Anti-Urin-Lack

Das Pinkel-Problem am Hildesheimer Bahnhof – und eine mögliche Lösung aus St. Pauli

Hildesheim - Wer in der Bahnhofsgegend ein dringendes Bedürfnis hat, der kann lange suchen, bis er ein öffentliches WC findet. So gehen Menschen in Hauseingänge oder Parkplatzecken. Ob ein Hamburger Projekt für Hildesheim Vorbild sein kann?

Hildesheim - Wer mit dem Zug nach Hildesheim kommt oder sich in der Bahnhofsgegend bewegt und ein dringendes Bedürfnis hat, der kann lange suchen, bis er ein öffentliches WC findet. Die Folge: Menschen gehen auf Parkplätze oder in Hauseingänge, um zu pinkeln. Das ärgert vor allem die Anlieger links und rechts des Bahnhofsplatzes. Birgit Borchert, Direktorin des Intercity-Hotels, beobachtet oft Leute, die auf der Rückseite des Amts für regionale Landesentwicklung Leine-Weser stehen. „Die haben auf Ansprache aber nicht reagiert“, sagt sie. „Nicht mal, als ich sie darauf hinwies, dass man sie aus dem Gebäude oder dem gegenüberliegenden Hotel sehen kann.“

Szenen, die auch Melanie Hoppe immer wieder beobachtet, Geschäftsführerin des Modeparks Röther. „In unserer Umgebung gibt es auch Ecken, die regelmäßig aufgesucht werden.“ Dass das keineswegs eine Übertreibung sei, sehe man an den Hauswänden und in den Ecken. Und so ist es auch: Spätestens hinter der ehemaligen Postfiliale ist das Problem nicht mehr zu leugnen.

Gäste in der Bahnhofsmission, die nur ein WC suchen

Die WCs der Bahn sind seit langer Zeit außer Betrieb, wie Susanne Bräuer, die Leiterin der Hildesheimer Bahnhofsmission, genau weiß. Selbst nach Reparaturen funktionierten sie immer nur sporadisch. Seitdem hat auch Bräuer oft Gäste, die weder Hilfe noch Beratung suchen – nur ein Klo. „Dabei sind wir gar nicht darauf eingerichtet“, sagt sie, „wir haben auch nur eine Toilette für uns beziehungsweise unsere Besucher. Aber immer nein sagen, das wollen wir auch nicht.“

Auf dem Bahnhofsvorplatz befindet sich zudem eine Filiale des Bäckers Engelke – mit einem WC auf der Rückseite des Kiosks. Auf der Tür: ein Rollstuhl-Piktogramm. „Ja“, bestätigt die Mitarbeiterin, „wir haben hier zwar eine Toilette, aber ausschließlich für Menschen mit einem Behindertenausweis.“

Hamburger Vorbild: „St. Pauli pinkelt zurück“

Doch sind die fehlenden Toilette das Problem oder die fehlende Sensibilität der Leute? Hoppe glaubt: Es sind tendenziell eher die Leute, die sich ungeniert in der Öffentlichkeit an Hauswände stellen – nach ihrer Beobachtung tatsächlich vorwiegend Männer. „Wir sehen ja, dass es denen gar nichts ausmacht, wenn jemand danebensteht oder wenn man sie bittet, woanders hinzugehen.“

Wiebke Wrede-Olberg, Wirtschaftsförderin der Stadt, setzt sich im Rahmen der Quartiersplanung mit dem Problem auseinander. Sie stellte den Anwohnern neben dem Vorschlag, Toiletten aufzustellen, unlängst auch die Hamburger Lösung vor, das Konzept „St. Pauli pinkelt zurück“. Da man auf der Reeperbahn und in der Große Freiheit ein Lied vom wilden Pinkeln singen kann, werden dort jetzt Hauswände mit einem Anstrich überzogen, einem sogenannten Anti-Urin-Lack.

Viele Orte auf der Welt haben das Problem

Der wurde testweise an fünf Standorten aufgetragen. Mittlerweile habe es auch aus anderen Städten Anfragen gegeben, etwa aus Bonn oder Berlin, wie die Quartiersmanagerin der Reeperbahn, Julia Staron, gegenüber der Zeitung Die Welt äußerte. Sogar auf der Partyinsel Mallorca wird der Lack genutzt. „Seien wir mal ehrlich: Es gibt viele Orte auf der Welt mit diesem Problem“, so Staron. Die Geruchsbelästigung im Alltag sei spürbar zurückgegangen - viele hätten verstanden, St. Pauli als Lebensraum zu verstehen. Das wünschen sich die Anlieger für Hildesheim auch.

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