So sieht’s drinnen aus

Wohnhaus, Büro, Bordell – und jetzt Lost Place: Exklusive Einblicke in eine Villa im Kreis Hildesheim mit wechselvoller Geschichte

Hoheneggelsen - Verlassene Gemäuer, zerfallene Fabriken, Häuser, die die Natur verschlungen hat: Das sind Lost Places, die es auch im Raum Hildesheim gibt. Die HAZ gibt exklusive Einblicke – diesmal in eine schicke Villa mit zweifelhaftem Ruf. (Mit Video)

Höchst wechselhafte Geschichte: Die Villa zwischen Bahnhof Hoheneggelsen und Sondermülldeponie. Foto: Andrea Hempen

Hoheneggelsen - „Herr Direktor? Darf ich ihnen ihren den 9-Uhr-Kaffee bringen?“ Die Sekretärin hatte nach dem Anklopfen sachte die mit braunem Leder gepolsterte Tür geöffnet. Sie sah Direktor Jahns, der hinter seinem großen Eichenschreibtisch saß und in Papiere vertieft war.

Jahns und seine Familie hatten die Villa nach deren Fertigstellung um 1900 bezogen. Damals ist auch der verzierte Eichenschrank mit den Glasscheiben in Jahns Büro eingebaut worden. Darin die Bücher der Ziegelei, die Jahns betrieb.

Gebäude steht lange leer

So könnte es gewesen sein. Damals, als Familie Jahns etwa einen Kilometer von Hoheneggelsen entfernt in der Villa lebte. So schick wie zu jener Zeit sieht es im Gebäude nicht mehr aus. Seit beinahe 20 Jahren steht das Gebäude leer. Naja, nicht ganz. Offenbar hat eine Marderfamilie die Immobilie okkupiert.

Thorsten Holzgreve vom Niedersächsischen Landesamt für Bau und Liegenschaften zieht den Haustürschlüssel aus einer Tüte. Die Villa gehört dem Land Niedersachsen, und das sucht seit geraumer Zeit einen Käufer. Aktuell sehe es so aus, so Holzgreve, dass ein Käufer gefunden sei. Das Land hat als Richtwert für das Gebotsverfahren 65.000 Euro angesetzt.

Ein Fleischermeister mit Informationen

Ohne Mühe lässt sich der Schlüssel im Schloss drehen. Hinter der Glasscheibe der Eingangstür ein alter Zettel in einer Klarsichthülle: „Die Post für die niedersächsische Sonderabfalldeponie Hoheneggelsen GmbH i.L. In den Briefkasten „Ziegeleiweg 6) einwerfen“, steht darauf. Die Villa hat die Hausnummer eins im Ziegeleiweg. Damit ist auch schon etwas über die Geschichte zu erfahren.

Denn gegenüber dem Bahnhof ist früher Ton abgebaut und zu Ziegeln verarbeitet worden. Sonderlich viel ist über die Geschichte der Ziegelei und der Villa allerdings kaum bekannt. Im Archiv der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung finden sich keine Details über das Haus, im Internet gibt es nur wenige Informationen zur Ziegelei. Doch Horst Werner, Fleischermeister in Hoheneggelsen und Einheimischer, erweist sich als gute Quelle für einige Informationen. „Ich war als Kind, so etwa mit acht Jahren mal zum Kindergeburtstag in der Villa“, erinnert sich der 84-Jährige. Eberhard Jahns, der Sohn des Bauherrn, hatte zwei Töchter, eine war Werners Klassenkameradin.

Es riecht gar nicht schlecht

Die Luft im Haus ist abgestanden, aber es stinkt nicht modrig oder schimmelig. Holzgreve öffnet trotzdem gleich ein Fenster im Erdgeschoss. In der Fensterbank liegen Generationen von toten Insekten, auf dem Boden Nadelfilz. In jedem Raum. Die blaue Auslegeware ist ein krasser Gegensatz zum sehr gut erhaltenem Stuck an der hellblauen Decke.

Vielleicht war der Raum einst das Wohnzimmer der Familie? Die Doppelfenster haben mehrfach geteilte Oberlichter. Mit wie viel Liebe zum Detail ist um die Jahrhundertwende gebaut worden! Die Zimmertüren sind Schmuckstücke des Tischlerhandwerks, die alten Beschläge erhalten.

Zwei Scheiben eingeschlagen

Irgendwelche Banausen haben teilweise die mehrteiligen Fenster durch Thermopenfenster ersetzt. Aber größtenteils sind die Originale noch vorhanden. In einem Zimmer allerdings nur noch die Rahmen, denn die Scheiben wurden eingeschlagen. Bretter sind nun davor genagelt.

Zehn Zimmer hat das Haus, wie die Einteilung ursprünglich gewesen ist, würde wohl nur ein alter Grundriss zeigen. Sicherlich wird es früher eine Küche im Erdgeschoss gegeben haben. Steigt man die gut erhaltene Eichentreppe hinauf, so findet sich auf halber Treppe eine Toilette im 80er-Jahre-Schick: alles in beige.

Hinterlassenschaften von Mardern

Beim Betreten des Obergeschosses fallen kleine Köttel auf dem beigen Nadelfilz auf, offenbar haben sich Marder umgesehen und hier und da etwas fallenlassen. Das mindert aber nicht den schönen Blick auf die aufwändig gearbeitete Zwischentür, die den Flur und drei Räume von einem anderen Bereich trennt. Das Kontor? Ist hier einst Jahns Sekretärin hindurchgegangen, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen?

Geradeaus geht es in das Büro des Direktors. Vermutlich jedenfalls wird es sein Arbeitszimmer gewesen sein, in dem sich der edle Einbauschank aus Eiche befindet. Auch das Lohnbüro war wohl auf der Etage. In einem der oberen Räume liegt ein Schutthaufen. Darüber ein Loch in der Decke, die Balken des Dachbodens sind zu sehen. Offenbar ein Wasserschaden, der sich von oben bis in die direkt darunter liegenden Zimmer auswirkt.

Ebenfalls im ersten Stock eine Küche mit Boiler, Kühlschrank, an dem die Abfallregeln auf einem Zettel stehen, und Arbeitsfläche – alles ebenfalls im Stil der 1980er. Vermutlich haben die Mitarbeiter der Sondermülldeponie ihre Pausenbrote hier gegessen. Und noch vor mehr als 20 Jahren waren es wohl vornehmend Frauen, die die Küche nutzten: Mitarbeiterinnen des „Femina“ – eines Bordells.

Fleischer Werner erinnert sich noch, als drei seltsame Männer mit ihren großen Hunden in seine Metzgerei kamen. Er wusste, dass die das Gebäude gekauft hatten und dort den Puff, wie es im Ort hieß, betrieben. „Aber die Hunde dürfen hier nicht mit rein“, wies Werner an. Aus dem Femina kamen in der Folgezeit öfter Essensbestellungen, die dann der Hausmeister abholte. Schnittchen gingen immer. Das Bordell in Bahnhofsnähe soll nicht schlecht gelaufen sein.

Fässer mit Gift aus Seveso?

Bis 1971 ist in Hoheneggelsen Ton abgebaut worden. Danach kaufte ein Privatunternehmen das Areal, um dort Sondermüll einzulagern. 1987 war es dann die Gesellschaft Niedersächsische Sonderabfalldeponie Hoheneggelsen, die das gefährliche Geschäft übernahm. Im Dorf wird bis heute davon ausgegangen, dass in Hoheneggelsen auch Giftfässer aus dem italienischen Seveso in der Erde landeten.

1976 war in Seveso ein Chemiereaktor explodiert – eine Umweltkatastrophe, die die ganze Welt bewegte. Bei einem Brand auf der Deponie vor Jahrzehnten, meinten Feuerwehrmänner, seltsame Fässer gesehen zu haben und sahen ihren Verdacht bestätigt. Auch wird erzählt, dass so manch ein Mitarbeiter plötzlich an Krebs gestorben war.

Was wird aus der alten Villa?

Von den Damen des horizontalen Gewerbes sind keine Spuren mehr zu sehen. Der Briefkasten im Flur des Erdgeschosses mit der Aufschrift „Betriebliches Vorschlagswesen“ dürfte wohl noch aus der Deponiezeit stammen. Die ist 2008 endgültig stillgelegt worden.

Was aus der alten Villa wird, steht in den Sternen. Das Haus sei planungsrechtlich nicht für Wohnzwecke bestimmt, erklärt Holzgreve. Und es stehe innen wie außen unter Denkmalschutz. Kindergeburtstagsfeiern wird es hier wohl nicht mehr geben. Und wohl auch keinen 9-Uhr-Kaffee mehr für Herrn oder Frau Direktor.

Fakten zur Villa

Das Gebäude, Baujahr um 1900, hat zehn Zimmer und eine Wohnfläche von 266 Quadratmetern auf zwei Etagen. Es gibt einen großen Keller und einen Dachboden. Das Grundstück ist 934 Quadratmeter groß. Seit gut 15 Jahren steht das Gebäude leer. Die Heizungsanlage ist stillgelegt. Einen richtigen Garten gibt es nicht. Die Villa steht an der Straße nahe den Bahngleisen. Der Hof ist gepflastert und dient Pendlern als Parkplatz.


Hinweis in eigener Sache: Lost Places dürfen nicht einfach so von jedem besucht werden. Das unerlaubte Betreten von fremdem Eigentum stellt den Straftatbestand des Hausfriedensbruchs dar. Wir weisen an dieser Stelle deshalb explizit auf die geltenden Gesetze hin. Für die Lost Places, die wir auf unserer Webseite vorstellen, hatten wir uns im Voraus das Einverständnis der jeweiligen Eigentümer eingeholt, für die Berichterstattung die Grundstücke und Gebäude betreten zu dürfen.

  • Region
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.