Fehlende Meistertitel

Barber Shops unter Beobachtung: Kritik aus dem Handwerk und Zoll-Kontrollen in Hildesheim – aber was ist dran an den Vorwürfen?

Hildesheim - In Hildesheim gibt es immer mehr Barber Shops. Nicht alle arbeiten so, wie sie es sollten, heißt es aus dem Handwerk. Alles nur Vorurteile? Oder können Kontrollen des Zolls die Vorwürfe bestätigen?

Timur Cevik, Inhaber des Gentlemen’s Barber Shop frisiert einen Stammkunden. Foto: Julia Moras

Hildesheim - In Hildesheim dürfte eigentlich niemand unfrisiert unterwegs sein; wenn es etwas gibt, woran es der Stadt nicht mangelt, dann sind es Friseursalons und Barber Shops. Letztere bieten immer öfter nicht nur Bart-, sondern auch Haarschnitte an, wie Preistafeln an der Fensterscheibe verraten. Die aufgerufenen Preise bewegen sich in aller Regel eher im unteren Segment; Herrenhaarschnitte gibt es da teilweise schon für zehn bis fünfzehn Euro. Im traditionellen Friseurhandwerk hat das mitunter zu ärgerlichen Reaktionen geführt, wie Reiner Wendlandt, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hildesheim-Alfeld berichtet. „25 Euro für einen normalen Herrenhaarschnitt sind schon relativ günstig“, sagt Wendlandt. Warum viele Barbiere für weniger arbeiteten, sei nur schwer nachvollziehbar.

Kritik gebe es auch daran, dass in vielen Barber Shops überhaupt Haarschnitte und nicht nur Rasuren angeboten würden, sagt Wendlandt. Der Grund: Kopfhaare dürfen in Deutschland nur in meistergeführten Betrieben geschnitten werden oder in solchen, die zumindest einen Friseurmeister oder eine Friseurmeisterin beschäftigen. Dass sich nicht alle Barber Shops an die Handwerksordnung halten, haben in Hildesheim im vorigen Jahr Kontrollen des Zolls ergeben. In Süddeutschland haben die Behörden zuletzt einen stärkeren Fokus auf das Problem gelegt. So hat jüngst die Stadt München mit der zuständigen Handwerkskammer eine eigene Kontrollgruppe gegründet, die kontrollieren soll, ob Barber Shops die Handwerksordnung befolgen. Jedes Jahr leitet die Handwerkskammer in Oberbayern laut Bayerischem Rundfunk bei etwa 200 Barbershops ein Verfahren wegen fehlender Meistertitel ein.

Das sagt ein Barbier dazu

Eigentlich eine gute Sache, findet Timur Cevik. Der Barbier gehörte zu den Ersten, die in Hildesheim einen Barber Shop eröffnet haben. Den Gentlemen’s Barber Shop, wie Ceviks Herrensalon heißt, gibt es seit 2015 – erst an der Kaiserstraße, inzwischen ist er an die Scheelenstraße umgezogen. Der Laden ist im rustikalen Retrolook eingerichtet; zwei alte Frisierkommoden aus dunklem Holz mit großen Spiegeln stehen einander gegenüber. Am frühen Dienstagnachmittag steht der Barbier hinter einem der großen braunen Ledersessel und führt einem Stammkunden die Rasierklinge über die Wange, während er über Vorurteile gegenüber den modernen Barbieren spricht und über das Problem mit den ungelernten Quereinsteigern.

Er verstehe jeden, der sich selbstständig mache, um mehr aus sich und seinem Leben zu machen, sagt Cevik. „Aber mittlerweile gibt es zu viele Barber Shops von Quereinsteigern, und die machen unseren Ruf kaputt.“ Er selbst habe das traditionelle Friseurhandwerk gelernt und einen Meister gemacht, bevor er sich dazu entschlossen habe, einen Barber Shop zu eröffnen. Das habe er damals getan, weil er fand, dass es im Bereich der Haar- und Körperpflege zwar ein großes Angebot für Frauen gegeben habe, aber seinerzeit eben kaum eines für Männer. „Es gibt auch einige richtig gute Quereinsteiger“, betont Cevik. „Aber es ist schade, wenn die Jungs keine Lehre machen.“

Gibt es ein Problem mit Hygiene?

Eine solche sei einfach sehr wichtig, um den Beruf sicher auszuüben. „Das fängt schon mit der Hygiene an“, sagt Cevik. Die lasse bei einigen Barber Shops zu wünsche übrig. „Und am Ende kam es in vielen Shops zu dieser Sache mit dem Pilz.“ Gemeint ist der Hautpilz Trichophyton tonsurans. Im vergangenen Sommer hatte es viele Schlagzeilen gegeben, wonach sich der hochansteckende Hautpilz vor allem über Barber Shops verbreitet habe. „T. tonsurans wird sehr leicht durch kontaminierte, also mit dem Hautpilz behaftete Haar- und Bartpflegeinstrumente und Oberflächen übertragen“, teilt das Kreisgesundheitsamt Hildesheim dazu mit.

Die Folgen reichen von Juckreiz bis hin zu kreisrundem Haarausfall und entzündeten Hautstellen. Frühzeitig behandelt können bleibende Schäden aber ausgeschlossen werden, teilt das Gesundheitsamt mit. Bei fortgeschrittenen Verläufen bestehe jedoch die Möglichkeit, dass kahle Stellen mit Narbenbildung zurückbleiben. Die gute Nachricht: Im Landkreis Hildesheim sind dem Gesundheitsamt laut Kreissprecherin Birgit Wilken 2024 keine Beschwerden über mangelnde Hygiene in Barber Shops oder traditionellen Friseursalons mitgeteilt worden.

Das hat der Zoll festgestellt

Barbier Timur Cevik kennt die Problematik. „Bei mir bekommt jeder Kunde eine frische Rasierklinge, und alle Rasierapparate werden nach jeder Nutzung desinfiziert und gereinigt.“ An sich kein großer Aufwand, findet Cevik. Höchstens ein Faktor, der den Preis beeinflusst. „Früher hat ein Paket Rasierklingen sieben Euro gekostet, heute 15.“ Für ihn sei deshalb auch kaum nachvollziehbar, warum sich viele Barber Shops preislich immer wieder unterbieten. „Die versuchen das vielleicht über Masse wieder reinzukriegen, aber darunter leidet die Qualität.“ Neben Cevik hat diese Redaktion noch bei zwei weiteren Barber-Shop-Betreibern in Hildesheim nachgefragt, ob es sich um Meisterbetriebe handelt. Beide Shops bestätigten dies, wollten aber in der Zeitung nicht namentlich genannt werden.

Das Hauptzollamt Braunschweig teilt unterdessen auf Nachfrage mit, dass Beamte im Jahr 2024 mehrere Barber Shops in Hildesheim kontrolliert hätten. Wie viele insgesamt, konnte der Zoll nicht benennen. Es gehöre nach dem Schwarzarbeitsgesetz zwar nicht zu den originären Prüfaufgaben des Zolls, sagte Pressesprecherin Dagmar Täger. Es werde jedoch im Rahmen der Zollkontrollen auch geschaut, ob ein Friseurmeister angestellt und tatsächlich anwesend sei – und nicht nur vorgeschoben. Bei den Kontrollen in Hildesheim sind laut Täger aber genau solche Verstöße gegen die Handwerksordnung festgestellt und an die Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen gemeldet worden. Auch hier konnte das Zollamt keine exakten Zahlen nennen.

Was sagt die Handwerkskammer?

„Wir sehen es selbstverständlich als notwendig an, dass diese Vergehen schnell und nachdrücklich geahndet werden“, sagt Yannic Herbst, Pressesprecher der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen. Die Anwesenheit eines Meisters sei auch deshalb notwendig, weil bei Fehlern im Friseurhandwerk innerhalb kürzester Zeit ein Schaden bei den Kunden entstehen könne, der die Gesundheit beeinträchtigen könne und mitunter nicht sofort wieder rückgängig zu machen sei, betont Herbst. „Das kann bei harmlosen ’Schnittfehlern’ beginnen und bei Problemen enden, die das körperliche und psychische Wohlbefinden beeinträchtigen können, beispielsweise durch allergische Reaktionen auf Haarfarbe oder Dauerwellmittel.“

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