Um unliebsame Mieter loszuwerden

Bei Brandanschlag-Prozess am Hildesheimer Landgericht beteuert Hells-Angels-Mann Reue

Hildesheim - Weil er ein neues Haus bauen wollte, hat ein Bauunternehmer mutmaßlich Brandanschläge beauftragt. Vor dem Hildesheimer Landgericht hat nun ein mit angeklagtes Hells-Angels-Mitglied ausgesagt. Der Richter kauft ihm nicht alles ab.

Seit fast einem halben Jahr wird über die Brandanschläge auf die Doppelhaushälfte in der Peiner Schäferstraße verhandelt. Sechs Angeklagte müssen sich vor dem Landgericht Hildesheim verantworten. Foto: Bettina Reese

Hildesheim - Es ist ein Mammut-Prozess, bei dem das Ende noch nicht abzusehen ist. Seit dem 19. Dezember 2024 läuft vor dem Hildesheimer Landgericht die Verhandlung wegen der Brandanschläge auf ein Doppelhaus in der Peiner Schäferstraße. Wegen besonders schwerer Brandstiftung, versuchtem Mord und Anstiftung sind sechs Männer (27 bis 51 Jahre) angeklagt. Am 23. Verhandlungstag nahm jetzt der fünfte Angeklagte, ein 35-jähriges Hells-Angels-Mitglied aus Hannover, Stellung zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft.

Der durchtrainierte 35-jährige Hannoveraner, der bei VW arbeitet und einen Türsteher-Job im Steintorviertel in Hannover hat, ließ durch seinen Verteidiger eine Erklärung verlesen. Er ist laut Staatsanwaltschaft derjenige, der von dem Ilseder Bauunternehmer 25.000 Euro erhalten hat.

74-Jährige als Opfer

Der 36-jährige Bauunternehmer soll geplant haben, ein Doppelhaus in Brand zu setzten, um die 74-jährige Mieterin und ihren Sohn loszuwerden. Sie hatten sich geweigert, aus dem Gebäude auszuziehen, und sollen damit den Plänen des Bauunternehmers für den Bau eines Mehrfamilienhauses im Wege gestanden haben.

In der Erklärung räumte der 35-Jährige ein, als Mittelsmann tätig geworden zu sein, so wie es in der Anklage steht. Er habe nicht gewollt, dass Menschen zu Schaden kommen. So weit hätte es nie kommen dürfen. Er sei froh, dass niemand nachhaltig zu Schaden gekommen ist.

Zeit zum Nachdenken

In der Untersuchungshaft – es sei sein erster Haftaufenthalt – habe er Zeit zum Nachdenken gehabt. Er bereue sein Handeln und bitte die Opfer-Familie um Entschuldigung. Zur Beantwortung von Fragen war er nicht bereit, sagte sein Anwalt.

Den Fragen der Kammer stellte sich hingegen sein 38-jähriger Freund und Kollege aus der Türsteherszene vom Steintor. Er soll das Geld des Bauunternehmers von dem 27-jährigen Mitangeklagten bekommen haben und will die gesamte Summe in Höhe von 25.000 Euro an den 35-Jährigen weitergereicht haben. Erst nach der Geldübergabe habe er vom Hintergrund der Zahlung erfahren, so der 38-Jährige. Laut Staatsanwaltschaft war das Geld am 29. Februar 2024 geflossen.

WhatsApp

Der Vorsitzende Richter Rainer de Lippe wies auf einen WhatsApp-Sprachverlauf hin, den der 38-Jährige mit dem 35-Jährigen bereits am 2. Februar 2024 geführt hatte. „Bruderherz, wir können 25 K in der Hand halten, ganz leichtes Ding. Lass uns 10/15 machen. Gib mir 10, damit bin ich zufrieden“, soll es in der Sprachnachricht heißen.

Weiter, so Richter de Lippe, soll er davon gesprochen haben, dass ein Bauunternehmer zahlt, der von Leuten verarscht wurde. Mit 15 Mille würde man Mieter herausbekommen, da terrorisiert man ein bisschen.

Richter ist skeptisch

Richter de Lippe will dem Angeklagten nicht abnehmen, dass er vom Sinn und Zweck der Zahlung am 29. Februar 2024 nichts gewusst habe. Zumal er sich am 14. Februar 2024 mit dem Bauunternehmer, seinem 35- und 27-jährigen Türsteher-Freunden in einem Lokal getroffen habe.

Die anderen hätten sich geeinigt – worüber wisse er nicht, sagte der Angeklagte zum Richter. Ursprünglich sei mal geplant gewesen, dass er etwas abbekomme. Zu dem Zeitpunkt hätte es keine Rolle gespielt, weil es nicht so gelaufen sei, wie er das gewollt habe.

Gedächtnislücken

Häufig konnte sich der 38-Jährige bei konkreten Nachfragen an Einzelheiten nicht erinnern, begründete dies mit seinem Alkohol- oder Drogenkonsum. Der 38-Jährige soll in Chats angeboten haben, den „Job“ selber zu erledigen. Dabei sei es um Türsteher-Jobs gegangen, so die Begründung des 38-Jährigen. Er sei auch nicht in dem grauen VW gewesen, der am 14. Februar 2024 am Haus der Familie mehrmals auf einem Video zu sehen war. Seinen grauen VW habe er zu dem Zeitpunkt verliehen, könne aber nicht sagen, an wen.

Warum er kurz nach dem zweiten Brandanschlag auf das Haus am 19. Mai 2024 bei seinem 35-jährigen Mitangeklagten nachgefragt habe, was mit der Baustelle in Peine passiert sei, konnte er nicht beantworten. Warum er ein Foto eines Zeitungsartikels über den zweiten Brandanschlag von seinem Freund bekommen habe und warum im Chat von einer Versicherungssumme die Rede war – all das konnte er nicht schlüssig beantworten. „Nicht alles, was wir sagen, hat einen Sinn“, erklärte der 38-Jährige.

Angeblich klar Vorgaben

Am Ende des Verhandlungstages meldete sich der Bauunternehmer zu Wort. Es habe klare Vorgaben gegeben: Niemand sollte zu Schaden kommen. Er wollte dem 35-jährigen ehemaligen Hells-Angels Mitglied Fragen stellen – dessen Anwalt lehnte dies ab.

Der Fall bekam dann eine neue Dimension. „Ich stelle den Antrag, Frank Hanebuth als Zeugen hier vorzuladen“, sagte der Bauunternehmer. Was er sich von einer Aussage des ehemaligen Präsidenten der Hells Angels in Hannover vor Gericht verspricht und was dieser mit der ganzen Geschichte zu tun haben könnte, blieb vorerst unklar.

Kommt der Biker-Boss?

Nun bleibt abzuwarten, ob die Kammer Hanebuth tatsächlich als Zeugen vorlädt. Jetzt schon ist klar, dass der Prozess nicht wie vorgesehen am 14. Juli 2025 enden wird. Eine Verlängerung bis in den Oktober hinein ist angedacht.

Von Bettina Reese

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