Mahlum/Hahausen - Ein wenige Tage altes Kalb geht beim Umsetzen auf eine neue Weide in der Nähe von Hahausen (Landkreis Goslar) verloren. Nach etlichen Kilometern Wanderschaft kommt das junge Tier schließlich in Mahlum auf einer fremden Weide an, wo einige Kühe grasen. Dort findet es gleich Anschluss und wird von einer Ersatzmutter mit frischer Milch versorgt. Eine Geschichte, die eigentlich kaum zu glauben ist.
Für Kathrin Lippert ist es immer noch ein Rätsel, wie das erst sechs Tage alte Kälbchen eine Distanz von gut 15 Kilometern am Stück zurückgelegt hat. „Die französische Limousin-Rasse gilt zwar als sehr lauffreudig, aber das ist ja schon eine ganz schön lange Strecke“, sagt Lippert. „Dabei darf man auch nicht vergessen, dass das Kalb noch nicht lange auf der Welt ist.“ Aber warum ist das Kälbchen ohne Namen denn überhaupt auf Wanderschaft gegangen?
100 Kühe ausgebüxt
Hier die vollständige Geschichte: Lipperts Cousin war dabei, seine Herde am vergangenen Freitag von einer Weide zur nächsten zu treiben. Dabei büxten fast alle 100 Kühe in ein Maisfeld aus. Das Kälbchen konnte er anschließend nicht mehr finden, es war offenbar zwischen den Maispflanzen zurückgeblieben. Es folgte ein öffentlicher Suchaufruf in sozialen Netzwerken.
Tatsächlich gab es am Samstagabend dann eine Meldung aus Bodenstein, dort wurde das Tier am Friedhof gesichtet. Doch nach kurzer Zeit war es wieder verschwunden. Von dort aus muss der Nachwuchs aus dem Nachbarkreis dann in Richtung Mahlum aufgebrochen sein. Einige hundert Meter entfernt von der Ortsgrenze hält Michael-Wilhelm Golis auf einer Weide im Nebenerwerb gut ein Dutzend Mutterkühe der Rasse Welsh-Black, die Wiese ist seit Generationen in Familienbesitz. Unterstützt wird der Mahlumer von seinem Vater Friedrich-Wilhelm Golis.
Den Rufen gefolgt?
Der 72-Jährige berichtet davon, dass am vergangenen Donnerstag zwei Kälber von der Mutter abgesetzt und verkauft wurden. „Aus Mutterliebe brüllen sie dann bestimmt noch zwei Tage lang“, erläutert Golis. Vermutlich hat das Kleine die Rufe in Bodenstein gehört und ist diesen bis nach Mahlum gefolgt.
Als Friedrich-Wilhelm Golis nach Rückkehr von einer Tour noch einmal auf der Weide nach dem Rechten schaute, konnte er den neuen Gast jedenfalls nicht entdecken. „Alle Tiere waren ruhig. Es gab keine auffälligen Beobachtungen“, so der Mahlumer. Das Kälbchen lag am nächsten Morgen versteckt im Gras. Nur die Amme hat den Platz verraten. Von der Herde wurde das fremde Kälbchen aus Hahausen sofort aufgenommen. Es fand sich eine Ersatzmama, die bereitwillig Milch spendete.
Wieder vereint
Längst hatte sich die Suche nach dem Kälbchen bis nach Mahlum herumgesprochen. Die Suchnachricht war schließlich auf diversen Plattformen viral gegangen. Golis musste daher nicht lange überlegen, wer da auf seiner Weide Unterschlupf gefunden hatte. Er rief sofort beim Besitzer in Hahausen an. „Die Familie kennen wir schon seit vielen Jahren“, erklärt Vater Golis. Auch für den 72-Jährigen ist es bemerkenswert, welche Strecke das Tier zurückgelegt hat. „Es muss auf dem Weg auch die Bundesstraße 82 überquert haben“, vermutet der Mahlumer.
Der Rücktransport in die Heimat ging dann am Montag problemlos mithilfe eines Treibewagens über die Bühne. Kalb und Ersatzmama wurden voneinander getrennt, auch wenn die Bindung wahrscheinlich noch lange gehalten hätte. „Bei der Rückkehr hat sich die richtige Mama sehr gefreut“, erklärt Kathrin Lippert, die sich wie ihr Cousin über das Happy End freut. Beide sind sehr erleichtert und danken der Familie Golis ganz besonders für die Unterstützung.
Von Michael Vollmer

