Theater für Niedersachsen

„Bravo“-Rufe und ausgiebiger Applaus in Hildesheim, dabei hat die „Eulenspiegel“-Inszenierung auch Schwächen

Hildesheim - „Till Eulenspiegel“ am tfn zieht eine Linie von den Bauernkriegen bis zu Donald Trump. Für seine Aussagen erntet das Stück in Hildesheim viel Zustimmung. Aber dieser Inszenierung hätte der Rotstift gut getan.

Till (Manuel Klein) ist fertig mit der Welt und den unmöglichen Theaterbratzen, die sie bevölkern. Seiner Wut lässt er am Theater für Niedersachsen in Hildesheim aber kaum freien Lauf. Foto: Tim Müller

Hildesheim - An diesem Abend steht alles Kopf. Die Geschichte von „Till Eulenspiegel“ beginnt mit dessen Tod und endet mit seiner Taufe. Dazwischen begegnen dem titelgebenden Narren die Bauernkriege und die Weimarer Klassik, Donald Trump und Björn Höcke. Moritz Nikolaus Koch hat für das Theater für Niedersachsen (tfn) ein Schauspiel nach der Volkssage geschrieben. Die Premiere am Samstag, 17. Januar, endet mit ausgiebigem Applaus und Bravo-Rufen. Dabei wäre es besser, würde das Publikum mit gerümpfter Nase aus dem Saal stürmen.

Der Koch-Fassung zugrunde liegt der „originale“ Eulenspiegel nach Hermann Bote. Der Regisseur und Autor verknüpft einige der 96 Historien mit Passagen aus der „Rede zum unmöglichen Theater“ von Wolfram Lotz. Die Hauptfigur teilt das Stück in Till und Ule, immer gespielt von zwei anderen Ensemblemitgliedern, stets aber in einer gemischtgeschlechtlichen Paarung. Lediglich Oliver Niess, der musikalische Leiter an seiner Soundstation auf der Bühne, bleibt die komplette Laufzeit „ein Muli“ und behält die pinke Maultierkappe auf.

Stellung beziehen gegen rechts

2016 hat Schauspieler und Musiker Koch, der viele Jahre zum tfn-Ensemble gehörte, seine erste Regiearbeit auf die Bühne gebracht („Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz). Seitdem entwickelte Koch seine Handschrift, Stilistik und Ästhetik immer weiter. Genauso sind wiederkehrende Themen und Motive in seinen Arbeiten zu erkennen. Allein seine tfn-Inszenierungen zeigen eine Bandbreite, die sich auch in „Till Eulenspiegel“ wiederfindet. Multimediales Inszenieren, vor allem mit Live-Musik und Videoprojektionen; das Vertrauen in sein Ensemble, das es ihm auch hier wieder mit Höchstleistungen dankt; Stellung beziehen gegen Autoritäre und gegen Rechts.

„Till Eulenspiegel“ ist in vielerlei Hinsicht ein gelungenes Theaterstück. Gerade die erste Hälfte erzählt eine emotionale Geschichte, vom Leben und Sterben, vom Kämpfen und Aufopfern im Bauernkrieg. Das verknüpft das Stück gekonnt mit Till Eulenspiegel als schwer greifbarem Impulsgeber, der die Saat des Unmöglichen in die Köpfe der Menschen setzt und aus den Köpfen sprießen lässt wie grünes Moos. Utopie oder Flausen? Diese Ambivalenz lässt das Stück durchaus zu und entlässt das Publikum mit der Frage: Was kommt da wohl jetzt?

Ernüchterung trotz großer Leistung

Die Antwort ist dann leider etwas ernüchternd. Es kommt vor allem viel. Mit Pause geht „Till Eulenspiegel“ zwei Stunden und 30 Minuten. An einer Stelle witzeln die Figuren über Dramaturgen. Aber gegen Ende kommt der Gedanke auf, ob ein strenger Rotstift doch gutgetan hätte. Denn oft wiederholen sich Geschichten und Situationen. Till erzählt, wie er eine historische Figur trifft, sie übers Ohr haut und einen großen Haufen macht. Er kommt davon, die Kriegsgewinnler und Wichtigtuer aber auch. Die Inszenierung lockert zwar mit verschiedenen Ideen – vom Schattenspiel bis zum Rocksong – auf. Vielleicht wäre eine Raffung aber doch besser gewesen.

Dabei gibt es viel Gutes an „Till Eulenspiegel“. Die Kostüme von Amelie Müller sind wunderbar, die Musik ist phantastisch, das Ensemble ist großartig. Vor allem Daniele Veterale und Camila Cordero sind als Till und Ule in der ersten Hälfte eine Bank, auch Manuel Klein und Lene Jäger wissen später zu begeistern, aber genauso überzeugen Martin Schwartengräber, Paul Hofmann und Simone Mende in kleineren Rollen. Handwerklich ist das Stück gelungen und eine große Bühnenleistung.

Das ist zu wenig

Nur die Inszenierung gerät statisch. Das Bühnenbild von Lars Linnhoff ändert sich, von zwei fallenden Vorhängen abgesehen, kaum. Stattdessen reden und erzählen die Figuren, was es gerade zur Welt und zum Tagesgeschehen zu sagen gibt. Dabei gerät der Text oft unterkomplex. Trump zum Beispiel ist ein selbstverliebter Trottel, umgeben von gewissenlosen Ja-Sagern. Das ist zu wenig. Trotzdem gibt es Szenenapplaus und Zustimmung aus dem Saal. Jetzt wäre doch der Moment, den Zuschauenden einen Spiegel vorzuhalten oder ihnen gleich mit dem nackten Arsch ins Gesicht zu springen. Das bleibt aber aus. Nächste Szene.

Mit zunehmender Laufzeit stellen sich immer mehr Fragen. Warum schlüpfen die Darstellenden wann in die Till- und Ule-Rollen? Was hat es mit Mega- und Mikrofon auf der Bühne auf sich? Spricht Till zum Volke? Warum bleibt es namenlose Menge? Richten sich die iPhone-Videos von Till und Ule ans Publikum? Aber warum leidet das Publikum dann mehr mit Thomas Müntzer und Heinrich von Kleist? Wer oder was ist dieser Till Eulenspiegel? Ein tragischer Volksheld wider Willen? Das unmögliche Theater selbst? Ein Scharlatan?

Die nächsten Termine

Über jede dieser Fragen lässt sich nach dem Stück angeregt diskutieren. Das ist ein Vorzug des Stückes. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass „Till Eulenspiegel“ viel sagen, aber sein Publikum auch nicht vor den Kopf stoßen will. Die da oben sind böse und mächtig, die da unten sind dumm und hilflos. Das Publikum kann sich bestätigt fühlen und „Till Eulenspiegel“ flüchtet ins unmögliche Theater. Gut gemachtes Theater, keine Frage! Für die Leistung aller Beteiligten gibt es zu Recht Applaus vom Premierenpublikum. Aber sollte der Blick in den Eulenspiegel nicht Empörung oder Schock auslösen? Vielleicht müsste Till, wie er das in so vielen seiner Historien getan hat, einen großen Haufen auf die Bühne machen.

Weitere Vorstellungen von „Till Eulenspiegel“ sind Montag, 26. Januar, sowie Montag, 2. Februar, in Hildesheim. Karten gibt es im tfn-Service-Center sowie auf der tfn-Internet-Seite.

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