Sarstedt - Bier zu brauen liegt im Trend, immer mehr Privatbrauereien köcheln ihren eigenen Sud – doch die wenigsten dürften dies nach mittelalterlicher Braukunst tun. Die Sarstedter Bierfreunde machen es nun möglich. Nach über einjähriger Umbauphase eröffnet der gemeinnützige Verein am 5. August seine historische Brauanlage im Brickelweg – mit mittelalterlichen Klängen, Spanferkel und einem Sommerfest für Familien. Das Großprojekt ist damit aber noch nicht abgeschlossen – es ist der Anfang.
Von der Schlachterhalle zum Brauhaus
Denn wer eine fix und fertige Brauerei erwartet, am besten noch mit glänzenden Kupferkesseln und knarrendem Dielenboden, der wird enttäuscht. In einer alten, 65 Quadratmeter großen Schlachterhalle der früheren Fleischerei Detje hat die Brauanlage ihren Platz gefunden. Ein weiß gefliester Raum, grauer Betonboden, die alten Rohrbahnanlagen und Haken aus Metall hängen noch unter der Decke. Industriedesign würde man heute sagen. Erschlossen war dort vor einem Jahr noch nichts, wie Bierfreunde-Vorsitzender Maik-Oliver Towet berichtet. Strom, Wasser, Sanitäranlage? Entweder nicht da oder sanierungsbedürftig.
In Eigenleistung an den Wochenenden, mit dem Know-how von Handwerkern unter den Mitgliedern und Schwarmwissen gingen die Ehrenamtlichen die Aufgaben an. „Die größte Herausforderung war das Wasser“, sagt Maik-Oliver Towet. Und war eine Baustelle angefangen, seien drei weitere aufgemacht worden. „Aufräumen ist ein Dauerthema“, ergänzt Schriftführerin Diana Towet. Doch die Infrastruktur steht mittlerweile, ebenso wie das WC, und auch der Tresen ist gemauert. Am Samstag ist noch mal ein Großeinsatz geplant. Der Betonboden muss noch gestrichen werden und rückseitig beleuchtete Poster mit Motiven aus dem Brauwesen werden vor den alten Glasbausteinen installiert.
„Noch kein super vollendetes Brauhaus“
Viele andere Dinge wie die mittelalterliche Holzverkleidung um den Heiz- und den Rastkessel müssen aber noch warten, ebenso wie ein Kühlschiff, was früher klassisch zum Kühlen und Klären des heißen Biersuds eingesetzt wurde. Denn dafür müssen die finanziellen Mittel vorliegen. So kamen über die Spendenplattform (die HAZ berichtete) lediglich 700 Euro rein, vorwiegend von Privatpersonen. Zwei Firmen steuerten noch Sachspenden bei. „Das haben wir alles sofort reinvestiert“, berichtet Maik-Oliver Towet. Ansonsten würden allein Eigenmittel verwendet. Daher sei es auch „noch kein super vollendetes Brauhaus“.
Doch primäres Ziel ist ja, den Menschen zu zeigen, dass Sarstedt eine 600-jährige Brautradition und wie so ein Brautag seinerzeit – vom Einmaischen bis zur Würzekühlung – ausgesehen hat. Acht Stunden dauern die Braukurse, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter Hitze mit Schopflöffel und Maischkrücke sowie jeder Menge Muskelkraft ans Werk gehen. Für eine Teambuildingmaßnahme hat sich bereits Coca-Cola Hildesheim angemeldet, berichtet Maik-Oliver Towet. Nach sieben Grundrezepten, die er und seine Mitstreiter noch verfeinert haben, wird gebraut. Technik kommt dabei, so gut es geht, nicht zum Einsatz. Der erste Probesud sei deshalb auch harte Arbeit gewesen, sagt Maik-Oliver Towet. Und das Ergebnis? „Anders, aber total lecker.“
Verein räumt mit einem Gerücht auf
Mit einem Gerücht will der mittlerweile 30 Mitglieder starke Verein aber noch aufräumen: „Was wir hier machen, ist keine Kneipe.“ Zum einen stehe Gewinnerzielung der Gemeinnützigkeit entgegen, zum anderen gehe es um Pflege und Förderung des Brauhandwerks mit historischem Hintergrund. Deshalb setzten sich die Bierfreunde auch für den Erhalt historischer Stätten in Sarstedt, die mit dem Brauwesen im Zusammenhang standen, ein. Hinweisschilder mit einem QR-Code sollen an den einstigen Schankwirtschaften Zum Zoll’n am Holztor, dem Ratskeller (heute Rathaus) und der neuen Schänke am Ostertor angebracht werden – wenn es, wo nötig, der Denkmalschutz zulässt.
Um noch mehr Geschichte greifbar zu machen, sucht der 2019 gegründete Verein stets Historisches rund ums Brauwesen: von der alten Bierflasche über Lektüre bis zu Schildern.
Eröffnung und Sommerfest
Die historische Brauanlage im Brickelweg 4 (Außenbereich) wird am Samstag, 5. August, ab 12 Uhr eröffnet. Den offiziellen Part übernimmt um 15 Uhr Bürgermeisterin Heike Brennecke. Livemusik unplugged gibt es von Frisia non Cantat aus Nordfriesland. Spanferkel, Gegrilltes und Bier werden gereicht. Für Kinder steht eine Hüpfburg parat, für Erwachsene gibt es Brauereiführungen.

