Groß Düngen - Das Buch mit den Märchen der Gebrüder Grimm steht schon lange nahezu vergessen in der hintersten Ecke des Buchregals. Doch plötzlich ist die Erinnerung wieder so lebendig, als hätte man die Geschichte von Frau Holle erst gestern gelesen. „Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif", rief der Apfelbaum, der über und über mit Äpfeln behangen war, dem Mädchen zu. Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter.
Ob die Gebrüder Grimm damals wohl durch Groß Düngen gewandert sind, bevor sie die Geschichte von den beiden Schwestern – „die eine schön und fleißig, die andere faul und hässlich“ – zu Papier gebracht haben? Denn südlich der Bundesstraße 243 breitet sich oberhalb der Ortschaft eine der landesweit größten und zugleich vielfältigsten Streuobstwiesen aus. Und dort biegen sich die Bäume gerade unter der Last der vielen süßen Früchte, die vor dem strahlend blauen Himmel mit ihren roten oder goldgelben Bäckchen einfach zum Reinbeißen aussehen.
Nicht zum Plündern für jedermann
Doch um es vorweg zu nehmen: Die Bäume sind nicht zum Plündern für jedermann gepflanzt. Das 5,3 Hektar große Privatgelände dient zum einen der Erhaltung alter, vom Aussterben bedrohter Obstsorten. Zum anderen ist durch den Einsatz eines Patenkreises, der beim Ornithologischen Verein (OVH) angesiedelt ist, ein ökologisch wertvoller Lebensraum entstanden, der vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten einen Rückzugsraum bietet.
Streuobstwiesen, also Wiesen, auf denen locker verstreut hochstämmige Obstbäume verschiedener Arten und Sorten und verschiedenen Alters wachsen, gab es früher praktisch in jedem Dorf, denn die Früchte waren für die Bewohner Vitaminspender in Zeiten, als Zitronen noch vorrangig in den Orangerien der Herrscherhäuser kultiviert wurden.
Inzwischen werden nur noch 22 Prozent des Obstes, das in Deutschland gegessen wird, in Deutschland produziert
Mit der Globalisierung der Lieferströme kamen nicht nur immer neue Arten in die Läden, in den Dörfern verschwanden auch die Obstbaumwiesen, deren Früchte sich nur noch mühsam gegen die im großen Stil produzierte makellose Ware aus aller Herren Länder durchsetzen konnten. „Inzwischen werden nur noch 22 Prozent des Obstes, das in Deutschland gegessen wird, in Deutschland produziert“, sagt die Hildesheimerin Doris Schupp, die den Patenkreis koordiniert und Ansprechpartnerin für Interessierte ist.
Durchnummerierte Bäume in Listen
Alle Bäume sind durchnummeriert und sorgfältig in Listen vermerkt. G14? Ist Krügers Dickstiel, der vor 1850 in Mecklenburg entstand und 2002 Streuobstsorte des Jahres wurde. „Bei Äpfeln gibt es immer zwei Reifepunkte“, sagt der Wesselner Horst Voigt, der sich vor 40 Jahren dem Patenkreis anschloss und heute das älteste Mitglied ist. „Erst kommt die Pflückreife, wenn sich Apfel leicht vom Baum lösen lässt, dann die Genussreife, wenn er anfängt zu duften und sein volles Aroma entfaltet.“
Diese Genussreife ist bei jeder Sorte zu einem anderen Zeitpunkt erreicht. Der Rosenapfel Croncel schmecke schon im September herrlich nach Ananas. Weil die Sorte aber druck- und transportempfindlich und nicht länger als einen Monat lagerfähig ist, findet man sie in Supermärkten kaum noch.
Auch lokale Sorten unter den 300 Bäumen
Der Nachbarbaum ist der Winterapfel Ontario. Er entwickelt erst im Januar sein Aroma. 1922 wurde er von der Deutschen Obstbaum-Gesellschaft als eine von drei Apfelsorten zur Reichsobstsorte gekürt. Ziel dieser eigenwilligen Auswahl war es, das Sortenspektrum zu „vereinheitlichen“ und nur widerstandsfähige Sorten, die sich durch geschmackliche und wirtschaftliche Eignung auszeichneten, zu berücksichtigen. Neben Ontario waren das der Rheinische Bohnapfel und Jakob Lebel. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg verhinderten eine nennenswerte Umsetzung im Obstbau.
Und so sind die Paten der Streuobstwiese heute stolz, auf ihrer Wiese zwei Dutzend Apfel-, sieben Birnensorten sowie diverse Süß- und Sauerkirschen, Mirabellen, Quitten und Zwetschen zu kultivieren. Unter den 300 Bäumen sind auch lokale Sorten wie die Hildesheimer Saftrenette, ein hellgelber saftiger Apfel, und die Borsumer Hauszwetsche, deren Früchte eine länglich-ovale Form haben.
Der Einsatz der Paten
Die Paten sorgen dafür, die Bäume beschnitten und neue gepflanzt werden, wo alte das Ende ihrer Lebenszeit erreicht haben. „Aber gedüngt wird nicht“, betont Pate Herbert Durant. Das würde auch den Wildblumen nicht bekommen. Im Frühling wachsen hier Hohler Lerchensporn und Duftende Schlüsselblumen, im Lauf des Sommers kommen Odermennig, Kuckuckslichtnelken, Flockenblumen, Labkraut und Wilde Möhre hinzu. Besonders schön anzusehen: das Rosa blühende Tausendgüldenkraut, ein Enziangewächs.
Wer Geduld hat, kann vieles entdecken
Ursprünglich gehörte das Land einem Bauern im Ort. Als der kinderlos verstarb, erbte es die katholische Kirche. 1982 pachtet es die Paul-Feindt-Stiftung des OVH, 1998 kaufte sie es und erweiterte das Areal um zwei „Ausgleichsflächen“, mit denen Umweltsünden für die Anlage des Golfclubs in Bad Salzdetfurth und die ICE-Trasse durchs Leinetal kompensiert werden sollen. Zwei weitere Teilstücke wurden dem OVH geschenkt.
25.000 Erdkröten wandern
Von der Obstwiese ist es nicht mehr weit zu den Röderhofer Teichen. Über eine imposante Allee mit uralten Scheiteleschen geht es Richtung Wald, wo am Rande Waldmeister, Lungenkraut, Storchschnabel und Goldnessel gedeihen. Jetzt ist es an den Teichen ziemlich ruhig, allenfalls springt vom schlammigen Ufer ein Teichfrosch ins Wasser.
Doch im Frühjahr, wenn der Laichzug der Amphibien beginnt, ist hier der Bär los: 25.000 Erdkröten, dazu seltene Teich-, Berg-, Kamm- und Fadenmolche drängt es todesmutig über die Asphaltstraße zum Wasser. Und auch hier sind es wieder die Ehrenamtlichen, die mit ihren Lurch-Rettungsaktionen einen großen Beitrag zum Naturschutz leisten.


