Interview zum Frauentag

Aus Sarstedt in die Bremer Regierung und in den Aufsichtsrat von Werder Bremen – und nun das erste Buch: Ulrike Hiller im Interview

Sarstedt/Bremen - „Politik ist weiblich“ heißt das erste Buch der Bremer SPD-Politikerin Ulrike Hiller. Sie stammt aus dem Landkreis Hildesheim – und will Frauen ermutigen, sich stärker politisch zu engagieren. Welche Sarstedterin ihr Leben besonders geprägt hat, was sie von der Frauenquote hält, und wie sie in die Bundesliga kam.

Ulrike Hiller stammt aus Sarstedt, war zeitweise Mitglied der Bremer Landesregierung und hat nun ein Buch über Frauen in der Politik geschrieben. Foto: privat

Sarstedt/Bremen - Mit ihrem Buch „Politik ist weiblich“ will die gebürtige Sarstedterin und spätere Bremer Spitzenpolitikerin Ulrike Hiller Frauen ermutigen, politisch aktiv zu werden – und gibt ihnen zugleich Tipps, wie sie dabei vorgehen sollten. Die HAZ hat mit ihr gesprochen.

Frau Hiller, was glauben Sie – wie viele der 18 Städte und Gemeinden im Landkreis Hildesheim werden von Bürgermeisterinnen geführt?

Hm ... drei?

Nicht schlecht. Es sind allerdings nur zwei, Ihre Heimatstadt Sarstedt und Nordstemmen. Wie waren Sie auf drei gekommen?

Aus dem Gefühl heraus. Das hätte vom Anteil her zu den Erfahrungen gepasst, die ich auch anderswo gemacht habe. Dass Sarstedt eine Bürgermeisterin hat, freut mich natürlich. Aber zwei von 18? Joa, da ist noch eine Menge zu tun, würde ich sagen!

Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Es ist immer noch oft so, dass Männer spannende Aufgaben untereinander verteilen und sich dabei auch gegenseitig unterstützen. Die Vorstellung, dass auch eine Frau eine gute Nachfolgerin sein könnte, ist nicht so ausgeprägt. Und Frauen drängen sich nicht so nach vorn, sie wollen meist gefragt werden. Das ist eine große Hürde, denn bei attraktiven Aufgaben wird man oft nicht gefragt. Das beschreibe ich auch in meinem Buch.

Und wenn Frauen sich stellen?

Dann werden sie immer noch kritischer betrachtet ...

...von wem?

Von Männern und Frauen gleichermaßen. Frauen können so kompetent sein, wie sie wollen, sie müssen zugleich auch ausdrücklich Führungsstärke ausstrahlen, weil das immer noch eher mit Männern assoziiert wird.

Über diese Themen wird seit Jahrzehnten gesprochen. Wenn das wirklich immer noch so stark ausgeprägt ist, wie Sie es beschreiben – wie kommt das?

Vieles davon läuft unterbewusst ab, das ist auch gar nicht bösartig. Das sind über Generationen geprägte Denk- und Verhaltensweisen, die sich nur langsam ändern.

Ihre Töchter sind jetzt Anfang 20. Hat deren Generation auch noch mit den alten Denk- und Verhaltensmustern zu kämpfen, von denen sie sprachen?

Ich glaube, da hat es schon eine deutliche Veränderung und Weiterentwicklung gegeben. Die jungen Studentinnen heute sind viel freier und selbstbewusster in ihrem Denken, als ich es damals war. Aber es gibt auch sehr unterschiedliche Entwicklungen in unserer Gesellschaft.

Was meinen Sie?

Einerseits gibt es mehr Frauen, die nach vorn gehen, die Verantwortung übernehmen wollen. Andererseits erleben wir in diesen Zeiten großer Umbrüche das Phänomen, dass Frauen offener gegenüber Veränderungen zu sein scheinen, während junge Männer mitunter wieder eher konservativer werden. Zugleich erleben wir im Internet vermehrt Frauenfeindlichkeit, geradezu Hass. Dennoch glaube ich, dass Frauen heute mutiger sind, auch, weil sie vielleicht mehr Vorbilder haben als meine Generation.

Welche Vorbilder hatten Sie denn?

Ich will nicht von einem persönlichen Vorbild sprechen, aber es gab damals in Sarstedt jemanden, der großen Einfluss auf mein weiteres Leben hatte. Das war Karin Heimann, die damalige Leiterin des Kindergartens, in dem ich meine Ausbildung zur Erzieherin gemacht habe. Die ist zu meinen Eltern in den Laden gegangen und hat gesagt: „Mensch, Herr Hiller, Ihre Tochter hat Potenzial, die muss studieren.“

Und dann?

Meine Eltern hatten das eigentlich nicht für mich vorgesehen, aber sie ließen sich überzeugen. Wer weiß, was ich sonst gemacht hätte? Frau Heimann war nicht in einer Machtposition, aber in einer Position, aus der heraus sie durch ihre Menschenkenntnis und ihre Persönlichkeit Einfluss nehmen konnte. Und das hat sie gemacht, sie hat sich vorgewagt, sie hat ihre Stimme erhoben. Und man hat auf sie gehört. Solche Frauen sind unglaublich wichtig für die Gesellschaft, damals wie heute.

In Ihrem Buch sprechen Sie auch die Frauenquote an. Wie ein Fan wirken Sie nicht. Überwiegt der Malus, dass es heißt, eine Frau habe den Posten nur wegen der Quote bekommen? Oder der Bonus, dass mehr Frauen überhaupt Chancen bekommen?

Eher letzteres. Ohne die Quote hätten wir noch weniger Frauen in verantwortlichen Positionen. Ich konnte mich in meiner politischen Karriere auch dank der Quote entwickeln. Und auch mit Quote gilt: Wenn ich den Job nicht gut mache, bin ich ihn auch schnell wieder los. Also ich finde, die Quote ist wichtig – aber es wäre schön, wenn wir sie nicht mehr brauchen würden.

Sie hat, wie manches in der Debatte, auch das Potenzial, Männer und Frauen zu Gegnern aufzubauen, oder?

Nein, das finde ich nicht. Auch mein Buchtitel „Politik ist weiblich“ klingt vielleicht danach, ist aber nicht so gedacht. Es geht nicht um ein Gegeneinander, sondern im Gegenteil um ein Miteinander, um die Stärken beider Geschlechter zum Wohle aller zu nutzen. Aber ohne Frauen geht das natürlich nicht.

Sie sind seit 2021 im Aufsichtsrat von Werder Bremen. Wie kam es dazu? Wurden Sie gefragt – oder haben Sie sich hingestellt und gesagt: „Ich will das machen!“

Ich wurde nicht gefragt. Ich habe damals im Gespräch mit Präsident und Geschäftsführer gesagt, dass ich es nicht zeitgemäß finde, dass es noch nie eine Frau im Werder-Aufsichtsrat gab. Und dass ich viele geeignete Frauen kennen würde, es notfalls aber auch selbst machen würde. Ein paar Monate später kam man dann darauf zurück und fragte mich, ob ich kandidieren wolle. Nicht unbedingt in der Erwartung, dass ich auch gewählt werde – es gab sechs männliche Gegenkandidaten.

Und wie haben Sie die besiegt? Durch ein weibliches Netzwerk, wie Sie es in Ihrem Buch mehrfach fordern?

Nein, das war anders. Die Versammlung war im Weserstadion, es war ein heißer Sommertag. Die sechs Männer haben vor mir alle quasi die gleiche Rede gehalten. Dann kam ich und habe gesagt: „Wir sitzen hier seit sieben Stunden in der Sonne, und jetzt hören Sie zum ersten Mal eine Frauenstimme!“ Ich habe dann eher eine politische Rede gehalten und die zweitmeisten Stimmen bekommen. Hinterher haben mich viele Frauen angesprochen und gesagt, wie toll sie das finden. Das hat mich sehr gefreut, aber ich habe sie auch gefragt, warum sie nicht selbst kandidiert haben. Es gibt immer noch viel zu tun!


Zur Person

Ulrike Hiller, Jahrgang 1965, kam in Sarstedt zur Welt. Ihre Eltern betrieben dort ein beliebtes Spielwaren-Geschäft. Sie lernte zunächst Erzieherin, studierte dann Sozialpädagogik und später auch Jura. Sie hatte verschiedene Stellen in der Jugend- und Sozialarbeit, unter anderem arbeitete sie mit Flüchtlingen und als Frauenbeauftragte. 2007 wurde sie für die SPD in die Bremer Bürgerschaft – den dortigen Landtag – gewählt. Von Dezember 2012 bis August 2019 war sie Staatsrätin und Bevollmächtigte Bremens beim Bund sowie für Europaangelegenheiten und Angelegenheiten der Integration und hatte damit in Bremen den Rang einer Landesministerin.

Seit dem Ende ihrer politischen Karriere arbeitet sie als Beraterin und Coach für Politikerinnen und Politiker. Seit 2021 gehört sie als erste Frau in der Geschichte des Vereins dem Aufsichtsrat des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen an. Ulrike Hiller war lange mit dem heutigen Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte, der aus Elze stammt und in Sarstedt Abitur gemacht hat, verheiratet. Sie hat aus dieser Ehe zwei erwachsene Töchter.


Buch-Rezension: „Politik ist weiblich“

Männer fahren morgens zur Arbeit und kommen abends zurück. Deshalb finden sie es vor allem wichtig, dass die Straßen in einem guten Zustand sind und regelmäßig saniert werden. Welche Einkaufsmöglichkeiten es gibt, wie es mit der Kinderbetreuung aussieht und ob Fußwege immer vernünftig ausgeleuchtet sind, ist vor allem für den Alltag vieler Frauen wichtig. Wenn aber im Stadtrat vor allem Männer sitzen – welche Themen bekommen dann wohl die höchste Priorität?

„Mehr Miteinander“

Es ist ein recht holzschnittartiges Beispiel, das weiß auch Ulrike Hiller. Und dennoch ist es eine Schlüsselstelle in ihrem Buch „Politik ist weiblich“, das die gebürtige Sarstedterin und langjährige Bremer Staatsrätin jetzt veröffentlicht hat. Ein Werk, in dem die 58-Jährige ihre eigenen politischen Erfahrungen teilen möchte – vor allem mit dem Ziel, mehr Frauen zum Engagement in der Politik zu motivieren.

Warum das aus Hillers Sicht wichtig ist, soll eben das Beispiel deutlich machen. Männer und Frauen haben aufgrund unterschiedlicher Lebenserfahrungen und Alltage oft unterschiedliche Perspektiven – und beide sind wichtig, wenn man für die gesamte Gesellschaft das Beste erreichen will. Ein „Gegeneinander“ wolle sie damit auf keinen Fall, sagt Hiller, eher „mehr Miteinander“.

Erfahrungen aus Ehrenamt und Berufspolitik

Die gebürtige Sarstedterin kennt aus ihrer Zeit in Ottersberg und Bremen sowohl die ehrenamtliche Kommunal- als auch die hauptamtliche Bundespolitik, hat zudem als Staatsrätin viel in Berlin und Brüssel gearbeitet. Und immer wieder beobachtet: „Männer arbeiten gut zusammen, bilden Netzwerke, verfolgen gemeinsame Ziele.“ Frauen täten das viel zu oft nicht, wollten „nicht aus der Masse hervorstechen“, unterstützten sich nicht ausreichend gegenseitig, seien eher kritisch im Umgang miteinander und deshalb oft genug als Einzelkämpferinnen unterwegs. Auch hätten Frauen größere Probleme als Männer, „sich hinzustellen und zu sagen: Ich will das jetzt machen, ich traue mir das zu!“

Dazu wolle sie ermutigen, sagt Hiller. und zugleich dazu, dann auch konsequent durchzuziehen, sich Unterstützerinnen und Unterstützer zu suchen, Netzwerke aufzubauen – nicht nur aus persönlicher Sympathie, sondern auch aus praktischem Nutzen.

Mit Queen und Obama

Hiller garniert Erfahrungsbericht und Empfehlungen mit teilweise sehr unterhaltsamen Anekdoten etwa über Besuche von Queen Elizabeth oder Barack Obama in Berlin, aber auch mit Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Sarstedt und ihre ersten Kämpfe gegen empfundene Ungerechtigkeiten.

Ulrike Hiller: „Politik ist weiblich“, Kellner-Verlag Bremen, 17 Euro, ISBN 978-3-95651-420-3.

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