Detfurth - Vor mehr als 40 Jahren holte sie für Deutschland den ersten Sieg beim Eurovision Song Contest. Mit „Ein bisschen Frieden“ überzeugte Nicole in Harrogate in England ein Millionen-Publikum und die kritische internationale Jury. Seitdem ist viel passiert. Weniger für Deutschland beim ESC – mehr jedoch im Leben der damals 17-jährigen Gymnasiastin. Sie wird 60 Jahre alt im Oktober, ist verheiratet, Mutter und sogar schon Oma, hatte gute und schwere Jahre. Und sie wagt ein musikalisches Comeback. Ein Video dazu wurde am Sonnabend in Detfurth gedreht.
Auf dem Veranstaltungsgelände Rhoden Hill, ganz am Rande Detfurths, dreht Nicole das Video für ihren hoffentlich neuen Hit. Mitten in der Natur zwischen Detfurth und dem Bad Salzdetfurther Burgberg verbirgt sich das Gelände von Unternehmerin Eva Barnstorf-Brandes. Sie betreibt dort unter anderem eine Yoga-Schule und das Veranstaltungsgelände, auf dem Workshops, Seminare, private Feiern und ab und an auch Videodrehs stattfinden.
Videodreh für das ganz neue Album
In einem Pavillon bereitet sich Nicole vor: umziehen, schminken, Haare machen. Mehrere Leute wuseln um sie herum. Draußen wartet die Filmcrew, Fotografen, die Presse. Fast schüchtern befolgt sie die Anweisungen, guckt mal hier hin, mal dort hin, dreht sich, singt schließlich ein paar Zeilen ihres neuen Liedes zur Musik, die aus einer kleinen Box das Grundstück beschallt: „Lasst den Sommer nie vergehen“.
„Ich mag den Sommer, die Sonne, die gibt mir Kraft und Energie“, erzählt die Sängerin wenig später. Nicole Seibert heißt sie mit bürgerlichem Namen, möchte aber gerne Nicole genannt werden. Sympathisch, nahbar, ohne Starallüren. Kraft und Energie kann die Saarländerin gut gebrauchen. Hinter ihr liegt eine schwere Brustkrebserkrankung, fast zwei Jahre hatte sie sich zurückgezogen. „Ich wusste nicht, was kommt“, sagt sie. Ein gutes Jahr konnte sie die Krankheit vor der Öffentlichkeit verstecken. Es gab keine Fotos von Nicole mit von der Chemotherapie kahlem Kopf. „Ich wollte kein Mitleid“, erklärt sie. Sie hatte großes Glück, hat den Krebs besiegt. Doch die Krankheit hat sie verändert, ihre Einstellung zu vielen Dingen. Plötzlich rückten andere Themen in den Vordergrund, vieles erlebe sie bewusster. „Es stimmt eben nicht, dass das Beste immer zum Schluss kommt“, sagt sie. Es gehe ums hier und jetzt. „Man muss jeden Tag bewusst erleben“, so die Schlagersängerin, die bekennt, nach der Erkrankung auch gelernt zu haben, öfter mal Nein zu sagen, um Zeit für sich zu haben. Auch Zuhause, wo sie mit Mann, Kindern und Enkeln unter einem Dach wohnt und jeden Tag für alle kocht. „Oma spielt aber auch Taxi“, sagt sie und lacht.
Neustart nach schwerer Krankheit
Im vergangenen Jahr hat sie nach der Krebserkrankung das erste Mal wieder auf der Bühne gestanden. Ein emotionaler Moment, erinnert sie sich. Bei Liedern wie „Ich bin zurück“ und „Gerne leben“ liefen ihr und vielen Fans die Tränen übers Gesicht. Warum sie überhaupt wieder auf die Bühne gegangen sei? „Wie soll ich das erklären? Wenn ich bei einem Konzert in die ersten Reihen schaue, dann kenne ich fast alle Gesichter, viele der Fans begleiten mich seit über 30 Jahren“, erzählt sie. Es gibt die Privatperson Nicole Seibert, aber eben genauso die Sängerin Nicole. Beides gehört zusammen.
Dass sie nun ausgerechnet in Detfurth bei Eva Barnstorf-Brandes das neue Video dreht, sei Zufall. „Ich kenne den Regisseur schon lange und der hat eine Location gesucht“, erzählt Barnstorf-Brandes, die selbst mit Schlagern nicht viel am Hut hat, aber einige Parallelen zwischen sich und der Künstlerin feststellt. „Nicole hat auch ihren Weg gemeistert“, sagt sie. Und natürlich kennt auch sie „Ein bisschen Frieden“.
Kritik am Eurovision Song Contest
Nervt das nicht ein bisschen, immer wieder auf den Hit von damals angesprochen zu werden? „Auf keinen Fall“, sagt Nicole. Sie sei stolz auf das Lied, „ein Jahrhundertlied“, dessen Botschaft immer aktuell sei. „Irgendwo gibt es ja leider immer Krieg“, sagt sie. Aber sie ist auch sicher: Heute würde sie mit dem Lied den ESC nicht mehr gewinnen. Der sei kein Liederwettbewerb mehr, es gehe viel mehr um Show, Effekthascherei, Technik – mitunter auch um Skandale. Ein junges Mädchen mit einer Gitarre und einem Lied über den Frieden habe da keine Chance mehr. Natürlich habe sie den vergangenen ESC angeschaut, ihr Urteil dazu fällt verheerend aus: „Viel zu laut, viel Schreierei auf der Bühne.“ Nicole besinnt sich lieber auf die ruhigen Töne. Davon können sich die Fans überzeugen, im Juli wird das neue Lied veröffentlicht, dann wird auch das Video zu sehen sein. Gedreht in Detfurth. „Schön ist es hier, so viel Natur“, sagt sie und blickt über das Rhoden-Hill-Gelände, über den Zaun und die Felder hinweg bis hoch zum Burgberg. Nur der Sommer, den sie gleich wieder besingt, der will sich einfach nicht so richtig einstellen.


