Hönnersum - Eine Trauerfeier muss nicht immer dem gleichen Zeremoniell folgen. Es darf auch gelacht werden. Und wenn es passt, landen Nimm-2-Bonbons statt Erde im Sarg. Solche besonderen Feiern organisiert die Hönnersumerin Lena Zellmer ebenso wie ganz individuelle Hochzeiten. Die 35-Jährige ist freie Rednerin.
Dabei war dieser berufliche Weg nicht unbedingt vorbestimmt. Ihre Ausbildung hat sie einst ganz bodenständig bei der Sparkasse gemacht, später dann bei einer Versicherung gearbeitet. Doch die Arbeit mit Zahlen und Schadensfällen hat die Hönnersumerin offensichtlich nicht erfüllt. „Ich habe dann festgestellt, dass für mich etwas gefehlt hat“, sagt die 35-Jährige.
Einwöchige Ausbildung
Hinzu kam vor drei Jahren noch eine Erkrankung und letztlich war für die Hönnersumerin klar, dass sie etwas ändern will in ihrem Leben. Und sie wusste, dass sie beruflich etwas mit dem Thema Hochzeit machen will. Sie schnupperte vier bis fünf Monate in die Arbeit in einem Brautmodengeschäft herein. Das gefiel ihr schon mal besser als die Arbeit bei der Versicherung, weil die Leute beim Kauf eines Brautkleids irgendwie in viel besserer Stimmung waren, als wenn es um eine Versicherungspolice geht. Doch so ganz das Richtige war es noch nicht. Auf den Beruf der freien Rednerin kam sie dann auch deswegen, weil sie schon immer bei Geburtstagen oder anderen Familienfeiern kleine Ansprachen gehalten oder Spiele organisiert hatte.
Freie Rednerin oder freier Redner darf sich grundsätzlich jeder nennen, auch ohne jegliche Ausbildung. Doch das wollte Zellmer nicht. Sie absolvierte eine einwöchige Ausbildung bei einer Agentur, geleitet von einem Trauerredner und ehemaligen Theologen mit 20-jähriger Erfahrung.
15 Hochzeiten pro Jahr
Heute spricht Zellmer sowohl bei Trauungen als auch bei Beerdigungen und – ein recht neuer Trend – bei Kinderwillkommensfesten. Mit rund 80 Prozent machen Hochzeiten aber den allergrößten Teil ihrer Arbeit aus. Etwa 15 Ehezeremonien gestaltet sie pro Jahr. Dabei ist die Nachfrage in der Saison von Mai bis Oktober eigentlich noch größer. Doch sie nimmt nicht alle Aufträge an. „Ich muss ja irgendwann dazwischen auch mal durchatmen“, sagt Zellmer.
Aber woher kommt der Trend zu freien Rednern? Klar, es gibt ganz allgemein immer weniger Menschen, die einer Kirche angehören. Im vergangenen Jahr hat sich allein im katholischen Bistum Hildesheim die Zahl der Mitglieder um etwa 15.000 auf 508.073 verringert. Dies und andere Faktoren sorgen dafür, dass es immer weniger kirchliche Trauungen gibt. So lag der Anteil kirchlicher Trauungen laut der Agentur Freie Redner 1953 noch bei 80 Prozent. Dieses Verhältnis hat sich komplett umgekehrt. So waren es im Jahr 2023 nur noch 18 Prozent der Trauungen kirchlich.
„So individuell wie möglich“
Dass Paare eine freie Rednerin oder einen freien Redner engagieren, liegt nach Angaben von Zellmer oft daran, dass die Zeremonie möglichst individuell gestaltet sein soll. Als freie Rednerin sei man eben sehr frei: „Der Name ist Programm.“ Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. So hat Zellmer beispielsweise bei einer Trauung für alle Gäste eine Postkarte mit einem Urlaubsbild des Brautpaars organisiert. Jeder konnte dann persönliche Worte an das Paar auf die Karten schreiben, die in eine Kiste kamen und den Eheleuten nach einem Jahr von einem Trauzeugen ausgehändigt wurde. Immer stehe dabei der Wille des Brautpaars im Vordergrund. „Wir versuchen, es so individuelle wie möglich zu machen“, sagt Zellmer.
Und das gilt nicht nur für Hochzeiten, sondern auch für weltliche Trauerfeiern. Da kann es dann schon mal vorkommen, dass noch während der Trauerfeier alle Gäste eine Tasse Kaffee in der Hand haben, weil der Verstorbene stets Kaffee getrunken hat. Oder dass nicht Erde und Blumen ins Grab geworfen werden, sondern Nimm-2-Bonbons, weil der Verstorbene die immer in jeder Tasche hatte.
Bier auf dem Parkplatz
„Wir dürfen einfach machen, was wir wollen“, sagt Zellmer: „Nahezu jedenfalls.“ Denn es gibt auch Grenzen. So durften die Trauergäste bei einer Beerdigung eines Mannes, der Zeit seines Lebens gern Bier der Marke Heineken getrunken hat, es ihm nicht während der Trauerzeremonie gleichtun. Der Umtrunk mit dem niederländischen Bier wurde dann kurzerhand auf den Friedhofsparkplatz verlegt.
Jedenfalls will Zellmer den Trauergästen in schwerer Stunde ein gutes Gefühl vermitteln. Und dazu gehört auch Schmunzeln und sogar Lachen. „Es ist keine erfolgreiche Trauerfeier, wenn wir nicht mindestens ein- bis zweimal gelacht haben“, sagt Zellmer. Die Angehörigen gingen oft mit einem Gefühl von Stolz und Zuversicht aus der Friedhofskapelle, sagt Zellmer: „Das hilft auch bei der Verarbeitung.“
30 Stunden Arbeit pro Traurede
Für Trauerfeiern verlangt Zellmer ein Honorar von mindestens 500 Euro. Für Hochzeiten geht es bei 1000 Euro los. Es gebe auch Dumping-Preise in der Branche von 400 bis 500 Euro für eine Traurede. Aber das sei „absolut jenseits von Gut und Böse“. Schließlich treffe sie sich im Vorfeld zu drei Gesprächen mit den Brautleuten. Weitere Absprachen laufen per Whatsapp und Telefon. Und dann muss sie die Rede ja auch noch schreiben und sich auf ihren Auftritt vorbereiten. Die Trauung selber ist also der zeitlich geringste Aufwand. Insgesamt kalkuliert sie mit rund 30 Stunden pro Auftrag.
Erst seit etwa fünf Jahren gibt es den Trend zu Kinderwillkommensfesten – als Ersatz für die kirchliche Taufe „Es geht darum, zu feiern, dass ein Kind da ist“, sagt Zellmer: „Das wollen Familien und Eltern noch mal zelebrieren.“ Dabei können unter anderem auch Paten ernannt werden. Während weltliche Hochzeiten inzwischen normal sind, sind Trauerfeiern und erst recht Kinderwillkommensfeste noch eher selten. Doch Rednerin Zellmer ist überzeugt, dass es auch hier einen Wandel geben wird: „Ich glaube, dass sich auch das in den nächsten 10, 20 Jahren ändern wird.“
