Kreis Hildesheim - Als die Lehrerin in der sechsten Klasse fragte, wer von den Schülerinnen und Schülern sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen wolle, meldete sich die Zwölfjährige: „So lange es nicht von der Stiko empfohlen ist, lieber nicht, sagen meine Eltern.“ Da schallten spontan Buh-Rufe durch den Raum, so schilderte es die Schülerin eines Gymnasiums im Landkreis Hildesheim später. „Einige meinten sogar, dann könnten wir uns halt nicht mehr treffen.“
Die Frage sorgt schon länger für Diskussionen in Schulen, in Familien, unter Nachbarn, bei Ärztinnen und Ärzten: Sollen sich Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren gegen Corona impfen lassen oder nicht? Tatsache ist: Der Impfstoff von Biontech ist für diese Altersgruppe zugelassen. Tatsache ist auch: Die Ständige Impfkommission (Stiko) des Bundes empfiehlt den Einsatz bei Kindern und Jugendlichen bislang nur bei bestimmten Vorerkrankungen, auch viele Kinderärztinnen und -Ärzte verweisen darauf.
Weil gegen die Stiko
Aus medizinischer Sicht ist also keine Eile geboten, aus politischer Sicht schon. Um den Präsenzunterricht in den Schulen abzusichern und die Impfquote in der Bevölkerung insgesamt zu steigern, drängen Vertreter von Bundes- und Landespolitik die Stiko-Wissenschaftler seit Wochen zu einer anderen Position. Die lassen sich aber bislang nicht treiben.
Für diesen Sonntag ruft das Land nun zur ersten konzertierten Impf-Aktion für Kinder und Jugendliche auf – eine bundesweit in der Form einmalige Aktion. Zuvor hatte Ministerpräsident Stephan Weil die Haltung der Stiko als „überhaupt nicht nachvollziehbar“ kritisiert. Doch zeigt die Aktion auch, wie gespalten die Fachwelt ist. Etwa die Hälfte der niedersächsischen Impfzentren macht mit, einige lehnen das aber auch explizit ab und verwiesen dabei auf die Stiko.
Hildesheim vorerst ausgebucht
Im Landkreis Hildesheim sind beide Impfzentren dabei. Anmeldungen sind ausschließlich über die Hotline 0800 / 9 98 86 65 möglich. Im Impfzentrum Hildesheim sind die für Sonntag eingeplanten 400 Termine bereits ausgebucht, die Nachfrage ist noch weit größer. Mehr Termine sind aber an dem Tag aus Kapazitätsgründen nicht möglich. Der Landkreis bemüht sich derzeit beim Land darum, die Sonderaktion schon am Samstag starten und am kommenden Wochenende wiederholen zu können. In Alfeld sind knapp 180 Termine vergeben und noch einige Plätze frei.
Für die amtierende Chefin der Kreisverwaltung, die Erste Kreisrätin Evelin Wißmann, war es dabei „keine Frage, dass wir uns an dieser Sonderaktion beteiligen“. Der Landkreis unterstütze es „ausdrücklich und gern“, jungen Menschen nun in einer großen Aktion den schnellen Zugang zu einer Impfung zu ermöglichen. „Gerade für Schülerinnen und Schüler, die ein schwieriges Schuljahr mit Distanzunterricht meistern mussten, gibt eine Impfung eine wichtige Perspektive für einen normalen Schulalltag“, so Wißmann.
Doch was sagen eigentlich die Betroffenen? Fühlen sich Kinder und Jugendliche eher unter Druck gesetzt, sich impfen zu lassen, wie die eingangs erwähnte Schülerin? Oder sind sie vielmehr froh, endlich mehr Möglichkeiten zu bekommen, sich impfen zu lassen, wenn sie das denn möchten?
Kreisschülerrat dafür
Das Votum des Kreisschülerrates fällt auf eine HAZ-Anfrage hin ebenso ausführlich wie eindeutig aus: „Wir begrüßen die Impfaktionen für Zwölf- bis 17-Jährige in Hildesheim und Alfeld ausdrücklich“, betont Sprecher Marius Müller. „Es ist wichtig, auch dieser Altersgruppe möglichst schnell und umfassend ein Impfangebot zu machen. Jede Impfung ist ein elementarer Bestandteil der Pandemiebekämpfung!“
Impfungen seien „ein wichtiger Faktor für sicheren Unterricht an Schulen nach den Ferien“, betont Müller, der selbst das Gymnasium Himmelsthür besucht und dort vor einigen Wochen den ersten Ausbruch der Delta-Variante im Kreis Hildesheim aus der Nähe miterlebte.
„Selbst entscheiden“
Die Pandemie und das Thema Impfungen bewegten die Schülerinnen und Schüler. Sozialer Druck dürfe daraus aber auf keinen Fall entstehen, appelliert Müller an Jugendliche und Lehrkräfte. Der Kreisschülerrat wünsche sich, „dass sich die Jugendlichen innerhalb ihrer Familie mit dem Thema auf Augenhöhe auseinandersetzen, abwägen und entscheiden, wie man verfährt“. Auch der Austausch mit einer Ärztin oder einem Arzt könne helfen. „Aber am Ende sollten die Jugendlichen auf Grundlage der Fakten und medizinischen Einschätzungen selbst entscheiden.“
Eine Rolle spiele für diese klare Haltung auch die Feststellung, „dass in den zurückliegenden Monaten in der öffentlichen Debatte oft über Schülerinnen und Schüler, doch selten mit ihnen über grundlegende Entscheidungen in der Pandemie gesprochen wurde“. Zwar habe es fast von Anfang an geheißen, dass Bildung und Schule „höchste Priorität“ hätten. Doch das sei nicht hinreichend in angemessene politische Maßnahmen umgesetzt worden.
Auch Elternrat lobt
Müller betont: „Schülerinnen und Schüler und die Jugend insgesamt haben in der Pandemiezeit Unglaubliches geleistet – unter höchst widrigen Umständen.“ Nun bräuchten sie Raum, das Versäumte nachzuholen, in der Schule wie im sozialen Leben. Deshalb sei es richtig, dass Impfungen zumindest angeboten würden.
Positiv reagiert auch der Kreiselternrat auf die Impfaktionen: „Wir begrüßen dieses explizite Angebot natürlich und hoffen, dass es von vielen Familien wahrgenommen wird“, betont der Vorsitzende Torge Schäfer. Der Kreiselternrat habe in den vergangenen Monaten über alle Corona-Maßnahmen in Schulen viel diskutiert, Impfungen seien dabei sicher das beste Mittel. Sie seien aber eine private Entscheidung und müssten dies auch bleiben, betont Schäfer und versichert: „Von einem sozialen Druck zur Impfung habe ich bisher nichts aus Schulen oder von den Kindern gehört.“
Kinderarzt bremst
Der Hildesheimer Kinderarzt Dr. Harald Raith begrüßt das Impfangebot für Jugendliche ebenfalls grundsätzlich, rät aber zugleich zur Zurückhaltung. Man müsse sich darüber im Klaren sein, dass die Vorteile der Impfung gegen Corona für den Jugendlichen selbst „nicht so eindeutig sind wie für einen älteren Menschen, bei dem die Vorteile ganz immens gegenüber den möglichen Risiken der Impfung überwiegen, weil die Krankheit selbst oft schwerwiegend verläuft“.
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Bei Jugendlichen verlaufe die Erkrankung oft weniger schwerwiegend, die Impfung scheine aber bei ihnen mehr Nebenwirkungen zu haben als bei den Älteren. „Darum halte ich ein abwartendes Verhalten auch noch für gerechtfertigt. Wenn Eltern trotz dieser Aussage die Impfung wünschen, so können sie ihre Kinder aber gern impfen lassen. Zum Schutz der Bevölkerung trägt dies allemal bei“, stellt Raith fest.
Seine Hoffnung: „Gegen Ende des Sommers werden wir genauere Daten haben und besser entscheiden können.“
Die CDU-Landtagsabgeordnete Laura Hopmann betont indes: „Als Mutter und Volksvertreterin schockiert es mich zu hören, dass es Impfzentren gibt, die Kinder über zwölf Jahren nicht impfen wollen, obwohl der Impfstoff entsprechend zugelassen ist und die Betroffenen es möchten. Gott sei Dank zählt unser Landkreis nicht dazu.“
