Dingelbe - Wer am 28. Juli in Dingelbe seine Nase in die Luft hält, um den Geruch von frisch gebackenen Brötchen und Brot zu schnuppern, wird enttäuscht sein. Von dem Montag an bleibt der Ofen in der Dorfbäckerei kalt. Bäckermeister Ernst Helmer macht wahr, was viele im Ort schon länger befürchteten: Er setzt sich zur Ruhe. Doch er hat für eine Nachfolge gesorgt. Bäcker- und Konditormeister Thomas Wucherpfennig aus Algermissen wird den kleinen Laden im Hohen Weg täglich ansteuern und mit Backwaren beliefern. Helmer hat die neuen Produkte schon vorab für seine Kunden verkostet.
Schön öfter ans Aufhören gedacht
Schon öfter habe er ans Aufhören gedacht und doch weitergemacht. Vor zehn Jahren war das so und in diesem Frühjahr wieder. Noch einmal verlängerte Helmer, er wollte die Nachfolge in trockenen Tüchern wissen. Gar nicht so einfach, einen Bäcker zu finden, der Helmers Ansprüchen genügte, und der dazu noch Kapazitäten hat, um ein weiteres Dorf anzusteuern. In Algermissen wurde der 70-Jährige schließlich mit Barbara und Thomas Wucherpfennig fündig. „Die Leute können beruhigt und sie werden zufrieden sein“, sagt Helmer. Er habe sich durch das Sortiment gegessen und es für gut befunden, berichtet der Bäcker.
Barbara und Thomas Wucherpfennig haben sich die Überlegung nicht leichtgemacht. „Aber wenn man das Handwerk hochhalten will, muss man etwas machen“, sagt Wucherpfennig. Und Ernst Helmer sei nun mal der letzte Bäcker in der Gemeinde Schellerten. Die Lieferungen und die Fahrten nehmen die Wucherpfennigs nun auf sich, trotz ständiger Personalnot. „Aber Ernst Helmer kann man mit seiner Art auch wirklich schlecht etwas abschlagen“, beschreibt Wucherpfennig die Wirkung seines Bäcker-Kollegen. Im Dorf kennt man Helmer eher weniger. „Er ist ja meistens in seiner Backstube“, sagt Ortsbürgermeister Henning von Hermanni. Im Ort akzeptiere man seinen Entschluss, zumal Helmer länger gearbeitet hat als ein übliches Berufsleben. Dennoch: „Wie werden wohl Beerdigungen ohne Helmers Zuckerkuchen mit einer Extra-Flocke Butter?“, fragt sich von Hermanni. Helmer sei immer da gewesen, eine Konstante, wie die Qualität der Brotsorten Blankes und Gerster. „Die Lücke muss man erstmal schließen“, sagt von Hermanni. Nun gelte es, dem neuen Bäcker eine Chance zu geben.
Die Rezepte sind Privatsache
Häufig sei Helmer schon gefragt worden, ob er seine Rezepte weitergebe, aber die seien Privatsache, und so dürfte neben dem Brot so einiges schmerzlich vermisst werden. Die Nougatringe etwa, die Donauwelle – das letzte Blech ist gebacken – und die Schlemmerkugeln. Am Bäckertresen in Helmers kleinem Lebensmittelladen hängt ein Zettel, geschrieben von einem Mädchen: „Ich möchte Bäckerin werden, damit ich mir so viele Schlemmerkugeln machen kann, wie ich möchte.“ So etwas freut den Handwerker.
Natürlich tut es ihm gut, dass seine Arbeit derart geschätzt wird. Die Komplimente bedeuteten jedoch auch Verantwortung und sorgten für Druck, wie er sagt. Nun kann Helmer nicht mehr. Keinen Tag verbringt er ohne Schmerzen. Der Rücken ist kaputt, die Hüfte auch. Anfang August steht die erste größere Operation an.
Wenn er wieder genesen ist, wird Helmer ab und an wohl mal backen. Zum Vergnügen. Vielleicht zieht er dazu auch seine karierte Bäckerhose an, die über Jahrzehnte seine Berufskleidung war. Und das, obwohl er den Beruf eigentlich nicht wollte. Doch sein Vater Ernst war Bäcker, und dessen Vater, also Helmers Opa, war Schiffsbäcker, bevor er in Dingelbe sesshaft wurde.
Liebe zum Handwerk wuchs
So machte der Junior seine Lehre in Hildesheim bei Könneker. Als er sich entschied, seinen Meister zu machen, entflammte die Liebe zum Gebäck. „Ich lernte Leute kennen, die das Handwerk wirklich lernen wollten und hatte tolle Lehrer“, erinnert sich Helmer. Er übernahm das Geschäft vom Vater und lebt seitdem den Bäcker-Lebensrhythmus, bei dem der Tag morgens um 2.30 Uhr beginnt. Freitags dauert der Arbeitstag von 19 Uhr bis Sonnabend in der früh um 7 Uhr. Mit seinem Gesellen Klaus Schütz arbeitet er seit Jahrzehnten Seite an Seite. „Wenn Klaus nicht so solidarisch gewesen wäre, wäre es gar nicht mehr gegangen“, räumt Helmer ein. Mit 63 Jahren geht auch Schütz in den Ruhestand.
Wenn er wieder fit ist, dann will Helmer reisen. Es zieht ihn an die See. Früher war er oft in Norwegen, um dort zu fischen und campen. Alles schön da. Nur das Brot schmeckte ihm nicht. So nahm Helmer Sauerteig mit und buk auf dem Platz in einem ganz normalen Küchenbackofen sein Brot. Das bekamen andere Gäste aus Deutschland schnell mit und standen Schlange. Daran denkt der Bäckermeister mit Schmunzeln zurück. Wenn Helmer nun an seine Zukunft denkt, ist er erleichtert. Aber auch wehmütig. Obwohl er so viele Pläne für seine Freizeit hätte, dass er älter als 100 Jahre werden müsste, um sie alle abzuarbeiten. Na, und dann ist da ja noch der Laden, den Helmer weiter betreiben wird. Er steht zwar nicht an der Kasse, kümmert sich aber um die Buchhaltung. Bis zu ihrem Tod 2019 hatte das seine Frau Karen Hucke gemacht. Ihr früher Tod war ein schwerer Einschnitt für Helmer.
Neue Liebe gefunden
2021 verliebte Helmer sich erneut in ein Jugendfreundin Petra Tondorf. Sie lebt zwar in Gelsenkirchen, kommt aber mit ihren beiden Bichon Frisé Hunden Artos und Annabell regelmäßig zu ihrem Ernst nach Dingelbe. Gemeinsam freuen sie sich nun auf die Zeit, die vor ihnen liegt. Ohne Nougatringe, die auch der Bäcker selbst gerne isst, und ohne Schlemmerkugeln. „Gegen die richtig großen von Wucherpfennig sind meine Schlemmerkugeln Diätpillen“, sagt Helmer und lacht.



