Hildesheim - Es ist das Jahr 2018, als Frank Meyer groß in den Hildesheimer Sport investiert. Genauer: in den American Football und die Hildesheim Invaders. Wenig später gibt der neue Hauptsponsor des Teams das Ziel aus, Deutscher Meister zu werden, und verkündet kurz darauf, in Hildesheim ein Stadion für 6500 Zuschauer bauen zu wollen. Wer sich damals verwundert im Umfeld der Invaders umhört, woher der Inhaber eines Orthopädietechnik-Betriebs eigentlich das ganze Geld habe, bekommt von einem zu hören: „Der hat da wohl so einen Typen an der Hand, der tradet für ihn, das läuft wohl ziemlich gut.“
Kunden kamen über Mundpropaganda
Dieser Typ von damals, das ist der gelernte Tischler und Investment-Autodidakt Thomas Bertram. Der sitzt im Januar 2026 zusammen mit Frank Meyer weiter Woche für Woche in einem Saal des Landgerichts Hildesheim auf der Anklagebank. Die beiden hatten 2018 gemeinsam die Firma Bertram & Meyer gegründet, und von außen betrachtet liefen die Geschäfte lange gut. Zufriedene Anleger sorgten schließlich per Mundpropaganda dafür, dass der Kundenstamm stetig wuchs.
Doch in dem Betrugsprozess, dem sich die einstigen Geschäftsführer der im Dezember 2024 kollabierten Firma seit September 2025 stellen müssen, stellt sich an jedem weiteren Prozesstag erneut die Frage, wer überhaupt Struktur und Geschäfte der GmbH vollends durchschaut hat. War wirklich alles auf das „Hirn“ des Unternehmens Thomas Bertram zugeschnitten und Frank Meyer war der naive Co-Chef, der keine Details kannte, aber nur zu gerne das Geld für sich privat und andere von ihm geführte Firmen verwendete, das über die Investmentfirma reinkam – wie auch immer?
Bertrams Verteidiger Gerold Papsch ist fortlaufend bemüht, seinen Mandanten als fähigen Investmentexperten darzustellen, dem Ende 2024 beim Handel zwar entscheidende Fehler unterlaufen seien, die zum Totalverlust des Anlegerkapitals geführt hätten – keineswegs aber habe Bertram Kunden betrogen oder gar Geld illegal beiseite geschafft, um es später privat nutzen zu können.
Folgt noch nach dem Straf- noch ein Zivilprozess?
Daran wiederum glaubt Andreas Heintz nicht. Der Rechtsanwalt verfolgt den Gerichtsprozess im Auftrag mehrerer früherer Anleger von Bertram & Meyer aufmerksam, macht sich während der Aussagen ausführliche Notizen. „Ich sammele Informationen für einen eventuellen Zivilprozess“, erklärt er gegenüber der Redaktion. Heißt: Wie auch immer das derzeitige Verfahren vor der Wirtschaftsstrafkammer ausgeht, an dessen Ende für Meyer und Bertram bei einer Verurteilung Haftstrafen stehen könnten – beide müssen auch noch mit einer Klage vor einer Zivilkammer rechnen. Mehrere Anleger hoffen, noch etwas von ihrem verlorenen Kapital zurückzubekommen.
Ein wenig Licht ins Dunkel der Bilanzen der Bertram & Meyer GmbH sollte Dienstag am siebten Verhandlungstag eine frühere Mitarbeiterin von Frank Meyer bringen, die für mehrere von dessen Firmen die Buchhaltung zu erledigen hatte. Doch die 62-Jährige kann wenig zur Aufklärung beitragen.
Ob sie es nicht irgendwie seltsam gefunden habe, dass die Bertram & Meyer GmbH für angebliche Software-Dienstleistungen monatlich 20.000 Euro an die ebenfalls von Frank Meyer geführte Firma FTS Innovations gezahlt habe, obwohl nicht ersichtlich sei, dass die Summe durch entsprechende Leistungen gerechtfertigt gewesen wäre, will der Vorsitzende Richter Thorsten Eikenberg wissen. „Ich fand, dass es eine hohe Summe ist“, erklärt die Zeugin dazu. Aber: „Ich habe nicht weiter nachgefragt.“ Dass die erst 2020 erstellte Bilanz für das Geschäftsjahr 2018 in zwei Versionen existierte und die zweite – mutmaßlich gefälschte – im Gegensatz zur ersten um rund 200.000 Euro höher ausfiel: sei ihr nicht aufgefallen, sagt die Mitarbeiterin.
Buchhalterin: „Habe nicht nachgefragt“
Der Richter verweist auf zu spät und später gar nicht mehr erstellte Jahresabschlüsse der Firma. Sie habe immer wieder nach Belegen fragen müssen, weil ihr die Unterlagen gefehlt hätten, sagt die Zeugin. Eikenberg: „Bei wem?“ Zeugin: „Mein Ansprechpartner war hauptsächlich Thomas Bertram.“ Eikenberg: „Was haben Sie ihm gesagt?“ Zeugin: „Dass ich die Belege brauche, ich habe so oft daran erinnert, wie ich konnte, ich bin aber vertröstet worden. Ich kann mir die ja nicht aus dem Hut zaubern.“ Eikenberg: „Sie geben mir recht, dass das mit ordnungsgemäßer buchhalterischer Tätigkeit nicht mehr viel zu tun hatte?“ Zeugin: „Es war schwierig, ja.“
Die 62-Jährige hat selbst nicht bei der Firma ihres Chefs und dessen Kompagnon investiert. „Ich habe kein Geld über gehabt“, sagt sie. Sie habe damals nur rund 2200 Euro brutto verdient, „sonst hätte ich es vielleicht getan.“
Viele andere taten es. Am kommenden Prozesstag, 13. Januar, sollen die ersten Zeugen aussagen, die auf die hohen Zwölf-Prozent-Rendite-Garantien vertraut und bei Bertram & Meyer investiert hatten.
