Hildesheim - Seit Corona ist es eigentlich sogar besser geworden“, sagt Judith Vahl. „Die Umsätze sind gut geblieben, es läuft sehr ordentlich“, sagt Walter Karger. „Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung“, sagt Alwine Pichteew. Alle drei betreiben Spielzeuggeschäfte in Hildesheim, und was sie schildern, passt zur Gesamtentwicklung in Deutschland: Die Umsätze mit Spielwaren steigen seit Jahren, erlebten in der Corona-Krise einen regelrechten Boom und wachsen seither auf höherem Niveau weiter.
Spiele Max rauscht in die Pleite
Dennoch brechen in den nächsten Monaten zwei große Spielzeug-Anbieter in Hildesheim weg. Die insolvente Berliner Kette Spiele Max will ihre Filiale im Untergeschoss der Arneken Galerie aufgeben. Und Galeria Karstadt Kaufhof, im Obergeschoss mit einer großen Spielzeug-Abteilung ausgestattet, schließt in Hildesheim spätestens zum 31. Januar. Während bei Galeria der Niedergang kaum in erster Linie an den Spielwaren liegt, trifft es mit Spiele Max ein großes Unternehmen, das trotz eines allgemeinen Booms in seiner Branche in die Pleite rauscht.
Das Ergebnis: Eher kleine, inhabergeführte Geschäfte bleiben bestehen, große Ketten gehen vom Markt. In vielen anderen Branchen läuft es im Einzelhandel eher umgekehrt. Wie kommt das? Wo gibt es Hildesheim künftig noch welches Spielzeug? Wie wirkt sich das Aus der beiden „Großen“ auf die verbleibenden Geschäfte aus? Wie sehen die Angebote in Super-, Drogerie- und Elektronikmärkten aus? Und welche Rolle spielt der Onlinehandel für die Situation in Hildesheim und insgesamt?
Fachgeschäfte können über den Mindeststandard hinaus fachkundige Beratung bieten
„Spielwaren sind ein sehr beratungsintensives, oftmals aber auch ein durch lokale Besonderheiten geprägtes Geschäft“, sagt Andreas Schäfer. Er ist Geschäftsführer beim bundesweit aktiven Einkaufsverband Idee + Spiel mit Sitz in Hildesheim, in dem viele Fachgeschäfte Mitglied sind. Er hat deshalb einen Überblick über die Branche und sagt: „Naturgemäß ist die Produktkenntnis des Personals in einem Fachgeschäft höher einzuschätzen als diejenige von Filialisten wie bei einem Kaufhaus.“ Deshalb könnten inhabergeführte Fachgeschäfte „über den Mindeststandard hinaus fachkundige Beratung bieten“.
Auch lokale Trends, die ein Inhaber innerhalb weniger Tage erkennt und auf die er reagieren und sein Sortiment anpassen kann, „können nicht so gut aus einer Zentrale zum Beispiel in Berlin oder Essen gesteuert werden“, stellt Schäfer fest. Dies sei „ein klarer Vorteil des inhabergeführten Fachhandels gegenüber den großen Ketten“.
Nachhaltiges und Nützliches
Das älteste aktive inhabergeführte Spielwaren-Geschäft in Hildesheim ist der Holzkopp am Pferdemarkt. Walter Karger gründete ihn einst im Jahr 1982 in deutlich kleineren Räumen. Der Laden wurde im Lauf der Jahre durch Mundpropaganda immer bekannter – und setzt auf ein bestimmtes Sortiment. Holzspielzeug vor allem, sehr nachhaltige, haltbare Ware. Dazu aber auch Geschenke und Karten und damit Dinge, die Menschen jeden Alters immer wieder brauchen.
Karger stimmt zu, dass die fachkundige, geduldige Beratung im Geschäft einen wesentlichen Erfolgsfaktor darstellt. „Das ist personalintensiv, aber wir begleiten den Kunden, bis er zufrieden ist, und das zahlt sich letztlich aus.“ Ein Problem für viele große Ketten sei hingegen der Hang dazu, in Konkurrenz zu anderen Anbietern oder zum Onlinehandel immer wieder mit Rabatten zu agieren. „Diese Rabattitis habe ich nie mitgemacht“, betont der inzwischen 71-Jährige. „Warum auch? So etwas kann nie gut sein für den Einzelhändler.“ Was für den „Holzkopp“ nicht infrage komme, sind Quotenbringer wie Lego: „Daran verdient man nur etwas, wenn man wirklich enorm viel anbietet. Das passt nicht zu uns.“
Es gibt immer öfter Kunden, die ganz bewusst nicht im Internet kaufen wollen.
Zum „Spielbrett“ passe das auch nicht, sagt dessen Inhaberin Judith Vahl. Sie betreibt das Geschäft in der Goschenstraße inzwischen auch schon seit einem Vierteljahrhundert. Auch sie hat sich ganz auf ein bestimmtes Sortiment fokussiert: Spiele und Puzzles. Damit erfreut sie seit Jahren eine konstant große Fangemeinde, die zuletzt eher gewachsen ist. „In der Corona-Zeit haben die Menschen Spiele gesucht, um sich zu Hause gemeinsam zu beschäftigen“, erinnert sie sich. Das habe sogar einen gewissen Aufschwung gebracht. Was sich mit bundesweiten Daten zum Spielwaren-Handel deckt: 2020 stiegen die Umsätze massiv an.
Das Interesse sei auch nach Corona auf für das „Spielbrett“ hohem Niveau geblieben, sagt Judith Vahl: „Man verdient keine Reichtümer, aber ich bin sehr zufrieden.“ Zumal zunehmend auch Kundinnen und Kunden in ihren Laden kämen, „die sagen, sie wollen ganz bewusst nicht im Internet einkaufen, damit solche Geschäfte erhalten bleiben“. Vahl und Karger schicken sich mitunter sogar gegenseitig Kunden, sagt Walter Karger: „Ich finde, dass sich Holzkopp und Spielbrett in ihren Sortimenten hervorragend ergänzen.“
Toysbox: Start gegen den Trend
Lego gibt es bei keinem der beiden – dafür aber bei Toysbox an der Drispenstedter Straße, dem jüngsten der drei inhabergeführten Spielzeuggeschäfte in Hildesheim. Und natürlich im Spezialgeschäft Bunte Steine in der Pieperstraße, das sich sogar ausschließlich den dänischen Bausteinen verschrieben hat.
Die Toysbox wurde im Jahr 2018 eröffnet, Betreiberin Alwine Pichteew möchte in wenigen Wochen den fünften Geburtstag des Ladens feiern. In dessen Geschichte spiegelt sich die jüngere Entwicklung der Spielwaren-Angebote in Hildesheim insgesamt. Im Jahr 2015 schloss Toys&More seine Filiale im MediaMarkt an der Bavenstedter Straße – ein Grund dafür war offenbar die Zugkraft des neuen Spiele Max in der Arneken Galerie. Pichteew kam zum Schluss, „dass Hildesheim dann jenseits der Innenstadt eher unterversorgt war mit Spielwaren-Angeboten“, erinnert sie sich. „Hier gibt es zum Beispiel kostenfreie Parkplätze vor der Tür.“ Warnungen gab es allerdings auch: „Angesichts des immer stärkeren Onlinehandels sei der neue Laden ein „Risiko“, das habe sie öfter zu hören gekriegt.
Corona hat uns natürlich zwei Jahre gebremst, aber jetzt ist die Entwicklung richtig gut
Heute sieht sich Alwine Pichteew in ihrer damaligen Annahme bestätigt: „Corona hat uns natürlich zwei Jahre gebremst, aber jetzt ist die Entwicklung richtig gut.“ Wie die beiden anderen Hildesheimer Anbieter sieht sie den großen Vorteil ihres Geschäftes in der persönlichen Beratung der Kunden durch Branchen-Fachkräfte. Ihr Lieblingsbeispiel: „Wir haben eine ältere Kundin, die sucht zweimal im Jahr je zehn Geschenke für Enkel, Nichten, Neffen und so weiter, bringt einen Zettel mit den Interessen der Kinder mit – und eine Mitarbeiterin sucht dann mit ihr zusammen alles aus.“ Das könnten Rewe, Rossmann oder andere nicht leisten: „Die haben weder die Zeit noch die Kompetenz.“
Konkurrenz belebt das Geschäft!
Hinzu kämen Aktionen wie die „Wunschbox“ zu Geburtstagen oder anderen Anlässen sowie die Nikolaus-Stiefel, bei denen sich jedes Jahr 1000 Kinder kleine Geschenke „ermalen“ können. Das alles bringe immer wieder Menschen in den Laden, solche Investitionen lohnten sich. Auf den Onlinehandel verzichtet sie hingegen bewusst: „Das machen so viele andere – wir setzen lieber konsequent auf ein stationäres Spielzeuggeschäft. Hildesheim braucht so etwas.“ Zumal das Ganze auch einen pädagogischen Wert habe: „Kinder müssen ja lernen, sich zu entscheiden, etwas auszusuchen und auch darauf zu sparen – das erlebe ich ganz oft.“
Und dass mit MediaMarkt ein neuer branchenfremder Großmarkt auch in Hildesheim immer stärker auf Lego setzt? Alwine Pichteew zuckt mit den Achseln: „Supermärkte, Drogerien und andere hatten schon in meiner Kindheit Spielzeug-Regale, das hat den Spielzeug-Geschäften nicht geschadet.“ Natürlich sei sie nicht begeistert, aber: „Konkurrenz belebt das Geschäft.“
Hilft das Aus von Galeria und Spiele Max – oder schadet es?
Aber wie wirkt sich das Aus von Spiele Max und Galeria Kaufhof auf die Hildesheimer Spielzeuggeschäfte aus? Da sind die Erwartungen unterschiedlich. Walter Karger zum Beispiel denkt nicht so sehr an Spielzeug-Käufer, sondern an die Gesamtwirkung: „Ich fürchte, dass insgesamt weniger Menschen in die Innenstadt kommen werden und dass sich das auf die Kundenfrequenz auswirken könnte. Das muss aber nicht passieren.“ Toysbox-Betreiberin Alwine Pichteew hält es indes durchaus für möglich, dass die künftigen Lücken in der Innenstadt ihr den einen oder anderen Kunden mehr einbringen.
Bleibt die Frage, warum trotz eines Booms im Spielwaren-Bereich, der immer noch die Hälfte seiner Umsätze im stationären Handel erwirtschaftet, die Zahl der Fachgeschäfte sinkt. Andreas Schäfer von Idee + Spiel hat dazu klare Thesen: Zum einen sei es wie in anderen Branchen immer schwieriger, Fachpersonal zu finden „und für die Arbeitszeiten im Einzelhandel zu begeistern“. Zum anderen hätten viele Betreiber Probleme mit der Nachfolge. Ein Thema, das mit Walter Karger der älteste der drei Hildesheimer Inhaber durchaus auf dem Schirm hat: „Natürlich stellt sich diese Frage, ich bin da aber gar nicht so pessimistisch – vor allem aber macht es mir selbst im Moment noch jede Menge Spaß!“


