Bockenem - Beim Bockenemer Automobil-Zulieferer Meteor stehen in den nächsten Monaten offenbar harte Tarifverhandlungen ins Haus. Die Geschäftsführung des Dichtungs-Herstellers möchte einen Sanierungstarifvertrag abschließen, der deutliche Einschnitte bei den Einkommen der Beschäftigten mit sich bringen dürfte. Die Gewerkschaft lehnt das kategorisch ab: Allenfalls über Weihnachtsgeld und Arbeitszeit könne verhandelt werden. Zugleich bestätigt Meteor geplante Investitionen am Standort Bockenem und meldet einen Neuzugang in der Geschäftsführung.
Bei letzterem handelt es sich um Christian Schneider. Der 43-Jährige hat insgesamt 17 Jahre lang bei Continental gearbeitet, Meteor-Chef Robert Roiger hat sich nach eigenen Angaben „lange um ihn bemüht“. Schneider ist auch direkt in die aktuellen Pläne zur Einsparung von Personalkosten eingebunden.
Zulagen gestrichen
Die will Meteor aktuell nicht über eine Verkleinerung der Belegschaft erreichen. „Die Auftragslage ist gut, wir sind gut ausgelastet und machen zusätzliche Schichten an Wochenenden“, berichtet Schneider. Roiger bestätigt das: „Wir sind am Markt gewollt, das ist ganz klar.“ Doch er merkt auch an: „Im Moment ist das alles sehr beweglich, teilweise auch durch Rohstoff-Knappheit bei Zulieferern, man segelt im Moment auf Sicht.“
Die Kosten seien jedenfalls immer noch zu hoch, ein „positiver Cash-Flow“, sprich mehr Einnahmen als Ausgaben „trotz guter Fortschritte in den vergangenen Monaten“ noch nicht erreicht. Heißt: Das Unternehmen schreibt immer noch Verluste. Deshalb streicht Meteor nach Verhandlungen mit dem Betriebsrat in einem ersten Schritt übertarifliche Zulagen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Produktion.
Sanierungstarif als Ziel
„Das betrifft etwa 300 von 600 gewerblichen Beschäftigten, von diesen etwa 100 wirklich spürbar“, sagt Schneider. Im Gegenzug habe das Unternehmen die geplante Stärkung des Standorts untermauert, betont Roiger: „Die Bauanträge für die neuen Logistikhallen sind gestellt, die Hallen sind bestellt.“
Der Eingriff bei den Zulagen sorgt in der Firma nach Darstellung der Gewerkschaft IG BCE gleichwohl für große Aufregung – und ist wohl nur ein Vorgeschmack auf noch intensivere Diskussionen. „Wir wollen Verhandlungen über einen Sanierungstarifvertrag aufnehmen“, kündigte Roiger jetzt gegenüber der HAZ an. Das ist ein Instrument, mit dem Unternehmen auf Zeit unter Tarif bezahlen können und im Gegenzug zum Beispiel Arbeitsplatz-Garantien aussprechen. Ein solcher Vertrag gilt derzeit zum Beispiel auch bei KSM Castings.
Weihnachtsgeld im Fokus?
Was die Meteor-Spitze genau anstrebt, wollte sie auf Nachfrage nicht sagen. Roiger und Schneider erklärten nur allgemein, dass der eingeschlagene Erfolgsweg mit weitreichenden Investitionen am Standort Bockenem auch Zugeständnisse von der Arbeitnehmerseite erfordere. Peter Winkelmann, Bezirksleiter der IG BCE für Südniedersachsen, berichtete auf HAZ-Nachfrage, Meteor strebe unter anderem für zwei Jahre die Streichung von Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie die Anhebung der wöchentlichen Arbeitszeit von 37,5 auf 40 Stunden an – ohne finanziellen Ausgleich.
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Doch über einen Sanierungstarif wolle die Gewerkschaft gar nicht erst verhandeln, betont Winkelmann: „Das wäre letztlich ein Ausstieg aus dem Flächentarif, das lehnen wir kategorisch ab.“ Denkbar sei lediglich, über „Öffnungsklauseln“ im bestehenden Tarifvertrag zu sprechen. Diese ermöglichen unter anderem die Anhebung oder Absenkung der wöchentlichen Arbeitszeit um zweieinhalb Stunden – Mehrarbeit müsste demnach aber vergütet werden. Auch über das Weihnachtsgeld, offiziell Jahresleistungsprämie genannt, könne man reden. Über mehr nicht.
Große Pläne für Bockenem
Meteor-Chef Roiger wirbt gleichwohl für das Ansinnen der Geschäftsführung, verweist auf das bisherige Vorgehen seit der Übernahme durch den jetzigen Hauptgesellschafter Aequita vor knapp anderthalb Jahren: „Wir haben schon massiv in die Produktion und in die Digitalisierung investiert, wir haben weitere erhebliche Investitionen fest geplant, wir sind die ersten seit vielen Jahren, die hier überhaupt eine Vision und eine Strategie für die Zukunft des Unternehmens und des Standorts Bockenem haben.“ Gerade habe Meteor zum Beispiel eine zweite neue Extrusions-Linie geordert, ein Herzstück der Produktion, auch in die Mischerei werde deutlich investiert.
Zudem plant Meteor neben den neuen Logistikhallen weitere Neubauten, darunter ein neues Verwaltungsgebäude, und die Einrichtung eines „Branchen-Campus“ mit Partnerfirmen, Startups und einer Kooperation mit Hochschulen im Bereich Forschung und Entwicklung rund um Kautschuk. „Rubber Valley“ nennt Meteor dieses Konzept in Anlehnung an das Silicon Valley.
IG-BCE-Bezirksleiter Winkelmann will da auch gar nicht widersprechen: „Die neue Führung hat wirklich eine Strategie, einen Plan, vieles davon überzeugt uns auch.“ Was allerdings nicht für das Ansinnen gelte, den Beschäftigten Löhne und Gehälter zu kürzen.
