Kritik an Handreichung

Gott als Vater und Mutter: Bistum Hildesheim will gendern

Hildesheim - Das Bistum Hildesheim hat in einer Handreichung Empfehlungen für eine geschlechtersensible Sprache zusammengestellt: Was die Kirche vorschlägt – und wie ein Theologe dagegen wettert.

Gott, wie Michelangelo ihn sah: als Vater im Himmel, hier in der Sixtinschen Kapelle in Rom. Das Bistum Hildesheim plädiert heute für eine vielfältigere Gottesanrede. Foto: dpa / HAZ-Archiv

Hildesheim - Wird die katholische Kirche künftig neben Christus auch Christa nennen? Die Frage stellt der Hildesheimer Kulturwissenschaftler Uwe Wolff in einem Artikel in der Wochenzeitung „Die Tagespost“. Polemisch zugespitzt zwar, aber dennoch mit einem Anknüpfungspunkt aus der katholischen Wirklichkeit: Das Bistum Hildesheim hat kürzlich eine „Handreichung zu geschlechtersensibler Sprache“ an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pfarreien und Einrichtungen geschickt.

Das Bistum sollte eine Vorbildfunktion beanspruchen, sagt Generalvikar Martin Wilk über die Motivation, auch „bei der Realisierung von Toleranz, Fairness, Gleichberechtigung und Offenheit“. Respekt und Wertschätzung füreinander, so Wilk, kämen auch in der Sprache zum Ausdruck. Oder in den Worten des Philosophen Ludwig Wittgenstein, der zum Schluss zitiert wird: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“

„Generisches Maskulinum“ stößt an Grenzen

An Grenzen stößt, das haben Forschungen mittlerweile eindeutig gezeigt, das sogenannte generische Maskulinum: die männliche Form, die eigentlich auch die weibliche mit umfassen soll. Was oft nicht funktioniert – Frauen fühlen sich nicht automatisch angesprochen, wenn zum Beispiel von Kollegen, Mitarbeitern oder Lehrern die Rede ist. Da setzt die Handreichung vor allem an: In 19 Abschnitten geht es in erster Linie um Anregungen für geschlechtersensible Sprache im alltäglichen Umgang, sei es durch Nennung der männlichen und weiblichen Form oder die Auswahl geschlechtsneutraler Wörter.

Kritiker Wolff gehen die Empfehlungen allerdings in vielen Punkten zu weit, zum Beispiel, wenn die Kirche – grammatikalisch konsequent –eine „Arbeitgeberin“ sein soll und kein Arbeitgeber. Oder wenn angeregt wird, eine Rednerin nicht am zu männlich anmutenden Rednerpult sprechen zu lassen, sondern am Redepult. Stellenweise, lästert Wolff, lese sich die Handreichung wie ein Vortragsmanuskript zu „Mainz wie es singt und lacht“.

„Guter Gott, der du uns Vater und Mutter bist“

Zumal es theologisch und liturgisch auch durchaus ans Eingemachte geht. So rät das Stabsreferat Gleichstellung des Bischöflichen Generalvikariates unter anderem zu einer „vielfältigen Gottesanrede“. Ein Beispiel: Statt „Gott unser Vater“ eher „Guter Gott, der du uns Vater und Mutter bist“ sagen. Oder: Nicht „Der Herr sei mit euch“, sondern lieber „Die Geistkraft Gottes sei mit euch“.

Uni-Privatdozent Wolff, der evangelische Theologie studierte, erst an seinem 65. Geburtstag im vergangenen Jahr zum katholischen Glauben konvertierte und der wohl bekannteste Engelforscher Deutschlands ist, sieht darin eine gefährliche Anpassung an den Zeitgeist. „Die Sprache der Kirche muss konservativ sein“, fordert er. „Denn ihr ist ein Erbe anvertraut, das sie auf ihrem Pilgerweg durch die Zeit bewahren muss. Jesus ist nun einmal der Sohn und nicht die Tochter Gottes.“

Bistums-Sprecher: „Die Kirche im Dorf lassen“

Bistums-Sprecher Volker Bauerfeld plädiert dafür, bei dem Thema „die Kirche im Dorf zu lassen“. Die Handreichung des Bistums enthalte lediglich Denkanstöße. Und die sollten einen Beitrag dazu leisten, sprachliche Benachteiligungen möglichst zu vermeiden. „Wenn man die Empfehlungen mit einer gewissen Neugier liest“, meint Bauerfeld, „wird man manches entdecken, das man übernehmen kann.“ Oder auch nicht: Die Handreichung enthält keine verbindlichen Vorschriften. Kritik an der Handreichung habe es, soweit ihm bekannt sei, nur vereinzelt gegeben, berichtet der Sprecher. Gleichwohl gehe es um ein Thema, das durchaus polarisieren könne.

Wie im Februar im Erzbistum München und Freising. Das zeigte sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter erfreut, dass es im Erzbistum „neue Kirchenmusiker*innen“ gebe. Das sogenannte Gender-Sternchen löste geradezu eine Welle der Empörung unter konservativen Katholiken aus. Und es gab zum Beispiel spöttische Anfragen wie die, wann es endlich die ersten Päpst*innen geben werde. Bernhard Kellner, Sprecher des Erzbistums, verteidigte das Sternchen. Es stehe nur für das Bemühen „eine wertschätzende Sprache zu verwenden. Wir wollen niemanden ausgrenzen.“

Es gab auch Apostelinnen

Das Sternchen soll wie der Doppelpunkt auch diverse Menschen umfassen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat im Frühjahr beschlossen, es noch nicht in das Regelwerk der deutschen Sprache aufzunehmen. Das Bistum Hildesheim empfiehlt indessen, sich für eine der beiden gängigen Formen zu entscheiden, das Sternchen oder den Doppelpunkt.

Übrigens: Es gab auch Apostelinnen, wie das Bistum betont. Junia zum Beispiel. Oder Maria Magdalena, die als Apostelin der Apostel gilt. Daher wird empfohlen, auch bei Jüngern oder Aposteln ruhig die weibliche Form zu wagen. „Der Blick in die Ursprungstexte macht deutlich, die männliche Form war ursprünglich nicht immer so exklusiv gemeint, wie es sich anhört“, lautet die Begründung. Nun soll die Sprache inklusiver werden, so das Ziel des Bistums, das betont: „Es kommt auf die Haltung an, die in der Sprache zum Ausdruck kommt.“

Im Internet steht die Handreichung des Bistums zur geschlechtersensiblen Sprache zum Download bereit.

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