Hildesheim - Amsterdam hat einiges zu bieten: beeindruckende Brücken, lange Kanäle und das Rijksmuseum. Trotzdem verbindet man mit der niederländischen Hauptstadt vor allem eines: Den Geruch von Cannabis, der durch die Stadt zieht. Laut einer Zählung aus diesem Jahr gibt es in Amsterdam 166 Coffeeshops, in denen Marihuana konsumiert werden darf – könnte es in Hildesheim bald ähnlich zugehen?
Die neue Regierung aus SPD, Grünen und FDP strebt die Legalisierung von Cannabis an. „Wir führen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein“, heißt es im Koalitionsvertrag. Damit solle die Qualität von Cannabis kontrolliert und Gesundheitsschäden durch verunreinigte Drogen verhindert werden.
Westphal: „Cannabis-Legalisierung ist schon lange in der Diskussion“
„Das Thema Cannabis-Legalisierung ist schon lange in der Diskussion. Es gibt Pro- und Contraargumente“, sagt der Hildesheimer Bundestagsabgeordnete Bernd Westphal (SPD). „Und wir sind zu dem Ergebnis gekommen: Ein Verbot alleine hilft nicht.“ Auch bei der Drogenhilfe Hildesheim ist man der Meinung, ein Verbot würde nicht zu weniger Konsumenten und Konsumentinnen führen – im Gegenteil. Der Reiz des Verbotenen erwecke bei vielen die Neugierde. „Aus unserer Sicht und Erfahrung mit Drogenabhängigen ist die Legalisierung und Entkriminalisierung eine sinnvolle Sache – auf die wir schon lange warten“, so Dominic May, Geschäftsführer der Drogenhilfe.
Wenn Westphal Schulklassen besuchen, sei oft die Frage nach der Legalisierung von Cannabis gestellt worden. „Ich habe immer gesagt: Ihr braucht es nicht, um glücklich zu sein. Aber ich sehe auch, dass es Argumente gibt, die Legalisierung für Erwachsene auszuprobieren.“
Legalisierung soll Ausprobieren sein
Ein Ausprobieren soll die Legalisierung auch sein: Nach vier Jahren will man schauen, welche gesellschaftlichen Konsequenzen aus dem Modellversuch entstehen. Für Jugendliche würde sich trotz Legalisierung aber nichts ändern – das Koalitionspapier sieht die Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken ausschließlich für Erwachsene vor.
Aus gutem Grund, findet Gerald Koch, Chefarzt für Suchttherapie im Ameos Krankenhaus. „Cannabis-Befürworter sagen, ein gelegentlicher Joint hat keine schädliche Wirkung – und dem könnte man schon recht geben“, sagt Koch. „Bei Jugendlichen sieht das anders aus.“ Für das jugendliche Gehirn könne sich der Konsum negativ auf die Merkfähigkeit und Intelligenz auswirken, zeigten Studien aus den USA.
Stichwort Psychose
Auch das Stichwort Psychose fällt immer wieder in Diskussionen. Ob ein Mensch zu Psychosen neigt, ist Koch zufolge teils genetisch bedingt – manche haben eine höhere Veranlagung, manche eine geringere. „Kommt dann Stress, Schlafentzug oder eben Drogenkonsum dazu, kann es sein, dass es symptomatisch wird.“Gerade für Erwachsene, die gelegentlich zum Cannabis greifen, schätzt Koch die Risiken vergleichsweise gering ein. Der Cannabis-Konsum ziehe selten körperliche Entzugserscheinungen nach sich, auch die Anzahl von Straftaten unter dem Einfluss der Droge seien gering, im Gegensatz zu Alkohol.
Kritiker der Legalisierung bezeichnen Cannabis dagegen häufig als Einstiegsdroge, sehen ein Risiko: Wer kifft, könnte schnell zu Drogen mit höherem Abhängigkeitsrisiko greifen. „Das habe ich früher auch mal geglaubt“, sagt Koch. Mittlerweile zeigten die Erfahrungen aus anderen Ländern mitunter das Gegenteil: Dort, wo Gras legalisiert wurde, blieb der Konsum harter Drogen gleich oder nahm sogar ab. Das sei etwa in den Niederlanden der Fall. „Die These ist deshalb definitiv widerlegt.“
Steigert Legalisierung Konsum?
Auch die Sorge, die Legalisierung könnte dazu führen, dass der Konsum von Gras dauerhaft ansteigt, teilt er nicht. „Wenn man in andere Länder schaut sieht man, dass das in den meisten gar nicht der Fall war.“ Zwar hätten in den Niederlanden nach der Legalisierung anfangs mehr Menschen zu der Droge gegriffen, das hätte sich aber recht schnell wieder eingependelt.
Eine ähnliche Tendenz sei für Koch auch in Deutschland erwartbar, sollte Cannabis legalisiert werden. Anfangs würden mehr Menschen die Droge ausprobieren, dann aber schnell wieder davon ablassen. Wichtig sei für die Legalisierung aber die kontrollierte Abgabe. Einerseits darf Koch zufolge nicht wie in den Niederlanden das Problem entstehen, dass der Anbau und Verkauf im Zusammenhang mit kriminalisiertem Verbrechen stehen.
Andererseits müsste ein besonderer Fokus auf den Jugendschutz gelegt werden. Wie in Colorado, dem „Musterstaat“ in dieser Angelegenheit, der die Steuereinnahmen durch die Legalisierung von Cannabis in Drogenprävention investiere – und so einen Rückgang vom Cannabis-Konsum erreicht habe. „Es wäre gut, solchen Beispielen zu folgen“, sagt Koch.
Apotheken als Verkaufsstellen im Gespräch
Seit die Legalisierung durch die Ampel-Koalition thematisiert wird, sind auch Apotheken vermehrt als mögliche Verkaufsstellen im Gespräch. In der Branche ist man sich uneinig, was man von diesem Vorschlag hält, berichtet Wolfram Benner. Er ist der Inhaber der Hirsch-Apotheke in Algermissen und Hildesheimer Bezirksvorsitzender des Landesapothekerverbandes.
„Die Meinungen sind divers“, sagt er. „Es geht von der Begeisterung bis hin zur Ablehnung und alles dazwischen.“ Einerseits könnte die Qualität der Drogen sichergestellt und somit die Gesundheit der Menschen geschützt werden. Denn durch verunreinigte Drogen entstehen gesundheitliche Probleme, die trotz Konsums nicht sein müssten. Andererseits stören sich Apotheker und Apothekerinnen daran, Cannabis zum Freizeitkonsum zu verkaufen. Außerdem bestünden etwa Bedenken was den Notdienst der Apotheken angehe – könnte dieser nachts wegen der Nachfrage von Cannabis belagert werden?
Noch ist nicht bekannt, wie die politischen Pläne im Detail aussehen – und ob Apotheken darin enthalten sein sollen. „Das ist kein Hauruck-Thema“, sagt Benner. „Man braucht da wirklich gute Regelungen. Das wird Zeit in Anspruch nehmen.“
Entlastung für Polizei und Justiz?
Für die Legalisierung wird oftmals auch die Entlastung der Polizei und Justiz ins Feld geführt. „Das Verbot, wie wir es jetzt haben, führt eher dazu, dass wir Polizei und Gerichte beschäftigen“, sagt Politiker Bernd Westphal. „Und meistens werden die Verfahren dann eingestellt.“ Die These: Wenn Polizisten und Polizistinnen sich nicht mehr mit Bagatelldelikten beschäftigen müssten, hätten sie mehr Zeit für wichtigere Probleme. Aber stimmt das überhaupt?
Laut Polizeisprecher Jan Paul Makowski wären weniger Konsumdelikte wahrscheinlich. Allerdings könnte es zu neuen Kriminalitätsformen kommen – wenn etwa gefälschte Zertifikate von Verkaufsstellen oder illegal angebaute Cannabisprodukte im Umlauf wären.
Auch der illegale Drogenhandel würde mit einer Legalisierung nicht einfach wegfallen. Kriminelle könnten nicht zertifiziertes Cannabis zu günstigeren Preisen unter das Volk bringen. „Solche Phänomene sind aktuell beispielsweise beim Angebot von nicht verzollten Zigaretten und Shisha-Tabak oder rezeptpflichtigen Medikamenten polizeilich bereits zu registrieren“, so Makowski. Es bleibe deshalb abzuwarten, inwieweit eine mögliche Legalisierung zu einem geringeren Aufwand für Polizei und Justiz führen kann.
Bis Gesetz kommt, kann es dauern
Ehe das Gesetz zur Legalisierung kommt, kann es noch eine Weile dauern – bis dahin bleiben noch viele Fragen offen. Bundestagsabgeordneter Westphal plant für das Frühjahr 2022 eine Podiumsdiskussion, um sich mit Menschen unterschiedlicher Bereiche auszutauschen – etwa der Polizei, mit Ärzten, der Drogenhilfe, mit Jugendlichen und Apotheken. „Das ist etwas, was die Gesellschaft diskutieren muss“, sagt er.
