Hildesheim - Annette Simons, bekannter als Bärchen, war Gründungsmitglied der hannoverschen Band Bärchen und die Milchbubis. Nach vier durchgeknallten Jahren war Schluss mit Punk. Und dann? „Ich habe gearbeitet und Steuern gezahlt.“ Und zwar als Grafikerin, die letzten 20 Jahre bei der Zeitschrift Brigitte. Die 63-Jährige lebt in Hamburg und ist mit Mattus, dem Sänger von Der Moderne Mann, verheiratet. Doch nun starten Bärchen und die Milchbubis wieder durch. Am Samstag, 11. Mai, spielt die Band um 20 Uhr in der Hildesheimer Kufa.
Im Buch „Wie der Punk nach Hannover kam“ schildern Sie eindrücklich ihren ersten Auftritt im Hildesheimer Bebop: Lampenfieber, Euphorie, reichlich Jägermeister und nachher Absturz. Wie fühlt es sich an, jetzt wieder her zu kommen?
Ich freue mich einfach drauf. Es ist nicht mehr das Bebop, das wäre ja noch verrückter. Aber was ich daran interessant finde, im Nachhinein: 1980 gab es kaum Auftrittsmöglichkeiten. Und das Bebop war ja eher eine Hippie-Kneipe. Dass die uns ihre Räume zur Verfügung gestellt haben, ist schon toll. Die Szene war halt noch sehr offen und durchlässig – und nicht so, wie es kurz darauf war: „Ihr habt die falschen Schnürsenkel und dürft hier nicht rein.“
Gut 40 Jahre nach der Auflösung der ersten Besetzung ist die Welt eine völlig andere, aber der Sound der Band hat sich kaum geändert, wenn man die neue Scheibe hört.
Ja, genau. Man kann sagen: So richtig weiterentwickelt haben wir uns nicht.
Das hätte ich so nicht ausgedrückt.
(lacht) Das war ja auch ein Punkt, warum es damals keine zweite Platte gab. Wir dachten, wir müssten uns irgendwie weiterentwickeln, hatten aber keine Ahnung, in welche Richtung: jazziger, rockiger, experimenteller. Das waren wir halt nicht, vor allen Dingen ich nicht.
Ist es okay, heute einfach die Musik von damals zu machen?
Hm, ja, es sind ja neue Stücke. Und es wird auch angenommen von den Leuten, das ist das Entscheidende.
Worauf ich hinaus will: Punk hat damals der Gesellschaft einen Zerrspiegel vorgehalten. Wenn Sie heute mit einem ganz ähnlichen Sound auf die Bühne gehen, steckt ja vielleicht etwas dahinter.
Das ist, glaube ich, ein bisschen überhöht gesehen. Für uns ging es einfach darum, sich selber auszudrücken und sich selber zu spüren. Letzten Endes ist es das jetzt auch noch so: Sich zeigen, wie man ist, und nicht etwas verkünsteln.
Das Umfeld ist inzwischen allerdings ein völlig anderes. Wie erleben Sie die heutige Punkszene?
Die Leute, mit denen wir auftreten, sind alle total entzückend. Es gibt sehr viele junge Leute, die wieder diese Musik machen, und vor allem gibt es sehr viele junge Frauen, die sich in der Szene und auf der Bühne wohlfühlen und mit ihren Themen laut sind. Es gibt natürlich auch andere, die sich nach wie vor nur betrinken und rumpöbeln wollen, aber die kommen zum Glück nicht zu unseren Konzerten. Die alten Punks – wenn sie überlebt haben – stehen in ihren Lederjacken eher am Rand und gucken, und die Jüngeren sind vorne am Tanzen und Mitsingen.
Es ist friedlicher geworden?
Ja, früher standen sie vorne und haben einen angerotzt, das gibt’s ja nicht mehr. Meistens jedenfalls. Wir hatten es jetzt gerade in Lindau. Ich war völlig verwirrt und dachte: Was mache ich denn jetzt?
„Von heute an will ich nicht älter werden. Wenn ich dreißig bin, ist alle Pracht dahin“ haben Sie früher gesungen. Gibt auch Vorteile beim Altwerden?
Das Lied singe ich aber immer noch sehr gerne, und es wurde ja auch zweimal gecovert, vom Steintor Herrenchor und von Sam Vance-Law. Das scheint doch viele Leute anzusprechen. Aber ich finde, beim Älterwerden gibt es wirklich viele Vorteile. Ich bin viel gelassener, ich habe nicht mehr so viel Angst. Mit 20 hatte ich wahnsinnig viel Angst vorm Leben: Werde ich das schaffen, werde ich die Miete bezahlen können? Werde ich es schaffen, nüchtern zu sein – mich nicht totzusaufen? Zu der Angst gehörte natürlich, ähnlich wie heute, dass uns eine Atombombe auf den Kopf fällt oder etwas anderes Schreckliches passiert.
Was ist aktuell Ihre größte Sorge?
Ich denke, das ist das, was die meisten Menschen umtreibt: Dass sich eins der Krisengebiete ausweitet und wir noch mehr in eine kriegerische Szene hineingezogen werden. Außerdem habe ich Angst vor dem Zusammenbruch der Ordnung und des demokratischen Systems. Und das nach der Revoluzzer Jugend. Trotz meiner Erfahrung mit Polizeigewalt beim G20. Tja, Zeiten ändern Dich.
Ich hätte gedacht, dass das Klima eine Rolle spielt – Sie kommen ja ursprünglich aus der Anti-AKW-Bewegung.
Über das Klima muss man sich natürlich immer noch Sorgen machen. Aber bei dem, was im Moment alles an Granaten in die Luft geballert wird… Das ist einfach nur furchtbar. Aber ich fahre Fahrrad. Und wir machen fast alles mit dem Zug, weil wir versuchen, umweltgerecht unterwegs zu sein. Es ist total krass, mit einem Verstärker, seinem Merch und der Gitarre im Zug unterwegs zu sein. Es ist aber auch ein schönes Erlebnis, weil die Leute eigentlich sehr hilfsbereit sind.
Haben Sie noch Kontakt zu früheren Weggefährtinnen?
Ja, zu Annette Benjamin und Renate Baumgart von Hans-A-Plast. Und dadurch, dass mein Mann beim Modernen Mann singt, habe ich natürlich auch zu denen noch Kontakt. Auch zu Hollow Skai. Und Emilio Winschetti von Mythen in Tüten habe ich gerade in Berlin bei einem Konzert getroffen.
Was erwartet die Leute am Samstag?
Erstmal spielen die tollen Brausepöter. Die kennen wir noch aus den Achtzigern und waren auch zusammen im Film „Die Neue Deutsche“. Wir spielen eine gute Stunde, und wenn Zugaben gewünscht werden, auch noch länger. Wir haben wirklich viele Ohrwürmer, es ist Party und Pogo tanzen angesagt. Es macht uns einen Riesenspaß, und ich glaube, den Leuten auch.

