Hildesheim - Im Klassenraum der 9.2 verteilt Lehrerin Yvonne Schweppe am Dienstagvormittag die Tagesration Corona-Selbsttests. Nacheinander treten die Mädchen und Jungen der Robert-Bosch-Gesamtschule (RBG) an den Pult und halten eine kleine Plastiktasche auf. Schweppe streift sich Gummihandschuhe über und fängt an, die Tüten zu füllen.
In jede kommt eine Testkassette aus Plastik, ein Tupfer, ein Röhrchen mit Flüssigkeit und eine Dosierkappe. Was Klassenlehrerin Schweppe im laufenden Unterricht noch recht flink von der Hand geht, sieht in der vierten Etage des E-Trakts schon ganz anders aus. Hier sind die Lehrer Florian Meyer und Martin Das seit rund einer Stunde dabei, Brötchentüten mit den erforderlichen Komponenten zu füllen. Hunderte Tüten türmen sich bereits in einem großen Karton. Eigentlich haben die beiden Pädagogen Fluraufsicht, denn einen Raum weiter brüten gerade die Abiturienten über ihren Kunst-Aufgaben. Doch gleichzeitig zur Aufsicht sollen die Lehrer jetzt dafür sorgen, dass die Test-Kits vorbereitet werden. Nach einer Stunde stößt noch Lehrer Harald Johnsdorf dazu. „Sind das jetzt die richtigen oder die falschen Tupfer?“, fragt er Meyer.
Eine Anleitung in Deutsch ist gar nicht enthalten
Eine Anleitung, wie in den Einzelverpackungen enthalten, gibt es erst gar nicht. Die Schnelltests sind in Großverpackungen zu je 25 Exemplaren, teilweise sogar noch größer angekommen, die jeweils nur eine einzige Anleitung enthalten. „Und die ist auch noch auf Englisch“, sagt Schulleiter René Mounajed. Außerdem enthalten die Packungen die falschen Tupfer. Schweppe und alle anderen Kollegen, die ebenfalls Tests verteilen oder die Sets zusammenstellen, müssen darauf achten, dass andere eingepackt werden. „Wir reden uns schön, dass man uns zutraut, das hinzubekommen“, sagt Mounajed ironisch.
Tatsächlich sind er und Vertreter weiterer Schulen inzwischen mehr als verschnupft über das Verhalten des Landes, das die Tests zur Verfügung stellt. Allein die RBG habe mehr als 1500 Schülerinnen, Lehrer und andere Mitarbeitende, die jede Woche zweimal getestet werden müssten. „Ich lasse jetzt jede Woche 3000 Tests zusammenbasteln“, sagt Mounajed, der auch Vorstandsmitglied im Schulleitungsverband Niedersachsen ist.
Am Dienstag hat das Land auch andere Schulen mit Großgebinden beliefert
Das Land beliefert offenbar bisher vor allem die Gesamtschulen sowie Teile der Berufsbildenden Schulen mit Großpackungen und hat unlängst gegenüber der HAZ erklärt, dass es bei der Umverpackung auf die Mithilfe der Schulen setze. Am Dienstag sind nach Informationen der HAZ auch weitere Schulen im Landkreis mit den Großgebinden versorgt worden, darunter mehrere Hildesheimer Gymnasien.
„Auf Dauer ist die Verteilung in dieser Form nicht zu leisten“, sagt Christian Schwarze, Leiter der KGS Gronau. Andrea Berger, Leiterin der Oskar-Schindler-Gesamtschule spricht von einer „Zumutung“ im ohnehin schon überbelasteten Schulalltag. Berger hat am Dienstagfrüh sämtliche Frühstücksbeutel eines Supermarkts aufgekauft, um Tüten für die Schnelltests zu bekommen. Mehrere Verbände fordern inzwischen, die Großgebinde aus den Schulen zu verbannen. „Sie haben an Schulen nichts zu suchen“, sagt Mounajed.
Der Bedarf an Selbsttests sei weltweit so hoch, dass unterschiedlichste Anbieter und Modelle bestellt werden müssten, um ein Angebot schaffen zu können, sagt das Niedersächsische Kultusministerium. Nur so sei derzeit eine Versorgung aller Schulen zu gewährleisten. „Wir können aber sehr gut nachvollziehen, dass in den betroffenen Schulen keine Begeisterung darüber vorherrscht. Völlig klar, daher wollen wir natürlich schnellstmöglich weg von diesen Tests“, sagt Ministeriumssprecher Sebastian Schumacher. Die Bestellungen sollen komplett auf Einzelverpackungen umgestellt werden, sobald es die Marktlage zulässt. Zudem würden konkrete und zeitnahe Entlastungen für Schulen gesucht, die mit dem Packen der Kits befasst sind – entweder durch personelle Unterstützungen oder durch Entlastungen an anderer Stelle.
