Hildesheim - 150 Arten sterben pro Tag auf der Welt aus, wegen des Klimas und weil den Tieren und Pflanzen der Lebensraum genommen wird. Das ist schlimm und kein lustiges Thema. Warum ich diesen Text aber damit beginne? Weil ich mich frage, wann die Menschen ausgestorben sind, die mit einem Kissen in der Fensterbank jeden Tag eisern ihren Posten bezogen haben und ihr Viertel im Blick hatten.
Die perfekten Zeugen
In der Straße, in der so jemand seinen Sitz oder besser Fenster-Stand mit Brokatkissen mit Federfüllung in der Fensterlaibung hatte, wusste die Polizei immer, wen sie als Erstes nach Beobachtungen fragen musste, wenn was passiert war. Da brauchte es keine Videoüberwachung, sondern nur Helga B., Walter K. oder Wilma M. als verlässliche Quellen. Die grölten dann auch schon mal raus: „Hey, heb das wieder auf!“, wenn jemand Müll fallen ließ. Diese Leute waren so etwas wie eine Ordnungs- und moralische Instanz.
Oma mit Salzcrackern am Fenster
Meine Oma hatte auch einen Fensterplatz. Allerdings saß sie am Fenster, die Gardine einen Spalt breit aufgezogen, ihre Salzcracker in greifbarer Nähe. Ich habe mich immer gefragt, warum sie das gemacht hat. Klar, sitzen ist bequemer, aber die Wohnung war im dritten Stock und meine Oma noch kleiner als ich. Viel mehr als den Himmel wird sie nicht gesehen haben, aber vielleicht träumte sie sich auch einfach nur mit den Wolken fort. Kann ja auch sein.
Nun. Oma ist tot und viele andere Fenstergucker auch. In keinem Lexikon ist zu lesen, wann das passiert ist. Also das Aussterben der Fensterbank-Posten. Vielleicht gibt es ja auch noch ein paar Exemplare in Großstädten. Das habe ich noch nicht überprüft. Was ich schön finden würde: Wenn nach der Diddl-Maus, Wetten, dass …? und weißen Tennissocken auch die Fenstersenioren wiederkämen.
