Recycling und mehr

Da staunt auch Stephan Weil: Wie der Hildesheimer Unternehmer Knut Bettels den Harz zum Recycling-Zentrum macht

Hildesheim/Goslar - Vor fünf Jahren kaufte Knut Bettels aus einer Insolvenz heraus ein riesiges Hüttengelände zwischen Goslar und Bad Harzburg. Inzwischen wird immer deutlicher, was er damit vorhat. Am Donnerstag gab es hohen Besuch – und eine Taufe.

Stephan Weil beglückwünscht Knut Bettels - und überreicht ihm den Genehmigungsbescheid für den Bau der Bahnumschlags-Anlage in Oker. Rechts hinten Uwe Lohmann, Geschäftsführer der örtlichen Bettels-Tochterfirma IVH. Foto: Tarek Abu Ajamieh

Hildesheim/Goslar - Nein, wirklich: Die Lokomotive sieht zwar ziemlich robust aus – aber die Sektflasche einfach dagegen schleudern, das will der Ministerpräsident dann doch nicht. Lieber schüttet Stephan Weil den Sekt in sanften Bögen aus dem Behältnis und benetzt damit die Front des Zugwagens. Glück bringen soll es trotzdem – und als Taufe geht die Aktion in den Augen von mehr als 100 Zuschauerinnen und Zuschauern trotzdem durch. „Zugkunftsregion Harz“ lautet der wortspielhafte Name der grünen Lok nunmehr – sehr zur Freude des Mannes, dem sie letztlich gehört: Es ist der Hildesheimer Unternehmer Knut Bettels.

Ein kleiner Güterbahnhof

Der hatte vor vier Jahren ein riesiges Industrie-Areal in Oker zwischen Goslar und Bad Harzburg aus einer Insolvenz heraus übernommen. Seither befasst er sich über seine Tochtergesellschaft Industriepark und Verwertungszentrum Harz GmbH (IVH) vor allem mit der Sanierung der Fläche. Die IVH bekommt Geld dafür, Bauschutt, leicht belasteten Boden und Mineralgemische von Baustellen aus dem Umland anzunehmen – und nutzt sie dazu, Altlasten auf dem Gelände abzudecken, wie man das auch von Deponien kennt.

Doch nun will der Hildesheimer sich verstärkt der Weiterentwicklung des Areals widmen. Dafür hat er eine Reihe von Ideen – und ein wichtiger Schritt zu deren Verwirklichung ist es, auf der Fläche wieder einen Umschlagplatz für Bahntransporte, also eine Art kleinen Güterbahnhof, zu bauen. Für Ministerpräsident Weil ein „Vorhaben mit großer Symbolkraft für den Harz“, weshalb er auf seiner Abschiedstournee, wie der scheidende Regierungschef selbst sagte, am Donnerstag Station bei Knut Bettels in Oker machte.

Große Anlage geplant

Weil erinnerte daran, dass die Lage im Harz bei seinem Amtsantritt vor 13 Jahren ziemlich düster gewesen sei. „Die alte Industrie lieferte keine guten Nachrichten mehr, beim Tourismus lief es nicht gut, und der demografische Wandel traf die Region früher als andere mit voller Wucht.“ Heute sei der Harz zwar „noch nicht wieder das Paradies“, aber er habe sich sehr positiv entwickelt. Dafür stehe Bettels’ Großprojekt in Oker geradezu exemplarisch: Ein früherer Metallhüttenstandort, der in die Insolvenz gerutscht war – und der nun für neue Geschäftsmodelle genutzt werde, noch dazu im heutzutage so wichtigen Bereich von Kreislaufwirtschaft und Recycling, durch den Rohstoffe gesichert würden.

Knut Bettels verfolgt auf dem riesigen Industriegelände zwei konkrete Großprojekte – und hat ein weiteres im Hinterkopf. Besonders aktuell ist derzeit das Vorhaben, eine Anlage zur Aufbereitung teerhaltigen Straßenaufbruchs zu errichten. Die Antragsunterlagen dafür liegen derzeit in Goslar öffentlich aus, Verbände, Institutionen, Interessengruppen und Bürger können sie einsehen und Stellungnahmen dazu abgeben.

Neues Verfahren

Knut Bettels zeigte sich am Mittwoch guter Dinge, dass es keine wesentlichen Einwendungen und in der Folge auch keine großen Änderungen an den Plänen mehr geben werde. Er halte es deshalb für gut möglich, im Herbst für seine Firmen Industriepark und Verwertungszentrum Harz GmbH sowie Umweltdienste Kedenburg GmbH die Baugenehmigung zu erhalten und dann auch noch in diesem Jahr mit dem Bau der Anlage zu beginnen. Kommt das so, könnte der Betrieb nach Angaben des Unternehmers im ersten Quartal des Jahres 2027 beginnen.

Nach dem aktuellen Stand wäre es die einzige Anlage dieser Art in Deutschland. Das Verfahren wurde von der Firma Eisenmann Environmental Technology aus Holzgerlingen entwickelt und hat im Wesentlichen das Ziel, mit Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) belastetes Material nicht länger auf Deponien bringen zu müssen, sondern es durch Zerstörung der krebserregenden Stoffe wiederverwenden zu können. PAK sind in älterem Teer oft in Konzentrationen über dem gesetzlichen Grenzwert enthalten.

Krebserregende Stoffe sollen verglühen

Ein Beispiel vor der Haustür: Im Zuge des sechsspurigen Ausbaus der Autobahn 7 zwischen Bockenem und dem Dreieck Salzgitter vor elf Jahren wurde der alte Asphalt nicht fachgerecht entsorgt. Prompt landeten PAKs in zu hohen Dosen im Mittel- und Seitenstreifen der Autobahn. Bis heute streiten sich Baufirmen und Bund, wer den Schaden in zweistelliger Millionenhöhe tragen muss.

Bei dem neuen Verfahren, das Bettels in Goslar anwenden will, sollen die PAK und im Asphalt enthaltene Bindemittel bei 600 Grad Celsius regelrecht verglühen, während das eigentliche Straßenbau-Material, also die Rohstoffe, nach dem Abkühlen sortiert und erneut zur Herstellung von Asphalt und Beton eingesetzt werden können.

Die neue Anlage soll in einer 25.000 Quadratmeter großen und 15 Meter hohen Halle entstehen. „Das Baufeld ist schon aufgeräumt“, berichtet Bettels. Zwölf bis 15 Beschäftigte sollen sich nach Fertigstellung darum kümmern, dass pro Jahr bis zu 135.000 Tonnen Straßenaufbruch aufbereitet werden.

Altes Blei aus Batterien

Bereits seit 1984 steht auf dem Gelände eine Anlage zum Recycling klassischer Autobatterien. Diese bestehen laut Bettels zu bis zu 80 Prozent aus Blei – ein Rohstoff, der ebenso wiederverwertet werden soll wie wesentliche Bestandteile der Kunststoffgehäuse solcher Batterien. Doch nach gut vier Jahrzehnten im Betrieb „genügt die Anlage zunehmend nicht mehr den heutigen Anforderungen der Kunden“, wie der Hildesheimer Unternehmer erklärt. Erwartet werde heute eine praktisch hundertprozentige Trennung der Materialien, das könne die bisherige Technik nicht immer gewährleisten.

Deshalb plane er nun eine Erneuerung der Anlagen, den Bau einer hochmodernen Akkuschrott-Aufbereitung mit dem Ziel, Blei von höherer Qualität zurückzugewinnen – unter anderem durch Entschwefelung. Potenzielle Abnehmer gebe es nicht nur in Deutschland, sondern zum Beispiel auch in Polen und Griechenland.

Lithium als Fernziel

Trotz des sich langfristig anbahnenden Abschieds von der Verbrenner-Technologie rechne er noch für viele Jahre mit einem hohen Anfall an Autobatterien – und in den nächsten Jahren europaweit sogar mit einer Steigerung der zu recycelnden Mengen, erklärte Knut Bettels.

Und im Hinterkopf hat er – gemeinsam mit anderen Unternehmen – die Idee, auch E-Auto-Batterien wieder aufzubereiten – vor allem, um das darin verbaute Lithium zurückzugewinnen. Eine entsprechende Initiative hatte er mit anderen Firmen und Institutionen schon vor zwei Jahren gestartet. „Das ist aber sehr komplex und dauert wohl doch länger bis zur Serienreife, als wir am Anfang gedacht hätten“, räumt er ein. Aus dem Sinn sei das Thema aber keineswegs.

Windrad und Solarparks

Doch auch ohne Lithium-Rückgewinnung will der Hildesheimer mit seiner Unternehmensgruppe in Oker in den nächsten Jahren nach eigenem Bekunden rund 60 Millionen Euro investieren, die Zahl von aktuell 200 Arbeitsplätzen soll steigen. Dabei strebt Bettels auch an, den Standort möglichst energieautark zu betreiben. Zwei große Turbinen eines Wasserkraftwerks hat er schon erneuern und erste Photovoltaik-Module auf Dächer aufbringen lassen. Auf den abgedeckten Altlasten sollen zudem Freiflächen-Solarparks entstehen, und vor kurzem hat der Stadtrat von Bad Harzburg den Weg für den Bau eines Windrades auf dem 48 Hektar großen Areal freigemacht.

In seiner Ansprache hatte Stephan Weil an einen ersten Besuch auf dem gleichen Gelände vor 13 Jahren erinnert und die Veränderungen bis heute herausgehoben. Und zugleich angekündigt, vielleicht in 13 Jahren noch einmal zu schauen, wie es weitergegangen ist. Klar scheint: Es wird noch einmal ganz anders aussehen.

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