EVI Lichtungen

International angesehene Künstlerin soll ausgerechnet einen Betonklotz im Herzen von Hildesheim gestalten – und sie freut sich

Köln/Hildesheim - Kirchen begeistern Gudrun Barenbrock wegen ihrer „zwecklosen Schönheit“. Für die EVI Lichtungen arbeitet sie jetzt ausgerechnet an einem Zweckbau. Trotzdem ist die Künstlerin zufrieden.

Gudrun Barenbrocks Lichtinstallationen kombinieren Videos, Fotos und Animationen – und zwar grundsätzlich, wie hier in Feldkirch, in in Schwarz-Weiß. In Hildesheim bespielt sie das Kolleggebäude des Mariano-JosephinumsGünter Richard Wett

Köln/Hildesheim - Es gibt in Hildesheim pittoreske Orte, die sich für jede Hochglanzbroschüre eignen. Der Mariendom, die Andreaskirche, der Neustädter Markt, um nur einige Beispiele zu nennen. Genau in diesem Dreieck liegt hingegen ein Unort: das Kolleggebäude vom Mariano-Josephinum. Die Schule an der Kreuzstraße ist zweckmäßig, grau, kahl. „Ein guter Ort“, findet Gudrun Barenbrock. Bei den EVI Lichtungen will sie den Betonklotz zum Schwingen bringen.

Dreimal war die Künstlerin aus Köln bisher in Hildesheim. „Ich habe mir von der Stadt nicht viel anschauen können“, gibt sie zu. Im Dom war sie. In Kirchen ist sie ohnehin immer schon gerne gegangen. Die Stille, die Fenster, das Licht, „das finde ich großartig“, erzählt sie. Sonst stand sie vor allem auf dem Parkplatz hinter dem Kolleggebäude. Hat sie es sich also schon im Vorfeld mit dem Team der Licht Kunst Biennale verdorben, dass sie vom Stadtmarketing nicht wenigstens den historischen Marktplatz oder wenigstens den Angoulêmeplatz gezeigt hätte bekommen können?

„Die EVI Lichtungen sind eine Ausnahme“

Das kann es nicht sein. Barenbrock spricht mit großer Begeisterung von der Veranstaltung. „Es ist ein sehr engagiertes Festival, das einen künstlerischen Anspruch hat“, betont sie. Andere Städte knipsen die Lichter an, um Leute zu locken und in erster Linie die Verkaufszahlen von Gastronomie und Handel in die Höhe zu schrauben. „Die EVI Lichtungen sind eine Ausnahme“, findet Barenbrock. „Da geht es nicht nur um Belustigung, sondern um einen Kontext.“

Das passt zu Barenbrock. Sie hat Freie Kunst an der Kunstakademie Münster studiert und als Meisterschülerin abgeschlossen. Mittlerweile hat sie auf der ganzen Welt ausgestellt: Graz, Tunis, Athen, New York, Bogotá, Patiala in Indien. „Ich brauche zwecklose Schönheit.“ Klaus Wilhelm, Projektleiter und Kurator der EVI Lichtungen, hat mehrere ihrer Arbeiten gesehen und sie nach Hildesheim eingeladen, schon 2024, dieses Jahr klappt es. Dann soll Barenbrock auf einen Parkplatz? Das „zwecklos“ erschließt sich, die „Schönheit“ eher nicht.

Barenbrock hingegen ist zufrieden. „Es ist ein guter Ort für eine Projektion, weil er kein ausgeprägtes Gesicht hat“, erläutert sie. Denn das Kolleggebäude lasse zwar „architektonischen Gestaltungswillen“ erkennen, sei aber auch „ein Zweckbau“. Das kommt Barenbrock entgegen. Denn sie entwirft Videoinstallationen, kombiniert dafür Videos, Fotos und Animationen. Für das Kolleggebäude nutzt sie unter anderem Drohnenaufnahmen von Hildesheim, Karten vom Landesamt für Vermessung und Satellitenbilder der Europäischen Weltraumorganisation. Es sind Eindrücke vom Gangesdelta, aus der australischen Wüste, den Großstadtschluchten der USA.

Eigentlich war Barenbrock Malerin. „Kleine Bilder über dem Sofa haben mich nie interessiert“, erzählt sie. Sie habe immer groß gearbeitet, Rauminstallationen gemacht. Dann kam die Fotografie und Dia-Projektionen. „Dann hat es sich zwangsläufig ergeben, mit Bewegtbild zu arbeiten“, erklärt Barenbrock. Wie sich Räume dadurch verändern, das hat sie begeistert. Bevorzugt arbeitet sie deswegen in geschlossenen Bereichen, weil sie dadurch dreidimensionale Effekte erzeugen kann. Auch das bieten ihr die EVI Lichtungen doch aber nicht. Ihre Arbeit „Zwischen Räume (Mapping the City)“ wird unter freiem Himmel zu sehen sein.

Unort wird zu etwas Besonderem

„Mir ist es ganz wichtig, keinen Film auf eine flache Fassade zu werfen“, betont Barenbrock. „Ich begreife das Gebäude als Raumkörper.“ Deswegen interessiere sie der Standort, dieser versteckte Parkplatz in der Innenstadt, dieser Unort. „Sowas gibt es überall in Städten. Diese Orte werden genutzt, aber sie sind nicht gestaltet. Da gibt es die Möglichkeit, seine Gedanken spielen zu lassen“, erklärt Barenbrock. Sie arbeitet streng in Schwarz-Weiß, mit Licht, das sich von Straßenbeleuchtung abhebt. „Dadurch wird dieser Ort zu etwas Besonderem.“

Sebastian Grams, auch ein Kölner, hat Musik für die Arbeit komponiert. Der Kontrabassist steuert die tiefen Töne bei, so dass die Installation das Gebäude zum Schwingen bringt. „Ich bin total gespannt“, sagt Barenbrock. Denn die Installation wird auch für sie eine Uraufführung. Aktuell arbeitet sie von Köln aus, nur mit Monitor und Fotos, die sie bei einem Besuch in Hildesheim gemacht hat. „Ich habe aber mittlerweile Erfahrung und ein Gespür für Orte und die Atmosphäre“, sagt sie. Und in Hildesheim, der Stadt mit den meisten Kirchen in Niedersachsen, hat es ihr ausgerechnet dieser Unort angetan.

Am Donnerstag geht es los

Die EVI Lichtungen starten am Donnerstag. Sie finden alle zwei Jahre in Hildesheim statt. Künstlerinnen und Künstler, die mit Licht als Material arbeiten, zeigen ihre Arbeiten an öffentlichen Plätzen, in Kirchen, Museen und anderen Orten. Vom 22. bis 25. Januar können die Arbeiten jeden Abend von 18 bis 23 Uhr bestaunt werden. Der Eintritt ist kostenlos und ohne Ticket möglich.

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