Kreis Hildesheim - Was bedeutet das Hochwasser in der Region Hildesheim für die hiesigen Wildtiere? Wie kritisch ist die Lage für Vögel und Säugetiere, wenn ihre Biotope plötzlich unter Wasser stehen? Dr. Marie Sange erklärt, wie verschiedene Tierarten auf die Flut reagieren. Sie ist Referentin für Jagd und Landwirtschaft beim deutschen Jagdverband, promovierte Wildtierbiologin und Jagdpächterin in Astenbeck in der Gemeinde Holle.
Eines schickt Sange vorweg: „In einem kälteren Winter wäre die Lage für viele Tiere wohl lebensgefährlich, bei zweistelligen Gradzahlen ist es aber nicht so wild.“ Besonders wichtig sei, dass aktuell kein Schnee liegt, weil die Tiere so gut Nahrung finden. Es sei also kaum damit zu rechnen, dass unzählige Tiere aufgrund des Hochwassers verenden. Und dennoch dürften einige Arten nun vor Problemen stehen.
Rehe
Beim Rehwild kommen zwei Faktoren zusammen, die es den Tieren bei Hochwasser schwer machen. Zum einen verlassen sie ungern ihre Reviere, zum anderen sind diese Reviere mit rund zwei Hektar (ungefähr drei Fußballfelder) relativ klein. Wenn sie aufgrund des Wassers auf neue Flächen ausweichen, belastet das die Tiere. Hinzu kommt, dass sie sich schnell von Menschen gestört fühlen, etwa wenn sich Einsatzkräfte oder Schaulustige auf den noch begehbaren Flächen aufhalten.
Hasen
Der ideale Ort für die Sassen, so nennt man ihre Baue, von Hasen sind flache, freie Landschaften. Das sind allerdings auch genau die Flächen, die bei Hochwasser schnell überfluten. Als Ausweichflächen suchen sie sich wahrscheinlich Heckenränder, also die Übergänge von Wiesen zu strauchigen oder waldigen Flächen. Dort allerdings werden sich auch Fressfeinde tummeln, die ebenfalls Ausweichflächen suchen. Hasen dürften deswegen eine der kritischeren Umstellungen bewältigen müssen.
Dachse und Füchse
Aber nicht nur die Hasen müssen aus ihren Bauen. Dachse und Füchse graben ihre „Wohnungen“ nämlich ausgerechnet am liebsten an Böschungen – und kriegen somit Hochwasser besonders schnell zu spüren. Es ist für die Raubtiere nicht lebensbedrohlich, ihre Baue zu evakuieren. Aber gerade für Dachse bedeutet das eine große Belastung, weil sie ungern „umziehen“. Am liebsten gar nicht: Dachse „vererben“ ihre Baue gerne über Generationen an ihren Nachwuchs. Nach dem Hochwasser werden viele neu bauen müssen. Das dauert bei den Strukturen mit vielen verschiedenen Höhlen, etwa zum Schlafen oder zum Gebären, bis zu sechs Wochen. Als Mensch muss man keine Angst vor den obdachlosen Raubtieren haben. Sie sind scheu und es ist nicht zu erwarten, dass sie sich Menschen nähern.
Wildschweine und Waschbären
Biologisch haben sie wenig miteinander zu tun – aber eines eint Wildschweine und Waschbären: Sie kommen gut mit Wasser zurecht. Waschbären können ohne Probleme auf Bäume flüchten, wo sie ohnehin gerne leben und schlafen. Wildschweine sind gute Schwimmer, die es auch ohne Not mögen, ins Wasser zu gehen.
Enten und Gänse
Relativ stressfrei dürften Enten, Gänse und andere Vögel auf das Hochwasser reagieren. Für sie ist es einfach, sich den Gegebenheiten anzupassen.
