Reportage

Chef-Wechsel 42 Jahre nach der Gründung: Der Neue im Hildesheimer Bioladen Die Knolle kehrt zurück zu seinen Wurzeln

Hildesheim - Als Simon Best 2004 nach seiner Ausbildung im Bio-Laden Die Knolle Hildesheim verlässt, ahnt niemand, dass er mal als Chef zurückkehren wird. Über einen Generationenwechsel, den Wirtschaftsförderer für vorbildlich halten und Knolle-Gründer Thomas Räbiger einen „Sechser im Lotto mit Zusatzzahl“ nennt. (Mit Video)

Hildesheim - Grün, schwarz, grün abwechselnd, nee, das geht nicht, das sieht nicht aus, wenn die Kisten im Regal nicht farblich einheitlich sortiert sind. Also: umstellen, nur schwarze Kisten nebeneinander. Er wolle die grünen ohnehin bald komplett abschaffen, sagt Simon Best. Die Farben von Obst und Gemüse kämen in den dunklen einfach besser rüber meint der 41-Jährige, während er auf dem Fußboden neben frisch gelieferten Tomaten kniet und Fenchel einsortiert. Es ist kurz vor acht, und bis neun Uhr muss hier alles fertig sein, dann öffnet Best seinen Laden. Sein Laden..., ja, tatsächlich ist er nun der Chef der Knolle in der Hildesheimer Goschenstraße. Im ältesten Bio-Laden der Stadt. Hier, wo er vor 25 Jahren als 16-Jähriger bei Gründer und Inhaber Thomas Räbiger seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann angefangen hatte. Mit 18 zog er weg aus Hildesheim, und das nicht mit dem Ziel, mal zurückzukehren, geschweige denn, um das Geschäft zu übernehmen. Dass es schließlich doch so kommt, ist für Neu-Rentner Räbiger ein „Sechser im Lotto – mit Zusatzzahl“.

Als Schüler sortiert er bei Aldi Regale – einfach so, damit es schöner aussieht

Dass er irgendetwas im Handel machen will, in Läden stehen, mit Waren hantieren, Kunden Wünsche erfüllen, Mitarbeiter um sich herum haben, das steht für Best schon ziemlich früh in der Jugend fest. Als eine Art Hobby verbringt er schon als Junge mit einem Kumpel Zeit im Aldi-Markt in Itzum und sortiert Dosen und Schachteln in den Regalen so, dass „es schön aussieht“. Einfach so, weil es ihm Spaß macht, nicht weil der Marktleiter sie darum gebeten hätte. Der aber weiß den kindlichen Sinn für Ordnung zu schätzen, gibt den beiden Schülern öfter kleine Dankeschön-Geschenke. Und ja, noch vor seiner Ausbildung, in der achten Klasse, da macht er schon ein Praktikum in der Knolle. Thomas Räbiger kennt er da vor allem als Vater seines Klassenkameraden Jannis.

Davon erzählt Best, während er an diesem Mittwochmorgen weiter Gemüse einsortiert. Eben war der Salatkopf dran, jetzt hat er die Paprika vor sich, Gesine Lindhorst füllt unterdessen die Käsetheke der Knolle auf. Seit elf Jahren arbeitet sie hier, immer noch gerne und mit Herzblut. Dass Thomas Räbiger, der den Laden hier aufgebaut und sie mal eingestellt hat, seit Anfang des Jahres nur noch als Kunde reinkommt und nicht mehr als Chef sei schon seltsam, findet sie und rückt das Preisschild des geräucherten Scamorza zurecht, 100 Gramm für 2,69 Euro. „Es fehlt irgendwie etwas“, sagt Lindhorst und lächelt, um gleich – denn es solle bloß nicht komisch rüberkommen – zu ergänzen: Sie sei sehr, sehr froh, dass es mit der Knolle weitergehe und mit Simon als neuem Chef verstehe sich das ganze Team bestens.

Ich hätte noch weitergemacht und auch zwei, drei Jahre länger gearbeitet, um einen Nachfolger zu finden, wenn es mit Simon nicht geklappt hätte

Thomas Räbiger, Knolle-Gründer und Neu-Rentner

Dass es weitergeht nach all der Zeit, sein im Juni 1981 eröffneter Laden nicht verschwindet, das war Räbiger wichtig. So sehr, dass der 66-Jährige sagt: „Ich hätte noch weitergemacht und auch zwei, drei Jahre länger gearbeitet, um einen Nachfolger zu finden, wenn es mit Simon nicht geklappt hätte.“ Wie schwierig es für viele Unternehmer in Stadt und Landkreis ist, ihre Betriebe mit dem eigenen Ausstieg nicht eingehen zu lassen, das weiß Kay Fauth von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Hi-Reg nur zu gut. „Es drängen immer weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt, und von denen wollen viele den Aufwand der Selbstständigkeit nicht“, sagt der Prokurist. Es gebe zudem immer weniger familieninterne Geschäftsübernahmen. Auch im Fall von Thomas Räbiger fehlte diese Option. Umso wichtiger, so Fauth, sei es, dass sich Firmenchefinnen und -chefs frühzeitig Gedanken über eine Nachfolgeregelung machten. Die Hi-Reg berät alte und neue Inhaber während des Prozesses, hilft zum Beispiel bei Business-Plänen. „Es ist total wichtig, dass Betriebe wie die Knolle der Region nicht verloren gehen, sagt der Wirtschaftsexperte. Umso erfreulicher sei, dass der Übergang so gut geklappt habe.

Es ist total wichtig, dass Betriebe wie die Knolle der Region nicht verloren gehen

Kay Fauth, Prokurist der Hi-Reg

Simon Best kann sich auf die Expertise von Fauths Team stützen, als er sich entscheidet, Räbigers Angebot anzunehmen. Das macht der im Jahr 2021 auf der Messe Bionord in Hannover. Zufällig treffen sich dort der frühere Ausbilder und sein inzwischen durch verschiedene Posten in der Biobranche erfahrene Ex-Azubi und Räbiger fragt Best geradeaus: „Willst du nicht meinen Laden übernehmen?“ An Bests Blick, erinnert sich Räbiger heute, habe er gleich gemerkt: Er hält die Frage offensichtlich nicht für völlig bescheuert, sondern wird es vielleicht wirklich ernsthaft in Erwägung ziehen. Simon Best erinnert sich so: „Ich habe mich nicht verpflichtet gefühlt, es zu machen. Aber verpflichtet, darüber nachzudenken.“

Ich habe mich nicht verpflichtet gefühlt, es zu machen. Aber verpflichtet, darüber nachzudenken

Simon Best, über das Angebot, den Bioladen Die Knolle zu übernehmen

Best ist im Kopf damals tatsächlich gerade frei für die Option Selbstständigkeit. Zumindest jedenfalls für etwas Neues. Nach seinen Stellen, unter anderem als Filialleiter, bei den beiden Biohändlern Koopmanns und Kornkraft im Raum Oldenburg/Bremen überlegt er, wie es weitergehen soll. Den Mut zu haben, eigene Entscheidungen frei zu treffen, darin bestärken Bests Eltern ihn und seine Geschwister schon früh. „Wir haben nie gesagt bekommen: Ihr müsst studieren!“, erzählt er. Wegen der akademischen Karriere seines Vaters, ein Informatik-Professor, zieht die Familie zwar zunächst aus dem Rheinland nach Hildesheim und später nach Oldenburg, aber dass sein Sohn ihm auch sonst nachfolgen solle, das steht nicht zur Debatte. Stattdessen lassen die Eltern Simon Best im Alter von 16 alleine von Oldenburg zurück nach Hildesheim ziehen, damit er in der Knolle seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beginnen kann. So legt er den Grundstein für seine Berufslaufbahn in der Biobranche die heute viel größer ist als zur Zeiten der Knolle-Gründung.

1981 werden Thomas Räbiger und seine damaligen Mitstreiter als Sonderlinge aus der Anarchoszene von vielen noch skeptisch beäugt. Die Gruppe gründet eine Firma im „Kollektiv“, in die jeder Gesellschafter 2000 Mark Startkapital einbringen muss. Weil Räbiger so viel Geld aber nicht aufbringen kann, kauft er sich mit seinem VW-Bus als Transportfahrzeug ein und schafft fortan Milch aus dem Wendland, Honig aus Bremen, Kräuter aus Gittelde und Demeter-Produkte aus Hamburg heran.

Gut, dass das Bio-Angebot wächst. Einerseits...

Inzwischen, 2023 boomt Bio seit Jahren, Händler wie Denn’s und Alnatura expandieren, Supermarktketten wie Rewe und Edeka bauen ihre Produktpaletten in dem Bereich immer weiter aus, und auch die großen Discounter bestücken ihre Regale mit vielen Waren, auf denen Bio-Siegel prangen. Simon Best beobachtet die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Er freue sich über die gewachsene Bedeutung von Bio-Produkten und ökologisch bewusster Herstellung. Einerseits. Aber: Je größer der Markt für Bioprodukte sei, desto wahrscheinlicher sei auch, dass es Missbrauch gebe, Waren etwa falsch deklariert werden, um unter dem Label mehr Einnahmen zu erzielen, obwohl die Herstellung nicht den Kriterien entspricht. Zudem würden die großen Supermärkte und Discounter die Preise für Bioprodukte drücken, auf ein Niveau, bei dem die kleineren Fachhändler wie er nicht mitgehen könnten.

Aber wenn er sich ernsthaft Sorgen machen würde, dass die Knolle nicht weiter funktioniert, dass er nicht von dem Geschäft leben und seine Mitarbeitenden bezahlen kann, dann stünde er jetzt nicht hier.

 

Alle Regale sind inzwischen neu befüllt, der Boden ist gewischt, die Rollwagen stehen wieder im Lager. Es ist kurz vor neun. Simon Best verschwindet kurz, als er wiederkommt, trägt er eine dunkle Schürze. „Echt bio“ steht darauf. Der Knolle-Chef aktiviert die automatische Glasschiebetür, die Kunden können kommen. Er ist sogar schon vereinzelt wiedererkannt worden, erzählt er. Von treuen Stammkunden, die im neuen Inhaber tatsächlich den jungen Azubi entdeckt haben. Manchmal, sagt Best, ja manchmal sei es noch ein komisches Gefühl hier zu sein. „Aber“, sagt er und lacht, „es ist auch richtig schön.“

Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.