Torfhaus/Hildesheim - Bei markanten Investitionen wird gern von einem Leuchtturmprojekt gesprochen. In diesem Fall trifft es den Begriff gleich doppelt, denn auf Torfhaus im Harz soll in den nächsten Monaten ein 65 Meter hoher „Harzturm“ gebaut werden, der sich gleich neben der Bundesstraße wie ein Monolith in den Himmel erhebt und Besucher locken soll.
Investor, Bauherr und Betreiber ist die 2019 gegründete Harzturm GmbH, deren Gesellschafter mehrheitlich aus Hildesheim stammen: Sebastian und Yvonne Lüder sind dabei, Frank Wodsack, Thomas Eisenberger und Matthias Rathgen, Hannes Mairinger aus Torfhaus als Geschäftsführer, Mairingers Sohn Maximilian aus Hannover und Clint Brescher aus Wolfenbüttel als Baubetreuer.
Wahrzeichen gesucht
Bei blauem Himmel mit freiem Blick auf den 1141 Meter hohen Brocken – was im Harz nicht selbstverständlich ist – fiel mit dem ersten Spatenstich am Montagnachmittag der Startschuss für Deutschlands höchsten Aussichtsturm aus Holz. Schon lange habe er mit seinen Mitstreitern nach einem Wahrzeichen, einem Mittelpunkt für Torfhaus gesucht, sagt Mairinger. Denn lange bestand die auf 812 Metern höchstgelegene Ortschaft des Oberharzes nur aus ein paar abgewrackten Gaststätten, in die sich Touristen nur notgedrungen verirrten.
Dann kamen Investoren um Lüder aus Hildesheim und erkannten das Potenzial des nördlichsten deutschen Mittelgebirges: 2006 öffnete die Bavaria-Alm, 2009 das Besucherzentrum des Nationalparks, 2013 begann die „Erfolgsgeschichte“ (Mairinger) des Torfhaus-Ressorts, das inzwischen mehrfach erweitert wurde. Nun das nächste Projekt, der Harzturm.
Fahrstuhl gen Himmel
Das skulpturale Bauwerk erinnert an einen drehwüchsigen Baumstamm, die lamellenartige Außenhaut an einen sich öffnenden Fichtenzapfen. Im Innern führt ein Fahrstuhl auf eine 360-Grad-Panoramaplattform, von der aus man einen weiten Blick über den Nationalpark und zum Brocken haben soll.
Die Höhe des Turms wurde nicht dem Zufall überlassen. „Wir haben eine Drohne aufsteigen lassen, um zu wissen, in welcher Höhe der Blick am besten ist“, sagt der österreichische Architekt Dietmar Kaden aus Klagenfurt. Am Wörthersee hat er mit dem Pyramidenkogel, mit 100 Metern der höchste Holzaussichtsturm der Welt, bereits ein ähnliches Projekt verwirklicht. Nach einer Ortsbesichtigung stand für die Hildesheimer fest: Ganz ähnlich soll auch das neue Zentrum von Torfhaus werden.
Skywalk für Schwindelfreie
In 50 Metern Höhe werden Besucher einmal in eine 110 Meter lange spiralförmige Edelstahlrutsche steigen können, die sich außen um den Turm windet und an mehreren Stellen den Blick in die Landschaft erlaubt, auf 45 Meter Höhe gibt es einen elf Quadratmeter großen gläsernen Skywalk für Schwindelfreie. Am Grund bietet ein Eingangsgebäude Café, Souvenirshop und Toiletten. Verläuft alles nach Plan, soll das Acht-Millionen-Euro-Projekt im nächsten Frühjahr fertig sein.
„Ein ganz toller Entwurf“, freut sich Mairinger. Mit dem Harz ist sein Architekt Kaden übrigens bestens vertraut: Seine Schwiegermutter wohnt in Sarstedt, seine Frau stammt aus Hannover. Und sein Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern in spe führte seinerzeit – in den Harz. So ein Turm, der einen weit weg vom Boden und allen Alltäglichkeiten und näher an den Himmel bringe, habe für ihn fast etwas Religiöses, sagt Kaden, der den kühnen Entwurf mit Tragwerksplaner Markus Lackner entwickelt hat. 900 Kubikmeter Fichten- und Lärchenholz wird er für die Realisierung benötigen.
Anlieger skeptisch
Fichten gibt es im Umfeld von Torfhaus kaum noch: Trockenheit und Borkenkäfer haben ganze Arbeit geleistet. Am Zaun der Baustelle steht mit bitterer Miene derweil Martin Stiehlau. Der Braunschweiger hat seit Jahrzehnten eine Zweitwohnung auf Torfhaus – und hält das Projekt für „rausgeschmissenes Geld“: Die Parkplätze reichten nicht für noch mehr Touristen, seine Privateinfahrt werde ständig zugeparkt, er sei sogar schon mit dem Messer bedroht worden. Und der Müll im Wald werde immer mehr.
Region profitiert als Ganzes
Niedersachsens Wirtschaftsstaatssekretär Berend Lindner verspricht, der Sache mit dem Messer nachzugehen. 1,4 Millionen Euro steuern Land und Bund für den Harzturm bei. „Weil hier 20 neue Dauerarbeitsplätze entstehen“, so Lindner. Von dem Projekt profitiere die gesamte Region – auch wenn das nicht von heute auf morgen passiere. „Aber je mehr Übernachtungen wir haben, um so mehr Wertschöpfung haben wir. Das ist das Ziel.“ Im übrigen werde nicht nur Torfhaus subventioniert, auch in andere Westharz-Projekte fließe Geld, so in den Baumwipfelpfad und die Baumschwebebahn in Bad Harzburg.
Sucht man im Netz nach Attraktionen im Harz, stößt man freilich fast immer auf Tipps im Ostharz. Die Hildesheimer Investoren glauben dennoch an den Westharz: Schon bald wollen sie ein Wellness-Hotel errichten. Wo? In Torfhaus natürlich.
