Von Kathi Flau
Borsum. Schon von Weitem sind sie als Handwerker zu erkennen: In schwarzweißer Zimmermannstracht machen sich Geselle Bastian Klinge und viele seiner Kollegen auf den Weg zum Borsumer Ortsschild.
Von dort aus soll es starten, Klinges großes Abenteuer: Gemäß der alten Handwerkertradition geht er auf Wanderschaft, auf die sogenannte Walz. Für drei Jahre und einen Tag wird er seinen Heimatort nicht mehr betreten, sondern stattdessen von Betrieb zu Betrieb ziehen, um das Zimmerhandwerkwerk von allen Seiten kennenzulernen.
Aber der 22-Jährige ist nicht allein. Ihm zur Seite steht Johannes Hoppe, ebenfalls Zimmerer und bereits seit zwei Jahren auf Wanderschaft. Hoppe stammt aus dem Schwarzwald und weiß mittlerweile, wie das Leben unterwegs funktioniert. „Unkompliziert eigentlich. Man hat so viel zu tun mit der Arbeit und den neuen Eindrücken, da bleibt für Heimweh gar keine Zeit.“
Wohl aber für einen großen Abschied von Familie und Freunden im Vorfeld: Neben Klinges Familie sind auch die alten Arbeitskollegen aus der Harsumer Zimmerei Vogel auf den Hof seiner Eltern gekommen. Hier gibt es Bier, ständig werden Erinnerungsfotos gemacht. „Das geht schon seit heute Morgen so“, erzählt Klinges Mutter Erika-Maria. „Eigentlich wollte Bastian längst unterwegs sein, aber es kommt immer noch jemand, um ihn zu verabschieden.“
Die Familie, sagt Klinge, wird er schon ab und zu sehen, auch wenn er dem Heimatort nicht näher als 60 Kilometer kommen darf. Dafür wollen die Eltern ihn besuchen kommen. Vielleicht in Osnabrück, wo er zunächst einmal hinwill, um dort ein paar Monate zu arbeiten, vielleicht in der Schweiz, ein längerfristiges Reiseziel. „Das wird schon“, meint Klinge und sieht dabei aus, als hoffe er, dass er Recht behält. Ein bisschen nervös, gibt er zu, ist er an diesem Tag.
Als sich der Zug endlich Richtung Ortsausgangsschild in Bewegung setzt, ist es drei Uhr am Nachmittag. Klinges Freunde, jeder eine Flasche Bier in der Hand, machen Witze, wie weit es der 22-Jährige heute noch schaffen wird. „Höchstens bis nach Hildesheim“, sagt einer. „Ach, noch nicht mal“, sagt ein anderer. „Die drei Kilometer bis nach Asel schafft er, mehr nicht.“ Alle lachen.
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„Das ist so etwas wie unsere Notration bei der Rückkehr nach drei Jahren“, erzählt Johannes Hoppe. „Selbst wenn wir völlig abgebrannt sind: Irgendwo auf der Welt wartet eine Flasche Schnaps auf uns.“ Und all die Menschen, die sich jetzt schon auf die Rückkehr ihres „Basti“ freuen.
