Hildesheim - Sie sind rot, blau oder schwarz, sie kleben auf der Haut und ragen bei manchen am Nacken über den Kragen hinaus. Die sogenannten Kinesio-Tapes kommen nicht nur bei Leistungssportlern zum Einsatz, sondern sind längst bei Hobbysportlern oder Couchpotatoes angekommen. Doch für wen sind sie sinnvoll? Und warum müssen die Bänder immer bunt sein?
Karina Meuschke bietet in ihrer Physiotherapiepraxis „Hi-Physio“ im Hildesheimer Ostend Kinesio-Taping an. Sie kennt sich also bestens mit den bunten Klebebändern aus. Sie sagt, dass sich die Arbeit mit den Tapes in Deutschland über die Jahre weiterentwickelt hat. Dazu gehört auch der vermehrte Einsatz farbiger Bänder. Ob das Klebeband nun blau oder rot ist, macht vor allem im Kopf einen Unterschied: „Es hat einen psychologischen Effekt. Dass man sagt, blau ist mehr kühlend und rot ist mehr wärmend“, sagt Karina Meuschke.
Die Elastizität ist entscheidend
Um zu erklären, wie so ein Tape beschaffen ist, nimmt die Hildesheimer Physiotherapeutin ein Stück in die Hand und zieht es auseinander. „Das ist die Elastizität, die diese Bänder haben.“ Die Klebefläche des Bandes besteht zu 100 Prozent aus Acryl. Die Klebeverbindungen sind thermoplastisch. Das bedeutet, dass die Bänder erst mit Körperwärme anfangen zu kleben. Der Kleber ist wellenförmig angelegt.
Kinesio-Tapes kommen bei Profisportlern zur Schmerzreduktion nach Verletzungen zum Einsatz. Meuschke und ihr Team nutzen die Klebebänder auch zur Behandlung von Verspannungen oder dem klassischen Tennisarm. Warum? „Um Spannung von der Muskulatur runterzunehmen“, so die 32-Jährige. Sie ergänzt: „Bei jemandem, der sich die Bänder am Fußgelenk gerissen hat, kann man ein Stabilisations-Tape machen.“
Häufig eine Therapie-Ergänzung
Solch ein Band zur Stabilisation könne auch genutzt werden, nachdem eine Fußschiene abgenommen wird. Häufig ist es eine Therapie-Ergänzung. Meuschke: „Bei uns wird erst therapiert und dann ein Tape gemacht.“ Eine langfristige Behandlung an einer bestimmten Schmerzstelle empfiehlt sich damit aber nicht, sagt die Physiotherapeutin. „Eine Dauerlösung ist es nicht. Dann muss man eher gucken, dass man das Problem anders angeht.“
Kinesio-Tapes kann sich jeder privat kaufen – und theoretisch selbst auf die eigene Schmerzstelle kleben. „Viele machen das auch. Das ist aber nicht empfehlenswert. Es steckt schon eine gewisse Technik dahinter, um die richtigen Stellen abzukleben. Man kann sich auch verkleben. Dann bringt es nichts.“
Die richtige Technik ist nicht zu unterschätzen
Zur richtigen Technik gehört zum Beispiel die passende Dehnung des Tapes beim Auftragen auf die Haut. Bei Muskeldysbalancen wie dem Tennisarm bleibt das Band ungedehnt. Bei Verletzungen wie einem Bänderriss im Sprunggelenk wird es hingegen bis zur maximalen Dehnung aufgetragen.
Wie viel es kostet, sich professionell mit Kinesio-Tapes behandeln zu lassen, hängt vom Aufwand ab. Bei Meuschkes Physiotherapie kostet das Ganze zwischen drei und zehn Euro.
Große Qualitätsunterschiede
Die Hildesheimerin weist auf große Qualitätsunterschiede bei Kinesio-Tapes hin. Der Markt sei groß, die Zahl der wenig wirksamen Bänder auch. „Da gibt es einige, die kaum Elastizität haben. Die klebt man drauf und wenn man Pech hat, sind die abends schon wieder ab.“
Qualitativ bessere Tapes halten länger, aber nicht ewig. „Auch wenn das draufklebt, verliert das irgendwann an Elastizität. Das kann aber durchaus sieben Tage draufbleiben.“
Die Invaders verbrauchen drei Rollen pro Spiel
Warum Meuschke mit den Kinesio-Tapes arbeitet? „Weil immer schon die Nachfrage da war. Zum Beispiel von Sportlern, die öfter bei uns waren oder Leuten, die viel wandern gehen wollen, aber Probleme mit den Knien hatten.“ Im Juli 2025 hat die 32-jährige Hildesheimerin sich selbstständig gemacht und Hi-Physio im Ostend eröffnet. Davor war die ausgebildete Physiotherapeutin in einer anderen Praxis angestellt. Das Feedback der Patienten nahm sie mit – auch bezüglich Kinesio-Tapes. „Viele wollen es danach wieder haben“, so Meuschke.
Auch Hildesheims Top-Sportteams sind fleißig am Tapen – besonders die Footballer. Invaders-Physiotherapeutin Claudia Leyder sagt: „Wir brauchen ungefähr drei Rollen pro Spiel.“ An Invaders-Spieltagen kommen die klassischen weißen Tapes zum Einsatz.
Auch des Grizzlys-Spielern gefallen die Bänder
Als sie auf den Markt kamen, stand Leyder den bunten Kinesio-Tapes noch kritisch gegenüber. Das hat sich dann aber geändert – aufgrund eigener Erfahrungen und des Feedbacks ihrer Patienten. Auch die geben eine positive Rückmeldung. Leyder bestätigt ebenso den psychologischen Effekt, den die verschiedenen Farben der Bänder auf die Patienten haben.
Die Helios Grizzlys Giesen arbeiten ebenso mit Kinesio-Tapes, erklärt Dr. Stefan Rössig, Teamarzt der Volleyballer. Bei den Grizzlys machen das meist die Physios. „Die Idee dahinter ist es, über die Haut Reize zu setzen“, so Rössig. Und der Teamarzt fügt hinzu: „Die Sportler mögen das. Sie zeigen das auch gerne.“


