Kreis Hildesheim - Eine halbe Millionen Menschen folgen ihr in den sozialen Medien, lassen sich von ihr ihre Sicht auf die Landwirtschaft erklären: Die 26-Jährige Marie Hoffmann, mal mit Ferkel auf dem Arm, mal vor einem schweren Traktor posierend, ist zu einem Gesicht der Landwirtschaft in Deutschland geworden. Auf Einladung der Volksbank Hildesheim Lehrte Pattensen ist sie in der kommenden Woche zu Gast bei einer Veranstaltung „Zukunft Landwirtschaft“ in Hildesheim. Aufgrund der großen Nachfrage hat das Kreditinstitut die Kapazitäten inzwischen erweitert.
Guten Tag Frau Hoffmann, wo waren Sie am Montag mit Ihrem Trecker unterwegs?
Auf der Bundesstraße 1 zwischen Unna und Bad Sassendorf. Es war sehr friedlich, teilweise haben Anwohner uns mit Plakaten unterstützt, Autofahrerinnen und Autofahrer haben uns Daumen-Hoch-Zeichen gegeben, obwohl sie im Stau standen.
Manchen Bauern geht es nur um den Agrardiesel, andere wollen die Ampel-Regierung weghaben. Was ist Ihr Ziel bei den Kundgebungen?
Mir und ganz vielen anderen geht es nicht um Umsturzfantasien. Die Bundesregierung ist demokratisch gewählt und bleibt bis zum Ende der Legislaturperiode im Amt. Das ist auch völlig okay. Aber es geht uns trotzdem nicht nur um den Agrardiesel, es geht um viel mehr. Das wurde lange nicht so gut kommuniziert, auch vom Deutschen Bauernverband nicht.
Sondern?
Das war eher der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Aber wir haben seit Jahrzehnten ein grundsätzliches, strukturelles Problem in der Agrarpolitik. Wir sind stark abhängig von Subventionen und vom Weltmarkt. Denn: Wir haben höhere Standards als andere, das macht es teurer, dafür brauchen wir einen Ausgleich. Aber je mehr und schärfere Auflagen wir bekommen, desto geringer wird unser Handlungsspielraum, etwa für Investitionen.
Was schlagen Sie vor?
Wir brauchen endlich EU-einheitliche Standards und andere Handelsbeschränkungen. Im Moment haben schon die einzelnen EU-Länder unterschiedliche Vorgaben – zum Beispiel auch beim Agrardiesel, aber auch in vielen anderen Bereichen. Dennoch konkurrieren wir auf dem Binnenmarkt. Und auf dem Weltmarkt konkurrieren wir mit Erzeugern, die noch weit geringeren Standards zu Umwelt, Tierwohl und so weiter unterliegen.
Was folgt daraus?
Idealerweise sollten landwirtschaftliche Erzeugnisse nicht in Handelsabkommen wie Mercosur (mit südamerikanischen Staaten, Anmerkung der Redaktion) einbezogen werden, wenn die Hersteller nicht hiesige Standards erfüllen. Wer Autos nach Deutschland verkauft, muss sich ja auch nach den hier herrschenden Vorgaben richten. Und der EU-Binnenmarkt muss tatsächlich einheimische Bedingungen bekommen.
Noch einmal zum Agrardiesel: Der steht auf einer Liste mit klimaschädlichen Subventionen. Und die sollen gekürzt werden.
Ich weiß. Das ist ja auch grundsätzlich richtig. Aber weil man sich ans Kerosin nicht herantraut, wegen der internationalen Verwicklungen, gibt es wieder das Bauernopfer, sagte ich mal überspitzt.
Soll beim Diesel einfach alles bleiben, wie es ist?
Gar nicht. Aber wir brauchen erst einmal Alternativen. Sonst zahlen wir zwar mehr Steuern auf Diesel, aber davon wird kein Kilometer weniger auf dem Acker gefahren und kein Liter Diesel weniger verbrannt. Wir brauchen auf jeden Fall alternative Antriebskonzepte, aber die werden von den Behörden bisher blockiert.
Was meinen Sie?
Traktoren könnten zum Beispiel vielleicht auch mit Biomethan fahren, aber der nötige Umbau der Biogasanlagen wird nicht gestattet. Es fehlt also die Grundlage. Eine Möglichkeit wären auch Pflanzenöle als Brückentechnologie, aber das Umweltministerium will beim Rapsöl weiter kürzen. Irgendeine Brücke brauchen wir aber. Wenn wir die haben, wäre es auch okay, die Steuererstattung beim Agrardiesel schrittweise abzubauen. Wie die Industrie und andere Bereiche brauchen wir Hilfe bei der Transformation.
Was kann, was muss die Landwirtschaft in Deutschland aus sich selbst heraus verändern? Sie befassen sich zum Beispiel viel mit Tierwohl, aktuell auch mit der Frage, wie man Bodenverdichtung reduzieren kann.
Ich beschäftige mich viel mit regenerativen Saatkonzepten, etwa Direktsaat. Arbeitsweisen, bei denen wir weniger stark in den Boden eingreifen müssen, um so auch Wildtiere zu schonen. Um solche Fragen können und sollten wir uns auf jeden Fall kümmern. Das kann uns auch wirtschaftlich helfen, wenn zum Beispiel durch einen weniger stark verdichteten Boden die Erträge steigen.
Und beim Tierwohl?
Da ist es schwieriger geworden, auch wenn mir das Thema sehr wichtig ist.
Warum?
Produkte aus Betrieben mit höherem Anspruch an das Tierwohl sind natürlich teurer. Da ist die Nachfrage total zurückgegangen, schon in der Corona-Zeit, aber erst recht durch die Inflation. Dabei bin ich weiter der Meinung, dass wir einen drastischen Umschwung in der Tierhaltung bräuchten – nur werden die Erzeugnisse dann eben auch drastisch teurer.
Klingt fast, als wären dafür auch Subventionen nötig?
Natürlich wäre es besser, wenn wir diesen Umschwung als Gesellschaft ohne den Staat hinbekommen würden. Das scheint mir aber praktisch kaum umsetzbar. Ich denke, der Staat müsste hier den Lebensmittel-Einzelhandel viel stärker regulieren. Der hat ja praktisch eine Monopolstellung. Da müssten Landwirte mit höheren Tierwohl-Standards mehr Geld bekommen. Und gesamtgesellschaftliche wäre viel mehr Bildung im Bereich Ernährung nötig.
Wie stellen Sie sich das vor?
Es müsste viel mehr Aufklärungsarbeit in Kitas, in Schulen und im öffentlichen Rundfunk geleistet werden. Im Moment gibt es eine große Lücke zwischen dem Wunsch nach mehr Tierwohl und dem Verhalten beim Einkaufen. Diese Lücke sollten wir als Gesellschaft zu schließen versuchen.
Marie Hoffmann spricht am Mittwoch, 17. Januar, um 18 Uhr im Rahmen der Veranstaltung „Zukunft Landwirtschaft“ der Volksbank Hildesheim Lehrte Pattensen im Hotel Novotel in Hildesheim. Sie hält einen Impulsvortrag mit dem Titel „Moderne Landwirtschaft – Zwischen Ernährungssicherung und Umweltschutz“. Im Anschluss folgt eine Podiumsdiskussion mit Landwirt und Pastor Christian Bruns aus Bilm sowie Landwirtin Elise Köhler aus Immensen. Moderator ist Volksbank-Vorstandsmitglied Volker Böckmann. Interessierte können sich bis zum 14. Januar kostenfrei hier anmelden.
