Gäste evakuiert

Nach dem Feuer im Hildesheimer Michaeliskloster: Ermittler der Polizei bestimmen die Brandursache

Hildesheim - Verletzt wurde niemand, doch der Brand im Hildesheimer Michaeliskloster hat für großen Schaden gesorgt. Wie der Hotelleiter die Nacht erlebte, warum seine Hartnäckigkeit womöglich noch größere Schäden verhindert hat – und warum das Feuer überhaupt ausbrach. (mit Video)

Im Inneren des Hildesheimer Michealisklosters gibt es nur noch verkohlte Holzreste zu sehen. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - Beißender Brandgeruch hängt am Dienstagmorgen noch immer in der Luft. Je näher man den zerstörten Fenstern der Kapelle im Michaeliskloster kommt, desto stärker sticht er in der Nase. Ein Blick ins Innere offenbart, dass hier in der Nacht ein schwerer Brand getobt hat. Dort, wo die Orgel stand, liegen verkohlte Holzreste. Dass das mal ein Instrument gewesen sein soll, ist nicht mehr zu erkennen.

Draußen vor dem Gebäude, deren Zugänge die Polizei bereits verschlossen und versiegelt hat, bis die Ermittlungen der Brandexperten abgeschlossen sind, steht Dominic Bartels mit einem Becher Kaffee. Er ist müde, der Hotelleiter der Kloster-Tagungsstätte ist seit 2.45 Uhr auf den Beinen. Seit dem Moment, in dem ihn die Feuerwehr über das Feuer informierte. „Ich bin sofort losgefahren“, erzählt Bartels, der in Söhre wohnt.

Das Wichtigste: Niemand ist verletzt

Ums Löschen geht es nicht mehr – als die Einsatzkräfte ihn anrufen, ist das Feuer bereits aus. An Bartels ist es nun, sich einen Überblick über die Schäden zu verschaffen – und es geht vor allem darum, den Hotelbetrieb möglichst schnell wieder ins Laufen zu kriegen. Denn die direkt über der Kapelle gelegenen Gästezimmer – es gibt 40 mit Platz für insgesamt 60 Personen – sind zwar nicht durch die Flammen beschädigt, doch der Brandgeruch hat sich festgesetzt. Ob sich der allein durchs Lüften beseitigen lässt? Bartels zuckt die Schultern. „Vielleicht auch erst, wenn wir neu streichen lassen.“ Das Wichtigste ist aber: Niemand ist verletzt worden, alle 40 Übernachtungsgäste haben sich in Sicherheit gebracht. Sie sind nun abgereist, sie wollten eigentlich bis Mittwoch bleiben.

Nachts gibt es automatisch Alarm

Es ist gegen 1.30 Uhr in der Nacht zu Dienstag, als die Brandmeldeanlage Alarm schlägt, der automatisch in der Leitstelle der Berufsfeuerwehr aufläuft. Mit einem kompletten Löschzug eilen die 16 Helfer zum Einsatzort, die Ortsfeuerwehren Stadtmitte II und Moritzberg wurden ebenfalls alarmiert, sie besetzten die Leitstelle am Kennedydamm.

Beim Eintreffen der Einsatzkräfte stehen bereits viele Menschen vor der Tagungsstätte in der Michaelisstraße. Ein Räumungsalarm hatte die Übernachtungsgäste aus dem Schlaf gerissen. Der Grund ist nicht sofort zu erkennen. „Auf der Anfahrt haben wir noch keinen Rauch und keine Flammen gesehen“, berichtet Einsatzleiter Florian Kröhl später. „Dann schließt man eher, dass es sich um einen kleinen Brand oder einen Fehlalarm handelt. Dass es dann doch so ein großes Feuer ist, ist eher ungewöhnlich.“

Der Sachschaden? Zurückhaltend geschätzt rund 200.000 Euro

Wenig später entdecken die Einsatzkräfte einen Lichtschein in der Kapelle – und dann die dort wütenden Flammen. Gleich zwei Trupps unter schwerem Atemschutz machen sich ans Werk, den Bereich genauer zu erkunden. Die mehrere Meter hohe Kapelle ist bereits verqualmt, die Feuerwehr muss Belüfter am Eingang einsetzen, um den Rauch auf der anderen Seite durch die zerplatzten Fenster zurückzudrängen und die Flammen bekämpfen zu können. Mehrere Hundert Liter Wasser sind nötig, um das Feuer zu löschen.

Den Schaden schätzt der Direktor des Michaelisklosters, Jochen Arnold, noch zurückhaltend auf rund 200.000 Euro. „Aber wir müssen erst einmal abwarten“, sagt er am Dienstagmorgen. Das Landeskirchenamt und die zuständigen Fachleute für Kunst und Bau sind informiert, doch solange der Brandort noch durch die Polizei beschlagnahmt ist, darf niemand außer den Ermittlern in die Kapelle. Zwei Brandermittler rücken am Dienstag um 12 Uhr am Michaeliskloster an, gegen 12.30 Uhr betreten sie die Räume und beginnen mit der Spurensuche.

Zwei Werke aus dem 14. Jahrhundert beschädigt?

Die Orgel, soviel ist sicher, ist komplett zerstört. Immerhin: Es war nach Angaben Jochen Arnolds kein herausragend wertvolles Instrument, eine Orgel mit fünf Registern aus den 1950er Jahren. Mehr Sorgen macht sich Arnold um zwei bedeutsame Werke aus dem 14. Jahrhundert, die auf der anderen Seite der Kapelle stehen. Ein Kruzifix aus Holz, sowie eine steinerne Marienfigur. So weit man bei einem Blick durch die Fenster erkennen kann, war die Feuerwehr aber schnell genug vor Ort, um die Flammen einzudämmen, denn nur wenige Meter von den Überresten der Orgel entfernt stehen nahezu unversehrte Holzstühle und Kerzen, die nicht geschmolzen sind. Was auch noch von Fachleuten zu prüfen sein wird: Wie sehr der angrenzende historische Kreuzgang durch den dunklen Rauch in Mitleidenschaft gezogen wurde und ob womöglich die erst kürzlich restaurierten Oberflächen erneut in Angriff genommen werden müssen.

Was aber hat den Brand eigentlich ausgelöst? Dominic Bartels tippt am Dienstagmorgen auf einen technischen Defekt in der Orgel. Videoaufnahmen der Überwachungskameras am Kloster hat er sich schon angesehen – und dort keine Hinweise auf einen Einbruch und eine etwaige Brandstiftung entdeckt.

Tatsächlich bestätigen die Ermittler der Polizei nach gründlicher Analyse des Brandorts noch am Dienstagnachmittag die Vermutung des Kloster-Hotelchefs. Das Feuer ist im Bereich des Musikinstruments ausgebrochen – und Brandstiftung war es nicht. Nach den Erkenntnissen der Experten ist der Brand auf einen elektrotechnischen Defekt im Gebläsemotor der Orgel zurückzuführen.

Vermutlich hat Dominic Bartels selbst einen großen Anteil daran, dass das Feuer nicht weitaus größere Schäden angerichtet hat, davon geht jedenfalls Kloster-Direktor Jochen Arnold aus. Denn auch weil Bartels darauf gedrängt hat, ist die Kapelle überhaupt in das bereits bestehende Brandmeldesystem des Klosters integriert worden – und das erst vor einigen Wochen.

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