Schätze vor der Haustür

Auf Spaziergängen im Kreis Hildesheim Neues entdecken: die Schwarze Heide

Barienrode - In Stadt und Kreis Hildesheim gibt es viele landschaftliche Besonderheiten, um die uns Naturliebhaber aus anderen Regionen beneiden. Die HAZ stellt einige Orte vor, an denen sich Spaziergänge lohnen. Heute: die Schwarze Heide.

Barienrode - In der Lüneburger Heide öffnen sich in diesen Tagen gerade die ersten Knospen der Besenheide. Bald werden die winzigen Blüten ganze Landstriche in das typische satte Rosarot getaucht haben – und Touristen in Scharen anlocken. Wer sich die lange Anreise ersparen will, kann Heidekraut aber auch ganz in der Nähe bewundern: Auf einem schmalen Höhenzug südlich von Barienrode, der Schwarzen Heide, gibt es ein kleines, aber feines Naturschutzgebiet, in dem die Erika, mit wissenschaftlichem Namen Calluna vulgaris genannt, die ungekrönte Königin ist.

Warum aber heißt der Bergrücken Schwarze Heide? In früheren Jahrhunderten wurde die Fläche immer wieder abgebrannt, um eine Naturverjüngung zu fördern. Danach war sie schwarz verkohlt – und mit ihr sicherlich auch zahllose Insekten, die bis dahin zwischen den immergrünen Zwergsträuchern gelebt hatten. Heute gehört diese archaische Form der Landschaftspflege der Vergangenheit an.

Keine Heidschnucken unterwegs

In Ermangelung genügsamer Heidschnucken – für eine Schafherde wäre das Areal viel zu klein – müssen nun Ehrenamtliche ran und ein, zwei Mal im Jahr dafür sorgen, dass die relativ langsam wachsende Besenheide nicht von den schnell in die Höhe schießenden Birken, Saalweiden und Zitterpappeln überwuchert wird. Die Helfer um Matthias Köhler von der BUND-Kreisgruppe kämpfen zwar wie Don Quijote gegen Windmühlen, doch dafür werden sie mit einem beinahe einmaligen Anblick belohnt: Im gesamten Landkreis gibt es nur noch ein zweites nennenswertes Heidegebiet, an der Kapelle in Ottbergen. Doch das hat lediglich den Status Landschaftsschutzgebiet.

Am einfachsten zu erreichen ist das 1989 ausgewiesene Naturschutzgebiet von Barienrode aus, wo man am Friedhof parken kann. Lise, die Leitkuh aus der Herde von Landwirt Michael Volm, hat von der gegenüberliegenden Weide aus jeden Neuankömmling im Blick, schließlich gibt es in ihrer Herde gerade mehrere Kälbchen. Er züchte die Tiere auf Friedfertigkeit, sagt der Bauer vom Biohof Söhre. Dennoch sollte man von seinen Rindern respektvollen Abstand wahren.

Verschiedene Rinder

Wer genauer hinschaut, sieht, dass die Herde aus zwei Rassen besteht: den hornlosen Galloways aus Schottland, die gut an ihrem langem, gewelltem Deckhaar zu erkennen sind, und den Heckrindern mit ihrem ausladenden Kopfschmuck. Heckrinder sind in den 1920-er Jahren von Heinz und Lutz Heck gezüchtet worden. Ziel der beiden Brüder war, den 1627 ausgestorbenen Auerochsen, auch Ur genannt, wieder auferstehen zu lassen; schließlich sind die Wildrinder die Stammväter vieler heutiger Hausrindrassen. Die Hecks kreuzten mehrere europäische Rinderrassen in der Hoffnung, durch Zuchtwahl ein Abbild des Auerochsen zu erhalten. Das Aussehen ließ sich anhand von Knochenfunden und historischen Darstellungen recht gut rekonstruieren. Tatsächlich dürften einige von Volms Heckrindern Uren zum Verwechseln ähnlich sehen.

Wie ihre Urahnen haben auch sie die weit ausladenden, nach innen gekrümmt Hörner. Die Fellfarbe der Ure kennt man von eiszeitlichen Höhlenmalereien etwa in Lascaux und Chauvet. Ihre Kälber wurden haselnussbraun geboren, junge Stiere färbten sich dann binnen weniger Monate tief dunkelbraun bis schwarz um, die Kühe hingegen behielten ihr rotbraunes Fell. Bullen trugen einen hellen Aalstrich am Rücken. Typisch auch das weiß umrandete Flotzmaul, so heißt die Partie zwischen Nase und Oberlippe.

10 000-Liter-Hochleistungsmilchkühe würden auf diesen Wiesen verhungern

Michael Volm, Landwirt

Nur mit der Größe hat es bislang noch nicht so recht geklappt: Auerochsen waren größer und athletischer als Heckrinder. Doch die Idee, eine ausgestorbene Tierart zumindest scheinbar wieder betrachten zu können, behält dennoch ihren Reiz. Und wie seinerzeit die Ure sind auch Heckrinder ausgesprochen genügsam. „10 000-Liter-Hochleistungsmilchkühe würden auf diesen Wiesen verhungern“, sagt Volm.

Seine Kühe aber fühlen sich auf den mageren Hängen oberhalb der Beuster wohl und leisten zugleich einen Beitrag zum Naturschutz, indem sie selbst dornige Büsche verbeißen und unter alten Bäumen die offene, seit dem Mittelalter bestehende Weidelandschaft erhalten. Und falls doch mal ein Tier ausbüxt, sorgt Amy dafür, dass es wieder kehrt macht. Amy ist ein Harzer Fuchs, ein Altdeutscher Hütehund. Ursprünglich war er der Begleiter der Harzer Kuhhirten, bewachte ihr Harzer Höhenvieh. Inzwischen ist nicht nur die uralte Kuhrasse gefährdet, auch der Harzer Fuchs steht auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Haustierrassen.

Spaziergänger müssen auf Trampelpfad bleiben

Auf die Heidefläche selbst aber dürfen die Kühe nicht: Ihre Hufe würden die jungen Heidepflänzchen, die fast wie Moos aussehen, zertreten. Spaziergänger sollten ebenfalls auf dem schmalen Trampelpfad bleiben – zumal sie von hier aus den schönsten Blick weit hinaus ins Land haben. Die einzige Bank, malerisch platziert zwischen zwei Birkengruppen, war schon Treffpunkt zahlloser Verliebter.

Von einer vorbeifliegenden Hornisse sollte man sich auch beim Tête-à-Tête nicht stören lassen. Die großen Insekten steuern nur einen Birkenstamm an, um sich am ausgetretenen, gegorenen Baumsaft zu laben. Augenscheinlich ist der unwiderstehlich auch für Wespen, Käfer und Falter. Ein hübscher Admiral verscheucht sogar eine Hornisse, wenn es um den besten Naschplatz am Stamm geht. Günter Grein, ausgewiesener Heuschrecken-Experte, hat seinen Blick hingegen auf den Boden geheftet. Jeder noch so vorsichtige Schritt lässt Scharen von Heuschrecken mit einem kühnen Sprung davon hüpfen. Grein entdeckt seine Lieblinge dennoch: Zwischen den Heidesträuchern sitzen der seltene Kleine Heidegrashüpfer, eine Heideschrecke und als weitere Rarität eine Keulenschrecke, deren Fühler wie Keulen geformt sind. Kleine Löcher im Erdreich, von einem Mini-Hügel umgeben, verraten die Seiden-Sandbiene. Ornithologen haben hier bereits Nachtigallen gehört und Neuntöter gesehen, gelegentlich huscht eine Waldeidechse vorbei.

Besondere Flora

Auch die Flora hat in diesem Biotop Besonderheiten zu bieten: Hier wachsen der Kleine Vogelfuß, ein rosa Schmetterlingsblütler, dessen Früchte wie Vogelfüße aussehen, und das Kriechende Johanniskraut. Beide Pflanzen bevorzugen trockene, sandige Standorte. Aber warum sind Heideflächen selbst so selten?

Calluna mag nährstoffarme, durchlässige Böden mit geringem Kalkgehalt. Für das saure Milieu sorgt auf dem Mühlenberg der Untergrund aus gelblichem Keuper-Sandgestein. Keuper ist ein Zeitabschnitt des Erdmittelalters, dessen Gestein auf dem älteren Muschelkalk und dem noch älteren Buntsandstein liegt und vor 200 bis 250 Millionen Jahren entstanden ist. Die gesamte Epoche nennt sich Trias.

Konkurrenten der Heide in die Schranken weisen

Nun käme zwar kein vernünftiger Mensch auf die Idee, Heideflächen zu düngen. Doch allein über die Luft gelangten jedes Jahr 20 Kilogramm Stickstoff pro Hektar auf den Boden, sagt Köhler. Als vor einigen Jahren an der Straße nach Diekholzen ein Stall für fast 2000 Schweine geplant wurde, wurden Naturschützer und Mitglieder einer Bürgerinitiative „Gute Luft“ hellhörig, denn durch die Ausscheidungen der Tiere würde sich der Stickstoffgehalt weiter erhöhen. Vor Gericht wurde ein Kompromiss gefunden, der Stall mit Filteranlagen gebaut.

Dass es der Heide hier gut geht, liegt auch an der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises, die für das Gebiet zuständig ist: Landschaftspfleger Ulrich Weber hat in mehreren Etappen die nährstoffreiche obere Humusschicht abtragen lassen – und damit die Konkurrenten der Heide in ihre Schranken gewiesen. „Wie es aussähe, wenn wir hier nichts machen würden, sehen Sie dort hinten“, sagt Weber und deutet auf ein lichtes Eichen-Wäldchen in der Verlängerung des Weges. Auch hübsch. Doch die schöne Erika ist dort längst verschwunden.

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