Jahren ist dies eine Tradition der St. Andreas-Gemeinde, die Kantor Bernhard Römer von seinem Vorgänger übernahm: das „Passionskonzert“. Die Uhrzeit gibt die Bibel vor, in der die „neunte Stunde nach Sonnenaufgang“ als Todeszeitpunkt Jesu benannt wird. Weil der Tag damals in zwölf Stunden eingeteilt wurde, entspricht diese neunte Stunde dem heutigen 15 Uhr.

Gespielt wurden nur Werke von Männern

Präsentiert wurden bei der Musik zur Todesstunde geistliche Vokalwerke sowie Orgelstücke aus 400 Jahren Musikgeschichte, beginnend mit Hans-Leo Hassler (1564-1612) bis hin zu Johannes Weyrauch (1897-1977) – ein zeitgenössisches Werk hätte dem Programm eine Krone aufgesetzt. Ebenfalls missen ließ sich wenigstens ein Werk einer Frau, von denen es in vier Jahrhunderten sicherlich eine Auswahl gegeben hätte.

Das höchst anspruchsvolle, teils achtstimmige Programm war thematisch an Karfreitag gebunden, jedoch durch die verschiedenen Stilistiken sehr abwechslungsreich. Mutig war die chronologische Reihenfolge der Stücke. Diese führte dazu, dass das Konzert mit Weyrauchs Partita für Orgel und schließlich mit drei Motetten von Francis Poulenc endete – die forderndsten und modernsten Werke des Konzertes. Sehr eindrucksvoll musiziert und dennoch keine leichte Kost, daher befinden sich solche Stücke sonst meist am Anfang oder im Zentrum eines Programmes.

Kammerchor erzeugte einen eindrucksvollen Klang

Besonders eindrucksvoll war die Dynamik, mit der die etwa zwanzig Choristinnen und Choristen die Werke gestalteten. So wie die Nachmittagssonne, welche im Altarraum durch die bunten Kirchfenster fiel, zauberte Römer mit dem Kammerchor farbenreiche Kontraste. Dies gelang besonders gut in den homophoneren Werken, wie Silchers Motette „Schau hin nach Golgotha“ und Bruckners „Vexilla regis“. In polyphonen Passagen waren einzelne Einsätze ein wenig unsicher, dies wurde im Laufe des Konzertes jedoch besser.

Der Kammerchor erzeugte ohne Begleitung einen sehr ausgeglichenen Klang, dem es an nichts mangelte. Ohne instrumentelle Unterstützung waren jedoch manche Wendungen der schwierigen Werke nicht direkt verständlich. Die Orgelstücke boten einen schönen klanglichen Gegenpol zu den vokalen Werken. Der Bass der eindrucksvollen Beckerath-Orgel brachte die Kirche zum Vibrieren und das Publikum lauschte mit geschlossenen Augen den raumfüllenden Klängen. Nach dem Verklingen des finalen Akkordes schwieg das Publikum andächtig, bevor es sich am Ausgang für die Musik bedankte.

von Dana Dietrich

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