Reportage

Das fast perfekte Verbrechen: Die Entführung des Borsumer Maibaums vor 28 Jahren

Harsum/Borsum - Als in diesem Jahr der Harsumer Maibaum gestohlen wurde, war das die Revanche für eine Tat vor 28 Jahren: Fünf Harsumer entführten damals den Borsumer Baum. Dahinter steckt eine jahrhundertealte Rivalität.

Harsum/Borsum - Es geht auf Mitternacht zu an diesem 26. April 1997. Die fünf Freunde, es ist ein Samstag, haben sich Mut angetrunken in der Kneipe KJ in Harsum. Nun sind sie zu Fuß ins benachbarte Borsum gegangen. Einen Teil des Alkohols haben sie während dieses Marsches schon abgebaut. Aber dafür schütten ihre Körper jetzt Adrenalin aus. Die Truppe schleicht auf den Hof Hagemann direkt am Heinrich-Ruhen-Platz mitten in Borsum. Auf dem Weg zum Scheunentor plötzlich eine Schrecksekunde: Der Bewegungsmelder wird aktiviert und der Hof in grelles Licht getaucht. Werden sie jetzt erwischt? Ist ihr Plan zum Scheitern verurteilt?

28 Jahre später stehen zwei der Täter von damals ganz in der Nähe auf dem Heinrich-Ruhen-Platz. Nils Kreipe und Udo Heinemann blicken auf den Maibaum, der in den frühlingsblauen Himmel ragt. Das war damals das Objekt der Begierde. Also nicht derselbe Baum, inzwischen ist es ein anderer. Damals ist es der erste Maibaum überhaupt in Borsum. Die aus Süddeutschland stammende Tradition, einen mit einer bunten Krone verzierten Stamm auf dem Dorfplatz aufzustellen, war damals in der Hildesheimer Börde noch nicht so verbreitet wie heute.

In Ehren ergraut

Heinemann und Kreipe sind inzwischen 55 Jahre alt und in Ehren ergraut. Doch den Männern sitzt immer noch der Schalk im Nacken. Die Geschichte, wie sie damals den Maibaum gestohlen haben, erzählen sie an diesem Tag nicht zum ersten Mal, das merkt man. Es macht den beiden Männern sichtlich Spaß, von ihrer Heldentat zu berichten.

Täter, Motiv und Gelegenheit braucht es, damit es zu einem Verbrechen kommt. Das weiß heute jeder Krimi-Leser. Was also war das Motiv dafür, den vermutlich tonnenschweren Baum aus Borsum nach Harsum zu entführen? Das ist einerseits schnell erklärt und andererseits überaus kompliziert – und geht tief in die Geschichte der beiden Nordkreis-Dörfer.

Nicht die Borsumer sind uns auf den Sack gegangen, sondern der Maibaum.

Udo Heinemann

In Harsum gibt es damals schon länger einen Maibaum, erinnern sich Heinemann und Kreipe. Und im Jahr 1997 wollte das Nachbardorf dann auch einen aufstellen. „Borsum hat nachgezogen“, betont Heinemann. Und das hat die Harsumer aufgeregt. „Nicht die Borsumer sind uns auf den Sack gegangen, sondern der Maibaum.“ Der Baum sollte nämlich angeblich länger als der Harsumer sein. Und das wollten die Harsumer natürlich nicht auf sich sitzen lassen.

Die Länge ist aber – wie so oft – nicht das Entscheidende. Die Harsumer regen sich auch darüber auf, dass die Borsumer die Vorbereitungen zur Maibaumaufstellung sehr öffentlichkeitswirksam ausschlachten. Wie die Rotfichte ausgesucht wurde, wie sie gefällt wurde, wie sie geschält wurde. Für all das seien damals eigene Artikel im Gemeindeblatt Halokaz veröffentlicht worden, erinnern sich Heinemann und Kreipe.

Da haben wir gesagt, wir machen denen einen Strich durch die Rechnung

Nils Kreipe

Auf einer Geburtstagsfeier wird dann aus der Wut der Harsumer ein konkreter Plan. Bei der Party hängt ein Zinnteller mit dem Harsumer Wappen an der Wand, erinnert sich Udo Heinemann: „Und so kam das Thema auf die Borsumer.“ Und schnell reift der Plan, es dem Nachbardorf mal so richtig zu zeigen. „Da haben wir gesagt, wir machen denen einen Strich durch die Rechnung“, erinnert sich Kreipe.

Und die Harsumer Männer wollen nicht einfach so spontan zuschlagen, sondern planen ihre Tat von langer Hand. Dazu machen sie erst mal eine Erkundungsfahrt. „Da haben wir die möglichen Fluchtwege gesucht“, erinert sich Heineman. „Du kannst ja nicht mit dem Maibaum über die Landstraße gehen“, sagt Kreipe. Sie finden schließlich einen Weg, über den sie den schweren Stamm relativ schnell in die Feldmark ziehen und von dort hoffentlich unerkannt bis in ihr Heimatdorf ziehen können.

Die waren ja faul

Udo Heinemann

In der Tatnacht haben sie dann Glück. Die Schrecksekunden, nachdem der Bewegungsmelder ausgelöst hat, werden sich wie eine Ewigkeit angefühlt haben. Aber es folgt keine weitere böse Überraschung. Niemand sieht sie. Und sie können ihren Tatplan weiter ausführen. Das Scheunentor ist offen. Dass sich der Maibaum dort befindet, wissen sie zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Wo die Borsumer ihren Maibaum lagern, auf den sie so stolz sind, konnten sie im Vorfeld nicht herausfinden.

Doch die Maibaum-Entführer haben Glück. In der Scheune liegt tatsächlich das gute Stück. Nur wenige hundert Meter entfernt vom geplanten Aufstellort. „Die waren ja faul“, sagt Heinemann lachend: „Hätte ich auch so gemacht.“ Nun geht es daran, den etwa 16 Meter langen Baum aus der Scheune und auf den Handwagen zu hieven. Das gelingt auch noch ganz gut. Aber als sie dann schon auf dem Dorfplatz sind und die leichte Anhöhe zur Straße Am Hohen Turm meistern, wäre es beinahe doch noch zum Desaster gekommen.

Wir hätten fast aus dem Fiesta einen Schaschlik-Spieß gemacht

Udo Heinemann

An der Langen Straße parkt ein Ford Fiesta. Heinemann sieht die Situation noch heute vor sich, als wäre es gestern gewesen. Nur ganz knapp schaffen sie es, den Karren so um die Kurve zu bugsieren, dass der Maibaum den Kleinwagen nicht berührt. „Wir hätten fast aus dem Fiesta einen Schaschlik-Spieß gemacht“, sagt der 55-Jährige.

Der Rest ist verhältnismäßig einfach. Natürlich brauchen sie lange, um ihre schwere Beute zu Fuß nach Harsum zu bringen. Gelagert wird er zunächst im Garten der Stammkneipe. Gegen 4 Uhr ist Udo Heinemann zuhause. „Wo kommst du denn her?“, fragt ihn seine Frau damals entgeistert. Um 6 Uhr beginnt dann die Arbeitsschicht für ihn.

Lange Rivalität zwischen Borsum und Harsum

Dass die Harsumer damals überhaupt provoziert wurden durch den vermeintlich größeren Maibaum im Nachbardorf, hängt auch mit der traditionellen Rivalität der beiden Nachbardörfer zusammen. Man kennt das ja: Köln und Düsseldorf, Hannover und Braunschweig, Mainz und Wiesbaden. Es wird über die jeweils andere Stadt gelästert – und vor allem über deren Einwohnerschaft. Und das gibt es auch auf dem Land. Eine traditionelle Rivalität etwa hat es vor allem in früheren Zeiten zwischen Groß und Klein Giesen gegeben. Inzwischen ist aus den beiden Dörfern längst eins geworden.

Nirgendwo in der Region aber dürfte die Feindschaft zwischen zwei Orten so ausgeprägt sein wie zwischen Borsum und Harsum. Laut einer Legende entzündete sich der Streit einst darüber – auch hier geht es wieder um die Länge – wer den höheren Kirchturm hat. „Es sollen einmal Leute aus Borsum auf den Harsumer Kirchtum gestiegen sein, um das zu messen“, berichtet der Harsumer Heimatpfleger Siegfried Mehwald. Dazu benutzten sie gemäß der alten Legende einen Strick. Die Harsumer gaben den Borsumern dann aber Bier und machten sie betrunken. Und während sie ihren Rausch ausschliefen, sollen die Harsumer dann den Strick gekürzt und die Messung so zu ihren Gunsten verfälscht haben.

Das ist schon ein sehr selbstbewusstes Völkchen.

Siegfried Mehwald, Heimatpfleger

Aber woher kommt die Leidenschaft bei der Rivalität zwischen den Borsumern und Harsumern? So ganz genau weiß das auch Heimatpfleger Mehwald nicht. Aber die Feindschaft dürfte älter sein als die Kirchturm-Legende. Mehwald sieht in der Schlacht bei Dinklar einen wichtigen Erklärungsansatz. Dabei setzten sich die Truppen des Bischofs von Hildesheim erfolgreich gegen eine Allianz der Welfen durch. Und auf Seiten des Hochstifts Hildesheims kämpften auch Harsumer Bürger mit – und bekamen im Anschluss für ihren Einsatz ein Extra-Lob vom Hildesheimer Bischof Gerhard vom Berge. Darauf sei man damals in Harsum sehr stolz gewesen, so Mehwald.

Und dieser Stolz wurde in den kommenden Jahren noch weiter gestärkt. Etwa dadurch, dass Harsum ein bekannter Standort von Käsereien war. Mehr als 40 Käsebäcker soll es vor dem Ersten Weltkrieg in Harsum gegeben haben. Hinzu kam noch der Standort der Zuckerfabrik sowie das Recht der Harsumer, ihren Pfarrer selbst zu wählen, zählt Mehwald auf: „Das ist schon ein sehr selbstbewusstes Völkchen.“ Und dieses Selbstbewusstsein wird im Nachbardorf wohl auch öfters mal als Arroganz wahrgenommen.

Die Schlacht bei Dinklar oder andere geschichtliche Hintegründe haben die fünf Harsumer Maibaum-Entführer 1997 nicht im Kopf, als sie nach der Tat die weiteren Schritte planen. Zunächst einmal werden die beiden Bäume nebeneinander gelegt und gemessen. Was genau dabei herauskommt, weiß heute niemand mehr so genau. Aber das Entscheidende ist: Der Borsumer Baum ist nicht länger als der Harsumer. Ihr Diebesgut können sie jetzt nicht länger an der Kneipe lagern. Zu groß ist die Gefahr, dass sich die Borsumer ihr Eigentum zurückholen. Stattdessen bringen sie ihn in Heinemanns Garten, schieben nachts sogar Wache.

Und dann geht ihr Plan ja auch noch weiter. 50 Liter Bier wollen sie erpressen. Doch da war etwas schief gelaufen in der Tatnacht bei dem ansonsten nahezu perfekten Verbrechen. „Der eine Kollege hatte die Aufgabe, aufs Bier aufzupassen und das Erpresserschreiben dort zu hinterlegen“, berichtet Kreipe. Über den Namen ihres Komplizen schweigen sich die beiden aus. Aber offenbar ist dieser durch Alkohol, Adrenalin oder beides etwas neben der Spur. Jedenfalls ist am Ende das Bier weg – und das Erpresserschreiben haben sie auch noch dabei.

Verhandlungen übers C-Netz

Den Brief, mit Frakturschrift ausgedruckt, werfen sie dann schließlich in den Briefkasten der Harsumer Druckerei Köhler. Die Details der Übergabe verhandeln sie dann am Montag nach der Tat per Telefon. Und zwar mit einem C-Netz-Gerät. Das sind die Handys der damaligen Zeit. Allerdings alles andere als handlich, sondern eher von der Größe eines Aktenkoffers. Doch die moderne Technik ist nötig, damit man den Anruf nicht zurückverfolgen kann, erklärt Heinemann. Die Borsumer wollen dabei noch das zu übergebende Biervolumen von 50 auf 30 Liter herunterverhandeln, erinnert sich Heinemann. Aber nicht mit den Harsumern. „Dann kriegt ihr aber auch nur für 30 Liter Baum“, ist die Antwort auf der anderen Seite der Leitung. Und so einigt man sich schnell darauf, dass es bei 50 Litern bleibt, die von der Arbeitsgemeinschaft Borsumer Vereine zur Verfügung gestellt wird.

Am 1. Mai bringen die Entführer den Baum zurück. Diesmal auf dem direkten Weg und nicht auf verschlungenen Feldwegen. Am Ortsausgang nehmen die Borsumer den Baum in Empfang. Und man feiert natürlich gemeinsam am Borsumer Maibaum. Happy-End im Maibaum-Krimi.

Auf jeden Fall war das eine extrem witzige Aktion.

„Im Endeffekt ist es ja eine Mordsgaudi gewesen“, sagt Heinemann: „Auf jeden Fall war das eine extrem witzige Aktion.“ In diesem Jahr gab es die Revanche. Auf einem Polterabend in Borsum am Vorabend des 1. Mai 2025 reift die Idee, Rache zu nehmen und den Harsumer Baum zu stehlen. Eine Gruppe von 15 jungen Leuten macht sich schließlich auf den Weg und nimmt den Baum mit nach Borsum. Und auch diesmal wird er mit 50 Litern Bier wieder ausgelöst und es gibt eine fröhliche Party beider Dörfer. So schlimm kann es also nicht sein mit der Rivalität. Schließlich kann man auch miteinander feiern. Aber die Sticheleien zwischen Borsumern und Harsumern werden wohl auch die nächsten Jahrhunderte noch weitergehen. Es ist ein gutes Gefrotzel“, sagt Heinemann und kündigt augenzwinkernd schon mal eine weitere Tat an: „Als nächstes holen wir uns euren Kirchturm.“

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