Metallgießerei KSM in Hildesheim

400 Entlassungen bei KSM – so reagieren Vertreter der Mitarbeiter

Hildesheim - Die von der Geschäftsleitung angekündigte Massenentlassung bei KSM in Hildesheim und den Schwesterwerken schockt Betriebsrat und IG Metall. Nach der Auftragsdelle im April gebe es schon wieder Überstunden. Und ein geheimes Weißbuch.

Wer muss gehen, wer darf bleiben? Der Metallgießerei KSM stehen harte Zeiten bevor. Foto: Werner Kaiser

Hildesheim - Die Entlassungswelle in der Metallgießerei KSM hat Belegschaft und Betriebsrat offenbar eiskalt erwischt. „Im April hatten wir stark gesunkene Absätze und Kurzarbeit mit kompletten Schließwochen“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende, Sven David. „Doch jetzt wurden die Abrufzahlen wieder höher. Wir haben voll zu tun, haben zum Teil schon wieder Überstunden gemacht.“ Dennoch will die Geschäftsleitung – wie am Mittwoch bekannt gegeben – 400 der 1800 Arbeitsplätze in den vier deutschen Werken streichen – davon allein 270 in Hildesheim, wo derzeit noch 900 Menschen arbeiten.

„Kein schlüssiges Konzept“

Die IG Metall, die auch erst am Mittwoch von den Plänen erfahren hat, kritisiert, dass kein schlüssiges Konzept vorgelegt worden sei, wie und mit welchen Produkten der Betrieb langfristig weitergeführt werden soll. KSM hatte am 2. Juli wegen drohender Zahlungsunfähigkeit Insolvenz beantragt, im Schutzschirmverfahren will die Geschäftsleitung die Gießerei wieder auf Kurs bringen. Dafür muss dem Gericht bis Ende September ein Sanierungsplan vorgelegt werden.

Aus Sicht des zweiten Bevollmächtigen der Gewerkschaft, Mathias Neumann, sei lediglich die Personalgröße „eins zu eins“ an die Umsatzerwartung angepasst worden, ohne mit Betriebsrat oder Vertrauensleuten über die Sinnhaftigkeit zu reden. „Wie soll ein Betrieb überleben, wenn jeder dritte Arbeitsplatz wegfällt?! Mit welchen Produkten, welcher Vorgehensweise will KSM auf den Markt gehen?“

„Schließung war Fehler“

Vor zwei Jahren hatte KSM die Sandguss-Prototypengießerei geschlossen, in der nicht nur Kleinserien wie der 1000-PS-Motorblock für Bugatti produziert, sondern auch neue Großserien vorbereitet wurden. „Die Schließung war ein Fehler“, sagt David. Auch Neumann kritisiert die damit einhergehende „Fokussierung auf die Kernprodukte“. „KSM war breit aufgestellt, konnte so neue Kunden gewinnen.“ Aus Neumanns Sicht hat Corona die Krise bei KSM nur beschleunigt: „Schwierigkeiten bestanden schon lange.“ Es habe Qualitätsprobleme gegeben, es sei zu viel Ausschuss produziert worden.

2017 hatte sich KSM einen Großauftrag im Wert von 270 Millionen Euro gesichert, der die damals 1050 Jobs bis 2030 sichern und Investitionen von 70 Millionen Euro anschieben sollte. In einem Sondertarif, so Neumann, habe die Belegschaft dafür Gehaltseinbußen von 2,9 Prozent akzeptiert. 35 Millionen seien im ersten Schritt von 2017 bis 2020 tatsächlich geflossen, „Step zwei“ sei durch das Insolvenzverfahren nun gestoppt. Welche Zukunftsaussichten KSM habe, sei völlig unklar.

„Ohne Herzblut für die Region“

Die neue Geschäftsleitung gehe „ohne Herzblut für die Region, für die Menschen“ zu Werk, bemängelt Neumann. Neben Zhihua Zhu, seit Jahresbeginn Chef (CEO) bei KSM, wurden im Juli zwei Insolvenzspezialisten in die Leitung berufen, die Rechtsanwälte Gerrit Hölzle und Thorsten Bieg. Vor einigen Wochen kam Patrice Gay dazu, der zuvor für Konzernmutter Citic Dicastal in Frankreich war.

Nach Ansicht von Neumann hat der chinesische Staatskonzern KSM 2011 nur übernommen, um bei deutschen Mittelklasse-Erstausstattern einen Fuß in die Tür zu bekommen. Vor zwei Jahren sei Citic weitgehend privatisiert worden, damit habe sich auch die Marschrichtung, was den „Return of Invest“ betreffe, geändert.

Geheimes Weißbuch

„Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen müssen, die Belegschaft muss um jeden Arbeitsplatz kämpfen“, so Neumann. Wer genau gehen soll, wüssten auch Betriebsrat und IG Metall noch nicht, auch eine Betriebsversammlung habe es bisher nicht gegeben. Vielmehr existiere ein „geheimes Weißbuch“, das wegfallende Tätigkeiten beschreibe.

Einen wie von der Geschäftsleitung gewünschten „Sondertarifvertrag am grünen Tisch“ werde es mit ihm nicht geben, so der Gewerkschafter. Die KSM-Belegschaft sei hochorganisiert. „Verträge mache ich nicht für, sondern mit den Mitgliedern.“

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