Bad Salzdetfurth - In den Fluren und Räumen des ehemaligen Relexa-Hotels in Bad Salzdetfurth ist es seit rund zwei Jahren still. Das Hotel ist geschlossen. Doch seit dem 14. Oktober ist wieder Leben in dem großen Gebäude am Ortseingang der Kurstadt.
Aus dem großen Gastraum dringen fröhliche Stimmen, Kinderlachen. An zusammengeschobenen Tischen sitzen Mütter und basteln mit dem Nachwuchs kleine Windlichter. Doch die ausgelassene Stimmung täuscht ein wenig über die Realität hinweg. Hier herrscht kein buntes Hotelleben. Im ehemaligen Relexa hat der Landkreis Hildesheim eine weitere Großunterkunft für Flüchtlinge aus der Ukraine eingerichtet. 120 Menschen haben hier vorübergehend eine Heimat gefunden.
Es mangelt an Wohnraum
Am besten wäre es natürlich, wir hätten für alle eine eigene Wohnung
Jede Woche kommt ein Bus mit Geflüchteten aus der Ukraine in Hildesheim an. Die Menschen waren dann seit Tagen unterwegs, zunächst in Übergangszentren untergebracht und wurden bundesweit verteilt. Jedes Bundesland muss eine Quote erfüllen, entsprechend werden die Menschen auf die Städte und Landkreise verteilt. „Am besten wäre es natürlich, wir hätten für alle eine eigene Wohnung“, sagt Birgit Wilken, Sprecherin des Landkreises.
Doch weil es weiterhin an Wohnraum mangelt, hat der Landkreis bisher vier Großunterkünfte eingerichtet, weitere sind in Planung. Neben einem Hotel in Ummeln und zwei Sporthallen in Alfeld und Sarstedt leben nun auch im ehemaligen Hotel in Bad Salzdetfurth Geflüchtete. Jeweils ein Drittel Frauen, Männer und Kinder sind in dem verwaisten Hotel untergekommen. „Menschen von einem halben Jahr bis zu einem Alter von 81 Jahren“, sagt Nicole Sennholdt, die in der Unterkunft arbeitet.
Von einem Hotelalltag sind wir hier weit entfernt
Sie gehört zum Team des ASB, der vom Landkreis die Betreuung der Unterkünfte in Bad Salzdetfurth, Sarstedt und Alfeld übertragen bekommen hat. „Wir haben uns an den jeweiligen Ausschreibungen beteiligt und den Zuschlag bekommen“, sagt ASB-Geschäftsführer Bolko Seidel. Mehr als 100 Frauen und Männer hat der ASB allein in den vergangenen drei Monaten eingestellt, um die Abläufe in den Unterkünften sicherzustellen.
In Sarstedt und Alfeld leben die Ukrainer in umgerüsteten Sporthallen. Das ehemalige Hotel in Bad Salzdetfurth ist da natürlich komfortabler. „Doch von einem Hotelalltag sind wir hier weit entfernt“, erklärt Ingo Schmidt-von-Groeling, der die Einrichtung zusammen mit Thomas Möbius leitet. Das Hotel sei nur die Kulisse, Schwimmbad und Spa-Bereich sind gesperrt, der Roomservice ist abgeschafft. Ganze Familien teilen sich die Zimmer und mitunter müssen auch zwei fremde Menschen ein Doppelzimmer nutzen.
Vom Flüchtling zur Helfenden
Dreimal am Tag wird im Speisesaal ein Büfett für die Menschen aufgebaut, das von der Diakonie-Tochter Catering Gesellschaft Himmelsthür (CGH) zubereitet und angeliefert wird. Zudem steht im Keller eine Kleiderkammer bereit. Landkreis, Sparkasse und Job-Agentur kommen regelmäßig vorbei, um den Neuankömmlingen bei den bürokratischen Angelegenheiten zu helfen. Ansonsten müssen sich die Frauen und Männer im Alltag selbst organisieren – Hilfestellung gibt es von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des ASB. Jeweils vier von ihnen sind pro Schicht immer mindestens vor Ort – und um die Uhr.
Eine von ihnen ist Tetiana Budylska. Die 41-Jährige ist vor rund neun Monaten selbst mit ihren Kindern aus der Ukraine geflüchtet. Ihr Mann harrt noch immer in Kiew aus und hilft dort seinem Bruder, der als Militärarzt arbeitet. Gemeinsam hat das Paar entschieden, das Tetiana mit den Kindern geht, um ihnen eine sichere Zukunft zu ermöglichen. Die 41-Jährige hat in der Heimat Wirtschaft studiert, bei Bahn und Versicherungen gearbeitet. In der Schule und an der Uni hat sie Deutsch gelernt, die Kenntnisse inzwischen bei einem Volkshochschulkurs intensiviert. Bolko Seidel ist begeistert, dass Budylska inzwischen in der Unterkunft arbeitet. Und sie ist nicht die einzige, die als Flüchtling kam und nun anderen Geflüchteten hilft. „Das ist eine große Hilfe“, sagt Sennholdt.
Deutschland kann nicht alle aufnehmen
Budylska lebt inzwischen mit ihren Kindern in einer eigenen Wohnung in einem Bad Salzdetfurth Ortsteil. Sie hatte viel Hilfe bei dem Start in der neuen Heimat. Das will sie weitergeben. Dabei ist die dreifache Mutter selbst noch gar nicht in ihrem neuen Leben angekommen. Es sei schon schwierig, räumt sie ein.
Sie muss den Kindern helfen, ihren Platz zu finden, kann nur über Telefon Kontakt zu ihrem Mann und anderen Familienangehörigen oder Freunden halten. „Viele haben die Heimat verlassen“, erzählt sie. Die seien in viele Länder verstreut, nach Kanada, Frankreich, Österreich, in die USA. „Deutschland kann nicht alle aufnehmen“, sagt die 41-Jährige. Die Erinnerung an Freunde und Familie fällt ihr sichtlich schwer, doch sie strafft die Schultern und macht sich wieder an die Arbeit.
Alltag für die Kinder
Heute wird im Aufenthaltsraum gebastelt, es gibt Kaffee und Kuchen. Der ASB hat einen Adventsnachmittag arrangiert. „Dank Spenden“, sagt Seidel. Unter anderem die Schiller-Oberschule aus Sarstedt habe mit ihren Spenden dafür gesorgt, dass es sogar kleine Geschenke für die Kinder gibt.
Die meisten von ihnen sind schon fest im Alltag der neuen Heimat etabliert, gehen zur Schule. An der IGS in Bad Salzdetfurth büffeln inzwischen 33 Mädchen und Jungen, eine ukrainische Schülerin besucht die Sothenbergschule und insgesamt 19 ukrainische Kinder (von denen zwölf im Relexa wohnen) die Grundschule Lammetal. Wer nicht vor Ort zur Schule geht, lernt online mit den Mitschülern und Lehrern in der Heimat.
Viele wollen so schnell wie möglich zurück
Denn Fakt sei, nicht alle von denen, die sich vorerst in einem der Hotelzimmer eingerichtet haben, streben nach einem Leben in Deutschland. „Viele wollen so schnell wie möglich zurück“, weiß Schmidt-von-Groeling. Andere wiederum hoffen auf eine eigene Wohnung, auf Arbeit. Ein Koch und eine Kellnerin beispielsweise würden sich über Jobs freuen, erzählt Thomas Möbius.
Wie lange das ASB-Team Geflüchteten aus der Ukraine hilft, in dem ehemaligen Hotel ein vorübergehendes Zuhause zu finden oder von dort aus in ein neues Leben durchzustarten, weiß derzeit keiner. „Wir nehmen jeden Tag wie er kommt“, sagt Schmidt-von-Groeling.


