Hildesheim - Das Gebiet zwischen der Bischofsmühle und dem Wasserkraftwerk Johanniswehr wird in dem kommenden zwei bis zweieinhalb Jahren zur Großbaustelle: Die Stadtentwässerung Hildesheim (SEHi) muss auf einer Strecke von gut 450 Metern den uralten Abwasserkanal im Untergrund erneuern. Deshalb ist mit zahlreichen Behinderungen für Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer zu rechnen. Phasenweise kann sogar die Dammstraße nur einspurig befahren werden.
Der alte, noch immer genutzte Kanal stammt aus der Zeit um 1900, einige Abschnitte sind sogar noch älter. Das allein wäre noch kein Grund gewesen, das bestehende Kanalsystem zu erneuern, denn die Altvorderen haben augenscheinlich solide Arbeit abgeliefert. Durch das Innerste-Hochwasser im Juni 2017 aber kamen am Eselgraben Erdmassen ins Rutschen und beschädigten das Rohr, das danach nur provisorisch geflickt werden konnte.
Abwasser aus einem Drittel der Stadt
Der Kanal ist auf diesem Streckenabschnitt ein sogenannter Hauptsammler, durch den sowohl das Abwasser als auch das Regenwasser aus einem Drittel des Stadtgebiets strömen: Alles Mischwasser, das von der Kalenberger Insel, aus der Neustadt, aus Itzum und von der Marienburger Höhe in Richtung Kläranlage geleitet wird, muss diesen Streckenabschnitt passieren.
Als der Kanal gebaut wurde, lebten in diesem Gebiet noch sehr viel weniger Menschen, zudem waren weite Teile, die heute versiegelt sind, damals noch natürliche Versickerungsfläche. Heute strömen, selbst wenn kein Tropfen Regen vom Himmel fällt, in jeder Sekunde 80 Liter Mischwasser durch das System, wenn es regnet, stiegt die Menge auf 1900 Liter – in jeder Sekunde.
Alte Trasse zu eng für neue Rohre
Deshalb soll das neue Kanalrohr mit einem Außendurchmesser von 140 und einem Innendurchmesser von 120 Zentimetern deutlich größer werden als das alte, das eiförmig nur 60 Zentimeter breit und 90 Zentimeter hoch ist. Mit dieser zukunftsweisenden Entscheidung stand die SEHi vor ihrem nächsten Problem. Nicht überall in der bestehenden Trasse und heutigen Bebauung ist genug Platz für diese Proportionen. An der Minia-Brücke etwa ließe sich ein so großer Kanal gar nicht unterbringen. Die Brücke wäre nicht zu retten gewesen.
Nach langer Planung und Abwägung aller Alternativen steht die neue Streckenführung nun fest – und dürfte in der nächsten Zeit zu etlichen Behinderungen führen, auch wenn die Bauarbeiten in mehreren Abschnitten ausgeführt werden. Dabei baut die SEHi gegen die Fließrichtung und beginnt mit der Einrichtung der ersten Baustelle schon am kommenden Montag.
Wunderwerk unter dem Kanaldeckel
Start ist oberhalb der kleinen Anhöhe, an der der Eselgraben, in manchen Karten Eselsgraben genannt, in die Innerste mündet. Unter einem unauffälligen Kanaldeckel mitten auf dem Fuß- und Radweg verbirgt sich nämlich ein kleines technisches Wunder, das Fachleute Düker nennen: Das Mischwasser stürzt hier sechs Meter in die Tiefe, wird unter der Innerste durchgeleitet und am andere Ufer wieder nach oben gelenkt. Möglich ist das ganz ohne Pumpen, weil nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren sich der Wasserstand angleicht.
Dieser Düker bleibt unangetastet. Schwere Baufahrzeuge aber werden anrücken und für die Rohrleitungen die Wiese hinter der Mühle aufreißen. Dann verschwenkt die Baustelle nach links, respektive Norden in Richtung Bischofsmühle, führt vor den Wohnhäusern vorbei bis zur Ampel in Richtung Dammstraße. Sowohl auf der Bischofsmühlen-Wiese als auch auf dem Parkstreifen vor der Innerste werden Materiallager angelegt. Auf den Lagerplätzen wird auch der Aushub gesammelt, um ihn später frisch gereinigt wieder zu verfüllen.
Dammstraße halbseitig gesperrt
Im dritten der insgesamt acht Bauabschnitte geht es voraussichtlich im November über die Dammstraße in Richtung Johannisstraße, darauf folgend werden wohl im Januar in der Dammstraße zwischen der Kreuzung und der Minia-Brücke bei Gärtnerei Schneider getrennte Schmutzwasser- und Regenwasserkanäle sowie Hausanschlüsse und Straßenentwässerung gebaut. Das heißt aber auch: Die Dammstraße muss halbseitig gesperrt werden, ein Abbiegen in den Seitenarm der Dammstraße Richtung Mühle und auch in die Johannisstraße sind nicht mehr möglich. Die Kalenberger Insel ist damit nur noch über die Zufahrt Lucienförder Straße möglich.
Voraussichtlich im März 2022 hat die Wanderbaustelle die Johannisstraße erreicht, die dortigen Parkplätze werden nun ebenfalls zum Materiallager. Weiter geht es über den bestehenden Pflasterweg über den Johannisfriedhof bis auf Höhe des Wasserkraftwerks. Dort gibt es ebenfalls einen Düker, an dem die Bauarbeiten enden. Der bei Fußgängern, Joggern und Radlern gleichermaßen beliebte Weg am Wasserkraftwerk entlang wird nicht mehr passierbar sein. Zudem werden in der Grünanlage einige Bäume weichen müssen.
Bombenfunde nicht ausgeschlossen
Die Arbeiten werden begleitet von Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes, weil aufgrund von Luftbildauswertungen durchaus mit Weltkriegsbomben zu rechnen ist, und von Archäologen, die noch vor den Baggern in dem seit Jahrhunderten besiedelten Gebiet graben werden. Sie werden auch sämtlich Grabsteine des Johannisfriedhofs entfernen – und später wieder aufstellen lassen.
3,2 Millionen Euro Kosten
Im letzten Bauabschnitt wird der alte Mischwassersammler im Böschungsbereich des Eselgraben stillgelegt und verfüllt. Während der Bauarbeiten am Johannisfriedhof wird vorübergehend eine oberirdische Abwasserleitung durch die Große Venedig geführt. Die SEHi rechnet mit Baukosten von 3,2 Millionen Euro, von denen das Land 900 000 Euro übernimmt. Danach, verspricht SEHi-Bereichsleiter Michael Ködding, sollte das System die nächsten 100 Jahre halten.

