Harsum - Aufwendige Kleider wie aus einem historischen Spielfilm entstehen in einem Atelier in Harsum. Schneidermeisterin Joana Gierga entwirft und näht die Gewänder aus Unmengen Stoff – Brokat, Spitze und Samt. Sie wird die erste Hildesheimerin sein, die ihre Roben bei der Modenschau auf dem M’era-Luna-Festival im August präsentieren darf.
Den Schnitt im Kopf
Seit einem Jahr bereitet sich Joana Gierga auf die Modenschau in Hildesheim vor. Für sie geht damit ein Traum in Erfüllung. Noch nie habe sie so ein großes Publikum gehabt. Einige Roben hat sie bereits fertig, andere liegen zugeschnitten auf dem Arbeitstisch, wieder andere gibt es bisher nur in ihrem Kopf. Etwa zwei Wochen benötigt sie, um einen Traum aus sechs bis zehn Metern Stoff zu nähen. „Ich habe die Zeichnung im Kopf, danach mache ich das Schnittmuster“, sagt die Frau mit dem wallenden roten Haar. Zur Orientierung für die Nähte greift sie manchmal während des Nähens noch zu Papier und Stift, um das Kleid dann doch noch zu zeichnen.
Allen Kleidern gemein ist, dass sie keine Reißverschlüsse oder Knöpfe haben, sondern geschnürt werden, so können sie den Formen ihrer Trägerinnen perfekt angepasst werden. Für so ein ausgefallenes Stück, meist mit Schleppe, müssen die Kundinnen schon etwas tiefer in die Tasche greifen und einen unteren vierstelligen Betrag investieren. Schattengewänder nennt Gierga ihre Mode, die perfekt in die finstere Gothic-Szene passen. „Als Kind habe ich meinen Schatten immer schöner gefunden als die bunten Kleider, die ich getragen habe“, erinnert sich die 52-Jährige. Auch sie und ihre Tochter Friederike (26) verwandeln sich gerne mit der Garderobe in Frauen wie aus einer anderen Epoche. Durch die Mode ist sie zur Musik der Szene gekommen. „Das sind sehr friedliche Leute. Viele von ihnen haben früher Ausgrenzung erfahren“, erzählt Gierga. Sie habe in der Szene eine Heimat gefunden.
Mutter und Tochter bei M’era Luna
Mondän gekleidet waren Mutter und Tochter schon öfter zu Gast beim M’era Luna und auch bei der Modenschau. Vor zwei Jahren entdeckten sie auf dem Flugplatzgelände den Veranstalter Martin Sprissler und hefteten sich an seine Fersen. In einem passenden Moment stellte sich Gierga vor und überreichte ihm einen Zettel mit ihrer Telefonnummer. „Ich dachte schon, er hätte ihn verloren. Aber nach zwei Jahren hat er sich tatsächlich bei mir gemeldet“, sagt Gierga und strahlt.
Historisch inspirierte Mode
Sprissler lud sie ein, ihre Arbeit 2023 auf dem Laufsteg zu präsentieren. Neun Frauen und drei Männer werden die historisch inspirierte, finstere Mode aus Harsum dem Publikum vorführen. Sich selbst wird die Schneiderin eigens für diesen Tag auch ein neues Gewand nähen, allerdings eines, das etwas alltagstauglicher ist. Für Gierga ist es nicht die erste Präsentation dieser Art. Im vergangenen Jahr bestritt sie bereits eine Modenschau an der Ostsee beim Plage Noire, dem schwarzen Musikfestival am Weissenhäuser Strand. Dort fand sie neue Kundinnen. Gut für sie, denn Gierga will sich hauptsächlich der schwarzen Mode widmen. „Wobei diese die Weiße mit einbezieht“, sagt Gierga. Denn die Schneidermeisterin arbeitet auch weiter für ein Brautmodenstudio, ändert und näht Hochzeitskleider.
Ihre Anregungen findet Gierga in Kunstbänden, Geschichts- oder Filmbüchern, die Stoffe für die Roben bezieht sie aus ganz Europa. Immer wenn sie Accessoires sieht, die ihr passend erscheinen, schlägt sie zu. Letztlich sind es auch die Verzierungen, die ganz am Ende das Kleid perfekt machen, die Kirsche auf der Torte ihrer Arbeit. Ob sie ein Lieblingskleid hat? Gierga lacht: „Immer das, an dem ich gerade arbeite.“ Für ihre Kundinnen aber soll das eine Kleid das Lieblingskleid sein, dass sie immer und immer wieder zu besonderen Anlässen tragen.




