Kolumne Zweitstimme

Das Ende der Politikverdrossenheit: Kleine Parteien links und rechts wachsen rasant

Hildesheim - Politikverdrossenheit war gestern: Zwar sind CDU und SPD seit Jahren im Sinkflug, doch die kleinen Parteien links und rechts der Mitte wachsen – die Polarisierung der Gesellschaft hat zur Politisierung geführt, schreibt HAZ-Redakteur Rainer Breda in seiner HAZ-Kolumne Zweitstimme.

HAZ-Redakteur Rainer Breda beschäftigt sich in seiner HAZ-Kolumne Zweitstimme mit dem politischen Geschehen in Stadt und Landkreis Hildesheim. Foto: HAZ_Archiv

Hildesheim - Es ist noch gar nicht allzu lange her, da war der Begriff Politikverdrossenheit in aller Munde. Zurecht, wie sich auch in der Beteiligung bei Bundestagswahlen zeigte: Diese lag 2009 bundesweit nur noch knapp oberhalb von 70 Prozent. Also deutlich niedriger als in den 1970er-Jahren, in denen es Werte von über 90 Prozent gab. Gleichzeitig erlebten die großen Parteien SPD und CDU einen steten Sinkflug ihrer Mitgliederzahlen, der bis heute anhält. Und doch ist von Politikverdrossenheit kaum noch etwas zu hören.Im Gegenteil: Die Polarisierung der Gesellschaft hat zur Politisierung geführt. Auch im Landkreis Hildesheim.

Die hiesige Linke verkündete gerade, sie habe ihre Mitgliederzahl binnen eines Jahres auf fast 400 verdreifacht. Die Grünen sind binnen eineinhalb Jahren von knapp 400 auf jetzt 600 Köpfe angewachsen. Den ersten Schub bei ihnen gab es nach den Enthüllungen des Recherchenetzwerks Correctiv über das Remigrationstreffen rechter Kräfte in Potsdam. Doch der Zuwachs hält seither weiter an. Die Menschen wollten dem Rechtsruck etwas entgegensetzen, ist sowohl von Linken als auch Grünen zu hören.

AfD-Kreisverband berichtet von einer Verdreifachung der Mitgliederzahl in den vergangenen zwei Jahren

Denn auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums tut sich etwas: Die Zahl der AfD-Mitglieder steigt, auch im Kreis Hildesheim – sie hat sich in der Region nach Angaben der Partei in zwei Jahren verdreifacht. Ob das angesichts der demokratiezersetzenden Ausrichtung der Partei eine gute Nachricht ist, steht allerdings auf einem völlig anderen Blatt.

Klar ist: Die allgemeine Politisierung links und rechts schlägt sich in der Wahlbeteiligung nieder; sie lag in der Region im Februar mit 83,7 Prozent sogar über dem Bundesdurchschnitt. Die Zeiten, in denen sich viele Menschen von der Politik abwenden, sind vorbei. Und auch die Mitgliederzahlen von SPD und CDU im Kreis können sich noch sehen lassen – nicht im Vergleich mit früheren Werten, aber mit Blick auf die Zahl der Bevölkerung schon. Das Interesse an Politik – es ist wieder da.

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