Theater

Das Hildesheimer tfn zeigt mit „Endstation“ eine starke Inszenierung, die das Stück überstrahlt

Hildesheim - Autor John le Carré hat das Drehbuch zu diesem weniger bekannten TV-Kammerspiel in den 1970ern geschrieben, „Endstation“, lautet der Titel dieses Stückes. Für das tfn hat sich ein Team um Regisseur Milan Pešl des Stoffes angenommen, am Samstag war die Premiere. Lohnt sich ein Besuch?

Räuberpistole trifft Charakterdrama – treffsicherer als das Stück sind Martin Schwartengräber und Nina Carolin in den Hauptrollen. Foto: Clemens Heidrich

Hildesheim - Der eiserne Vorhang hebt sich zum Piepen eines Herzmonitors. Grelles Licht rahmt die Kulisse, in der Martin Schwartengräber steht und sich an seinen Koffer klammert. Zu seiner Linken liegt Nina Carolin, alle viere von sich gestreckt; zu seiner Rechten sitzt Marcel Rudert, eine Mandoline vor der Brust und Percussion-Instrumente vor sich. In der Mitte lässt sich ein Zugabteil erahnen, aber alles auf der Bühne ist schief und krumm, verborgen im Halbdunkel und umwabert von Nebel. Das unerbittliche Piepen geht über in einen verzerrten Schrei.

„Endstation“, lautet der entsprechende Titel dieses Stückes. John le Carré, Autor von bekannten Büchern über Agenten und Spionage, hat das Drehbuch zu diesem weniger bekannten TV-Kammerspiel in den 1970ern geschrieben. Für das Theater für Niedersachsen (tfn) hat sich ein Team um Regisseur Milan Pešl, auch selbst Schauspieler und Musiker, des Stoffes angenommen. Anstatt einen britischen Regierungsmitarbeiter mit Verbindungen in die Sowjetunion auf einen zwielichtigen Zugbegleiter treffen zu lassen, schickt die tfn-Inszenierung seine Hauptfigur im Wesenszug zu sich selbst.

Existenzielle Fragen

Statt um Atomprogramme und Militärgeheimnisse geht es Pešl um die Fragen danach: Habe ich ein gutes Leben geführt? Waren meine Entscheidungen richtig? Warum habe ich sie getroffen – und für wen? Diese existenziellen Fragen treten anstelle des Thrills einer Räuberpistole um Doppelagenten im Kalten Krieg (Wem kann man trauen? Wer steht auf welcher Seite? Wer weiß was?). Heißt, die Aufgabe den knapp zweistündigen Abend zu tragen, lastet auf der Hauptfigur. Die wiederum trägt nicht einmal einen Namen. Dadurch stehen sich Adaption und Vorlage so unversöhnlich gegenüber wie die beiden ungleichen Zugbegleiter, um die sich das Stück dreht.

Denn einerseits will die tfndstation eine Geschichte erzählen, die allgemeingültige Fragen aufwirft, die sich jeder stellt und in der sich deswegen jede wiederfinden kann. Andererseits handelt das Stück nun einmal von britischen Spionen und behält Aspekte der Vorlage. Das wiederum verengt das Identifikationspotenzial mit den Figuren. Denn zur Premiere an diesem Samstag dürfte kaum jemand Staatsgeheimnisse mitgebracht haben. Dabei holt Pešl aus dem Text heraus, was geht. Die Hauptfigur, zum Beispiel: vom Vater gering geschätzt, als Mann versagt. Durch die Militärakademie gerauscht, stattdessen Mathe studiert. Keine Frau abgekriegt, sondern Rosen und eine Katze angeschafft. Dass Pešl sein Gegenüber dann mit einer jungen Frau besetzt, die ihm die Leviten liest und Absolution anbietet, ist auf der Erzählebene ein gelungener Kniff. Interessante oder nahbare Figuren entstehen so aber nicht. Dafür bietet der Text zu wenig Drama und zu viel Räuberpistole.

Nina Carolin wirbelt als Mischung aus Mephisto und dem Joker über die Bühne

Was ihre Figuren nicht tragen, schultern die Darstellenden. Nina Carolin wirbelt als Mischung aus Mephisto und dem Joker über die Bühne, Martin Schwartengräber versucht mit Trotz und Wehmut die Fassung zu bewahren. Wie die Inszenierung agiert auch das Ensemble wie im Fiebertraum. Ständig schneidet jemand Grimassen oder brüllt herum. Das liest sich, als sei „Endstation“ mit der Formel „Stil über Substanz“ zu beschreiben. Aber das täuscht, weil es impliziert, dass das Stück substanzlos wäre. Es ist eher so, dass das was „Endstation“ erzählt hinter dem zurückfällt, wie Pešl und sein Team das Stück inszenieren. Denn bei all der Körperlichkeit, mit die Darstellenden agieren, und allen Effekten, die Musiker Marcel Rudert beisteuert – der seiner Mandoline stellenweise sogar Klänge entlockt, die das Rededuell wie ein Duell in einem Spaghetti-Western wirken lässt – bleibt „Endstation“ stilsicher. Musik und Schauspiel, Bühne und Kostüme von Lars Linnhof: Kein Aspekt wirkt überzogen.

„Endstation“ gerät dadurch zum Theaterabend, der bei der Stange und unterhält. Ob das Publikum aber etwas fürs Leben mitnimmt, wenn sich der Vorhang senkt, sei dahingestellt.

  • Hildesheim
  • Hildesheim
Anmerkung zum Artikel

Sie haben einen Fehler im Artikel gefunden? Oder haben Sie weitere Informationen zu dem Thema für uns? Dann teilen Sie uns diese gerne mit.