Frau und Tochter berichten aus ihrer Sicht

Bewegtes Leben: Gründer des Familienparks Sottrum wird 90

Sottrum - Peter Deicke ist der Erfinder des Freizeit- und Familienparks in Sottrum. Der kreative Kopf feiert am 8. November seinen 90. Geburtstag. Seine Frau Christa und Tochter Deicke berichten aus ihrer Sicht über das Leben dieses außergewöhnlichen Mannes.

Sottrum - Dieser Verrückte. Da versucht ein Mann, auf dem Hildesheimer Rottsberg vier Esel in einen VW-Bus zu laden. Die 16-jährige Christa, die an jenem Tag Anfang der 70er Jahre dort mit ihren Hunden spazieren geht, sieht das und hilft dem Unbekannten. Als sie ihn wieder trifft, bringt sie ihn mit diesem seltsamen Typen vom Rottsberg zunächst gar nicht in Verbindung. Doch der Lehrer, der ihr und ihrer Freundin das Tanzen beibringen soll, ist genau dieser Mann: Peter Deicke. In ihn wird sich die junge Frau verlieben – und mit ihm ein abenteuerliches Leben teilen.

Am 8. November wird Peter Deicke 90 Jahre alt. Zeit für einen Rückblick. Nicht, dass er sein Leben nicht selbst Revue passieren lassen könnte. Der Mann ist topfit, könnte glatt noch als 70-Jähriger durchgehen. Doch diesmal sollen seine Frau Christa (64) und seine jüngste Tochter Sonja (36) von dem Mann erzählen, der 1930 in Hildesheim als Wilhelm Deicke auf die Welt kam und der den Rufnamen Peter bekam.

Peter, so sollte eigentlich der Kater heißen, den sich der große Bruder des Neugeborenen wünschte. Den Kater gab es nicht, und so bekam eben der kleine Bruder den Namen. Ob dieser skurrile Start schon ein Hinweis war – auf das, was im Leben noch folgen sollte? Vom Tierfänger über Tanzlehrer, bis hin zum Besitzer einer Pony-Farm in Heiligenhafen. Das alles geschah, bevor Christa in sein Leben trat. Deicke war zu diesem Zeitpunkt schon einmal verheiratet und hatte drei Kinder. Seine älteste Tochter Karin ist ein Jahr älter als seine zweite Frau.

„An mir hat er zunächst gar kein Interesse gehabt“, erzählt Christa Deicke im Wohnzimmer ihrer Tochter. Sonja und ihr Mann Thilo sind mit den beiden Kindern Eric (3) und Nora (2) gerade in ihr neues Haus am Rande des Familienparks in Sottrum gezogen. Die Kartons sind noch längst nicht alle ausgepackt. Christa Deicke sitzt am Esstisch und erinnert sich, wie es war, als sie sich in den Tanzlehrer verguckt hatte. Scheinbar gedankenverloren knetet sie etwas Knetgummi der Enkelkinder zwischen den Fingern.

„Er wollte gar nicht“, sagt sie. Doch die damals sehr junge Frau ließ nicht locker. Zehn Monate lang. Dann waren sie ein Paar. „Wir wollten eigentlich erst heiraten, wenn wir 25 Jahre zusammen sind. Dann hätten wir Hochzeit und Silberhochzeit in einem feiern können“, erzählt Christa Deicke. Doch sie gaben sich früher das Ja-Wort. Sonja war da schon ein Teenager. Wie viele Jahre sie nun verheiratet sind? Christa Deicke hebt die Schultern: „So etwas dürfen Sie mich nicht fragen. Er ist derjenige, der keinen Hochzeitstag vergisst.“ Seit Dezember 1996 sind Christa und Peter Deicke verheiratet.

Endlich waren nun auch Sonjas Eltern verheiratet. Denn in der Grundschule war an dem Mädchen das Besondere, dass ihre Eltern in wilder Ehe lebten und nicht etwa, dass sie in Sottrum seit 1986 einen Freizeitpark aufbauten.

Für seine Familie hatte Peter Deicke nur wenig Zeit. Gemeinsames Frühstück, einen Abend vor dem Fernseher – das gab es selten, sagen Mutter und Tochter. Tagsüber arbeitete er am Aufbau seines Freizeitparks, abends brachte er jungen Leuten Walzer und Foxtrott bei. Bis Anfang der 1980er Jahre gab es auch noch die Pony-Farm in Heiligenhafen. Manchmal wartete Christa Deicke spätabends auf ihren Mann, schaute dabei aus dem Fenster. Mehr als einmal beobachtete sie, wie Einbrecher versuchten, bei der gegenüberliegenden Firma Bofrost einzubrechen. „Als er nach Hause kam, sind wir dann gemeinsam auf Verbrecherjagd gegangen“, sagt sie. Einen Täter hätten sie sogar zu fassen bekommen. Nicht das einzige Abenteuer, das Christa Deicke mit ihrem Mann erlebt. Oft bringt er junge Menschen mit nach Hause, die irgendwie in Not geraten oder gestrauchelt sind. Wie viele das waren? Christa Deicke schnauft – „Zahlen!“ Die kann sie sich nicht merken. „Viele.“ Sie erinnert sich an dieses junge türkischstämmige Mädchen, dass sich Anfang der 90er Jahre in einen deutschen Jungen verliebt hatte. Ihre Familie war dagegen und das Mädchen in höchster Not. Die Deickes nahmen sich der jungen Frau an und boten ihr Schutz. „Peter ist mehr Christ als alle anderen“, sagt Christa Deicke. Nächstenliebe sein Credo.

Peter Deicke weiß, dass er sich auf seine Frau voll und ganz verlassen kann, dass sie alles mitmacht. Alles akzeptiert. Nicht nur, wenn er einen riesigen ausgewachsenen Python aufnimmt, der sich eines Tages um seinen Arm wickelt und seine Sehnen zum Reißen bringt. Oder wenn er dem berühmten Polizeischwein Luise das Gnadenbrot in Sottrum gibt. Sie akzeptiert seine vielen Abenteuer-Reisen, die er meistens alleine antritt. „Ich weiß gar nicht, ob er die wirklich plant“, sagt Christa Deicke. Sie hört ihn sagen: Ich will nach Afrika. Und dann fährt er eben ein paar Tage später los.

Und so bereiste Peter Deicke aller Herren Länder. Erfüllt sich mit 70 Jahren noch den Wunsch, quer durch die Mongolei zu reiten. Nach Ägypten fliegt er oft. Dort freundet er sich mit einem Taxifahrer an, der ihn schließlich auf sein Haus noch ein Geschoss zu setzen, um dort eine eigene Wohnung zu haben. Oder sie Leuten anzubieten, die gerade kein Obdach haben. Durch die Sahara ist er allein mit dem Auto gefahren. Dabei erlebte er etwas, auf das er auch getrost hätte verzichten können: Er bekam die Ruhr. „Seitdem war er immer sehr vorsichtig auf Reisen“, sagt Christa Deicke. Egal, wohin ihr Mann auch unterwegs ist. Mehr als eine kleine Tasche nimmt er nicht mit. Und seit der Sache mit der Ruhr besteht das halbe Gepäck aus Lebensmitteln: Knäckebrot, Rosinen und Nüsse. Die Notration nimmt er sogar dann mit, wenn die Familie in einem Hotel mit Vollpension absteigt.

Im vergangenen Jahr fuhr Deicke mit einer Eselkutsche noch durch die Mongolei, war in Ungarn. In diesem Jahr musste Mecklenburg-Vorpommern reichen. Natürlich mit Eselkutsche und Übernachten im Freien. Ein Zelt hatte er nicht dabei.

Das ist anstrengend mit ihm

Während ihr Mann durch die Welt reist, managt Christa Deicke den Park. Ist er wieder da, belädt seine Frau einen Camper und bricht mit einer Freundin nach Spanien auf. Aber es gab auch gemeinsame Familienurlaube: Israel, Fuerte Ventura, Ägypten, Dominikanische Republik oder Neuseeland. „Das ist anstrengend mit ihm“, gesteht Sonja Deicke und wiegt dabei ihren kleinen Sohn auf dem Schoß. Denn Vaters Motto ist: Schlafen kann man zu Hause. Er will etwas erleben.

So jemanden braucht mein Vater als Gegenpol

Wenn ihren Mann mal wieder das Reisefieber packt, bleibt Christa Deicke gelassen. Sie sorgt sich nicht um ihn, sagt sie und walkt das rosa Knetgummi entspannt mit den Händen. „Wenn man nicht in Panik verfällt, kann man viel besser denken“, ergänzt sie und grinst. „So jemanden braucht mein Vater als Gegenpol“, erklärt Sonja Deicke. Auch die Mutter ist überzeugt: Wäre sie wie ihr Mann, wären sie ganz sicher kein Paar mehr.

Denn selbst mit fast 90 Jahren denkt Peter Deicke gar nicht daran, kürzer zu treten. Er rennt durch den Park, bespricht hier und da etwas, bereitet neue Projekte vor, zückt immer wieder das Handy, wenn es in der Hosentasche bimmelt. Und wenn ein Weg versperrt ist? Dann kraxelt er eben über den Zaun. Die Hand, die ihm zur Hilfe entgegengestreckt wird, schaut er beinahe verächtlich an. Er braucht keine Hilfe. Er will sie nicht.

Als ich 16 geworden bin, hat er mir Ohrringe geschenkt.

Obwohl. Ärztliche Hilfe musste er schon oft in Anspruch nehmen. „Als ich 16 geworden bin, hat er mir Ohrringe geschenkt“, erinnert sich Sonja Deicke. Schmuckstücke mit türkisen Steinen. Ihr Vater fürchtete, dass er den 18. Geburtstag seiner jüngsten Tochter nicht erleben könnte. „Ich glaube, es fing mit den Nieren an“, sagt Christa Deicke. Seitdem hat er schon etliche Krebsoperationen hinter sich. Bevor er in den Operationssaal geschoben wird, legt sich Deicke einen Brief, den er an die Chirurgen richtet, auf die Brust. Da steht dann etwas Mutmachendes drin oder ein lustiges selbst geschriebenes Gedicht. „Angst vor dem Tod hat er nicht. Aber vor der nächsten Untersuchung“, sagt seine Frau. Ob er gläubig ist? „Er glaubt an den Sinn des Lebens, das nichts vergeht. Und das alles einen Sinn hat, auch wenn wir den manchmal nicht gleich sehen“, ergänzt Sonja Deicke.

Ich habe auch vieles erst verstanden, wenn er es mir erklärt hat

Als sie ein kleines Mädchen war, hat er sich für sie Geschichten ausgedacht. Hausaufgaben aber hat er mit ihr so gut wie nie gemacht. Wohl ihr aber Zusammenhänge erklärt, wenn es um Geschichte ging. „Er kann großartig bildlich erklären“, sagt die 36-Jährige. „Ich habe auch vieles erst verstanden, wenn er es mir erklärt hat“, gesteht seine Frau. Erklären, dass ist auch ein Ansatz im Park. Deicke versucht, spielerisch Wissen zu vermitteln. Über die Umwelt, die Geschichte, das Weltall, die Tierwelt – einfach alles. Und er hat Spaß daran, selbst noch etwas Neues zu lernen.

Wenn es ungerecht zugeht oder er mitbekommt, wie jemand Tiere quält, wird Deicke zornig. „Er sah einmal, wie ein Jugendlicher einen Esel in den Bauch getreten hat. Da ist er ohne ein Wort auf ihn zugegangen und hat ihm eine runter gehauen“, erinnert sich Christa Deicke. Kinder, die im Park vor seinen Augen ein Insekt tottreten, müssen mit einer tüchtigen Standpauke rechnen. Doch das war es dann auch. Haken drunter. Vergessen. Vergangenes zählt nicht.

„Er hat so verrückte Ideen, die kann kein anderer haben“, sagt sie. Ab und zu muss Christa Deicke ihren total begeisterten Mann auch ausbremsen. Sie, der ruhige Part in der Beziehung, überlegt, wie sinnvoll und ja, auch wie wirtschaftlich sein neuer Einfall ist. „Meine Mutter ist die Realistin“, sagt Sonja Deicke, die den Park vor der Babypause schon geleitet hat und ihn einst weiter leiten wird.

Ich habe auch eigene Ideen

„Er hat noch Ideen für 150 Jahre“, glaubt seine Frau: „Viele hat er schon auf Papier gebracht und für unsere Tochter aufbereitet.“ – „Ich habe auch eigene Ideen“, wirft Sonja Deicke ein und lächelt ihre Mutter an. Doch noch ist Peter Deicke der Chef im Park, Trainer bei Seminaren für Pferdehalter oder zur Kommunikation mit Tieren. Und er wird, sobald es möglich ist, wieder reisen, und wie immer wird er seiner Frau erst ein paar Tage vor dem Start davon erzählen.

Jedenfalls hat er mir das versprochen

Das einzige was er jetzt nicht mehr macht, ist Reiten. „Jedenfalls hat er mir das versprochen“, sagt Christa Deicke und drückt die Knetfigur auf den Esstisch platt. Ob er zu seinem Wort steht? Sie atmet hörbar aus. „Zumindest nicht, wenn ich in der Nähe bin.“

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