Hildesheim - Timo Wittkowski traute seinen Augen kaum: Gerade hatte sein Vorstellungsgespräch als angehender Auszubildener zum Industriekaufmann bei der Hildesheimer Firma Löseke begonnen, verabschiedete sich Prokurist Sven Schmidt auch schon und verließ den Raum. Sitzen blieben zwei junge Männer, kaum älter als Wittkowski und selbst noch Lehrlinge. Und dabei blieb es. Der Chef kam nicht wieder, das komplette Gespräch führten die drei jungen Männer allein. Und einige Wochen später bekam Timo Wittkowski seine Zusage.
Erst nur „verrückte Idee“
Der 21-Jährige lernt, ebenso wie seine 20-jährige Mitstreiterin Marlene Hilbert, seit diesem Sommer bei Löseke, einem 240 Beschäftigte starken Hersteller von Staubsaugerbeuteln, Verpackungen und Druckerzeugnissen im Bavenstedter Gewerbegebiet. Das Besondere daran: Ausgesucht wurde das Duo seinerseits von zwei Azubis, von denen einer sogar noch jünger ist als sie selbst. Liam Bautz, heute 19, war zum Zeitpunkt des Vorstellungsgesprächs selbst erst im ersten Lehrjahr, sein Projektpartner Mats Ertel (heute 21) im zweiten.
Was diesmal noch ein Projekt war, soll nun Standard werden: Dass die Auszubildenden selbst die nächste Generation von Lehrlingen aussuchen. Zunächst bei den Kaufleuten, bald vielleicht auch im gewerblich-technischen Bereich. Was als „etwas verrückte Idee“ (Schmidt) begann, hat sich aus Sicht des Unternehmens beim ersten Anlauf absolut bewährt. Die Firma trifft unter allen Bewerbungen eine Vorauswahl. Die fünf bis sechs jungen Männer und Frauen, die eingeladen werden, führen ihre Gespräche allein mit dem Azubi-Team. „Ich habe unsere neuen Auszubildenden das erste Mal wiedergesehen, als sie hier ihren ersten Arbeitstag hatten“, versichert Schmidt. „Ich habe mich auf die Empfehlung unserer Azubis verlassen.“
„Aufgeregter als die Bewerber“
Dabei hatten Mats Ertel und Liam Bautz zunächst etwas geschockt reagiert, als Schmidt mit dem Ansinnen auf sie zukam, doch selbst die neuen Azubis auszusuchen. Passend zum Credo der Firma, Lehrlingen früh viel zuzutrauen. Und auch getragen von dem Gedanken, dass die Auszubildenden untereinander klarkommen müssen, sich gegenseitig unterstützen sollen. Mats Ertel gibt zu: „Ich habe mich zwar für das Projekt gemeldet, aber ich war schon auch skeptisch, ich bin eigentlich etwas zurückhaltend.“
Bautz und Ertel entwarfen einen Leitfaden für die Vorstellungsgespräche. „Auch mit Fragen zur Firma und zum Beruf, aber mit dem Fokus darauf, wie jemand menschlich passt, welche Motivation er vermittelt“, sagt Bautz. Und Ertel räumt ein: „Vor dem ersten echten Gespräch war ich mit Sicherheit aufgeregter als der Bewerber und konnte in der Nacht kaum schlafen.“
Mit Papier und Social Media
Auf Kandidat Timo Wittkowski hatte die unerwartete Konstellation indes den umgekehrten Effekt: „Ich war vorher natürlich nervös, aber als ich dann mit den beiden Jungs dasaß, war ich plötzlich ganz entspannt und konnte wahrscheinlich viel unverkrampfter und authentischer sein als in einer klassischen Besetzung.“ Außerdem habe er sich sehr konkret Erfahrungen von Bautz und Ertel aus ihrer eigenen Ausbildung schildern lassen können. Marlene Hilbert sieht das ganz ähnlich: „Es war eine total angenehme Gesprächsatmosphäre, und ich dachte mir sofort: Ist ja stark, was man hier als Azubi schon für eine Verantwortung bekommen kann! Das war gleich ein großes Plus!“
Doch nicht nur in den Vorstellungsgesprächen nutzt Löseke die Fähigkeiten seiner Azubis. Sie gehen für die Firma unter anderem auf Berufsmessen. „Das machen andere Unternehmen auch so – aber unsere gehen dann richtig ins Getümmel und sprechen die Leute an, viele andere warten nur.“ Ob Social Media oder klassische Werbewände und Flyer: So gut wie immer sind die Auszubildenden bei der Gestaltung eingebunden, oft sogar federführend.
Ungewohnt viele Bewerber
Der Erfolg: „So viele Bewerbungen wie dieses Jahr hatten wir lange nicht“, berichtet Sven Schmidt. Das gelte ausdrücklich auch für den gewerblich-technischen Bereich, in dem die Bewerberlage zuvor sehr überschaubar gewesen sei. „Das war diesmal viel besser – in der Folge haben wir sieben kaufmännische und sieben gewerbliche Azubis eingestellt. Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals so viele waren.“
Die Gründe für diesen Erfolg seien „ein Puzzle aus mehreren Aspekten“. Eine ganz wesentliche Erfahrung sei, dass bei der Suche nach neuem Personal – ob Fachkraft oder Azubi – nur der digitale Weg eben auch nicht der richtige sei. Eine überragende Resonanz habe das Unternehmen auf kleine Karten erfahren, auf denen die wichtigsten Aspekte der Arbeit bei Löseke stichpunktartig aufgeführt sind. Das sieht auch Neu-Azubi Marlene Hilbert so: „Sicher sind wir viel am Handy, aber so etwas Greifbares, das vergisst man nicht, das hebt sich ab.“ Und dann ist da natürlich noch die Sache mit den Azubis, die die Azubis aussuchen.
Ersten Kunden akquiriert
Bislang sind bei Löseke alle Beteiligten sehr zufrieden mit dem neuen Modell. Wittkowski und Hilbert haben sich gut eingefunden. Marlene Hilbert hat sogar schon ihren ersten Kunden akquiriert – „das habe ich zu so einem frühen Zeitpunkt der Ausbildung auch noch nicht erlebt“, lobt Prokurist Sven Schmidt. Auch Timo Wittkowski fühlt sich pudelwohl. Und freut sich schon darauf, bei der Auswahl der nächsten Azubis seinerseits als Mitentscheider am Tisch zu sitzen.
