Duingen - Wächst der Ast vom Baum des Nachbarn über den Zaun oder gibt es böses Blut, wenn dieser das Unkraut aus seinem Garten nicht in Schach hält? Auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten kann schnell ein Wort das andere geben – manchmal wird gar mit dem Anwalt gedroht. Um die Wogen zu glätten und zu verhindern, dass das bisschen Grünzeug Gegenstand eines Gerichtsprozesses wird, sind Schiedspersonen zur Stelle. Sie vermitteln zwischen den Streithähnen und versuchen gemeinsam einen Kompromiss zu finden. Andreas Gelbrecht aus Duingen ist erfahrener Schiedsmann. Er erklärt, was sein Amt mit sich bringt und was potenzielle Streitschlichter wissen müssen.
Herr Gelbrecht, wie sind Sie zum Schiedsamt gekommen?
Es ist eine Aufgabe der Kommunen, Schiedspersonen vorzuhalten. Zu der Zeit, als in Duingen jemand gesucht wurde, war ich gerade im Rat tätig. Man erinnerte sich daran, dass ich bei der Krankenkasse arbeite und dort auch mit Rechtsgeschäften zu tun habe. Also wurde ich gefragt, ob ich stellvertretender Schiedsmann werden will.
Wie viel haben Sie denn zu tun? Streiten die Duinger viel?
Wir haben relativ wenige Fälle im Jahr zu bearbeiten – etwa drei bis vier. Im vergangenen Jahr ist es sehr ruhig gewesen, im Jahr davor ganz ruhig. Das war aber auch Corona geschuldet. Inzwischen wird es wieder etwas mehr.
Woran könnte das liegen?
Leider ist es – das ist meine persönliche Vermutung – durch die Corona-Pandemie dazu gekommen, dass man noch weniger miteinander kommuniziert. Da staut sich einiges an und dann kann der herüberhängende Zweig schon mal zu einem echten Problem werden.
Was wird denn in den meisten Fällen zum Gegenstand des Nachbarschaftsstreits?
Auf dem Land geht es überwiegend darum, dass das Unkraut durch den Zaun wächst oder der Baum zu dicht an der Grenze steht und zu hoch wird.
Jemand interessiert sich für das Schiedsamt. Was ist die erste Anlaufstelle?
Wenn man nur mal reinschnuppern möchte oder sich informieren will, sind natürlich wir Schiedsleute genau die Richtigen dafür. Wir haben die Praxis und können aus unserer Erfahrung heraus berichten. Ansonsten wären die Anlaufstellen die Gemeinden, die die Schiedsleute vorhalten müssen. Aber die können natürlich zu der eigentlichen Arbeit nicht viel sagen.
Welche Voraussetzungen gibt es denn, um Schiedsfrau oder Schiedsmann zu werden?
Es ist ein Mindestalter vorgeschrieben. Ich meine, das sind 35 Jahre (Anm. d. Red.: Laut Webseite des Bundes Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen liegt das Mindestalter je nach Bundesland zwischen 25 und 30 Jahren). Man muss eine gewisse Lebenserfahrung haben. Oft sind es ältere Personen, die sich streiten. Die lassen sich ungern etwas von einem 18- oder 19-Jährigen sagen. Außerdem sollte man ein gewisses Rechtsverständnis haben und sich nicht allzu viel zuschulden kommen lassen.
Und wie sieht es mit charakterlichen Eigenschaften aus?
Man sollte vermitteln können. Denn wir sind keine Juristen und wollen auch keine Juristen sein. Wir versuchen Rechtsfrieden herzustellen und das geht über ein Gespräch und die Findung eines Kompromisses. Dafür sollte man ein gewisses Maß an Rhetorik und Vermittlungsgeschickt mitbringen.
Gibt es einen Eignungstest?
Davon habe ich persönlich noch nichts gehört. Diejenigen, die mich damals angesprochen haben, kannten mich und meine Arbeit. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es vorher ein Gespräch gibt mit demjenigen, der darüber zu entscheiden hat. Sowas wird in den entsprechenden Rat eingebracht und da beschlossen, ob man denjenigen als Schiedsperson dem Gericht vorstellt. Die Gerichte entscheiden letztendlich, ob wir angestellt werden oder nicht.
Wofür lohnt es sich Schiedsperson zu werden?
Es ist spannend, weil man mit Menschen zu tun hat und helfen kann. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man aus so einer Verhandlung rausgeht und alle geben sich die Hände.
Gibt es etwas, was Sie an dieser Arbeit nervt?
Es gibt Dinge, die sind fordernd. Wenn sich zum Beispiel nur die Anwälte bei einem Schiedsmann melden. Das richtig Negative ist der Bürokratismus. Alles hat eine Form, die eingehalten werden muss. Dann kommt noch die Buchführung hinzu. Jeder Fall muss erfasst werden. Schön wäre es, wenn man in einem modernen Zeitalter das Ganze auch elektronisch machen könnte. Aber das muss alles in Papierform erfolgen. Doch das gehört nun mal dazu. Es muss ja auch etwas negatives geben und wenn es nur das ist.
Jemand kommt zu Ihnen und interessiert sich fürs Schiedsamt. Ihre erste Reaktion.
Herzlichen Glückwunsch, super! Unterhalten wir uns darüber. Ich empfehle auch, sich bei der Kommune, in der man wohnt, auf einer Liste erfassen zu lassen. Wenn dann jemand ausscheidet, hat man größere Chancen, nachzurücken. Es gibt in der Samtgemeinde auch Orte, in denen noch Schiedsleute gesucht werden. Da appeliere ich an jeden Interessierten, sich zu melden.
